Grooviger und tanzbarer Post-Punk

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Messer
15. März 2025 • 674fm, Köln

Die Müns­te­ra­ner Post-Pun­ker Mes­ser for­mier­ten sich bereits im Jahr 2010 und bestehen aus Sän­ger und Front­mann Hen­drik Otremba, der auch ein tol­les Solo­al­bum ver­öf­fent­licht hat, Bas­sist Pogo McCart­ney, Gitar­rist Milek und Schlag­zeu­ger Phil­ipp Wulf. Anläss­lich sei­nes 15-jäh­ri­gen Bestehens ver­öf­fent­licht das Quar­tett mit sei­ner Com­pi­la­tion Die Uner­hör­ten“ nicht nur eine bemer­kens­werte Werk­schau bestehend aus B‑Seiten, Out­takes, Demos und Kol­la­bo­ra­tio­nen, son­dern es gibt zum Jubi­läum auch ein klei­nes Radio­kon­zert im Club­raum des Köl­ner Web­ra­dios 674fm. Glück für mich, dass ich noch einen Kon­zert­gut­schein bei Ste­fan gut habe – so wird die­ser Kon­zert­abend für mich zur All-Inclu­sive-Ver­an­stal­tung: Anreise, Getränke, Ein­tritt, alles drin. Also auf nach Köln. Ste­fan fährt.

Doppelter Support aus Leipzig

Am Ein­gang der Venue prangt gleich der Hin­weis Aus­ver­kauft“. Den­noch bleibt es in dem knapp 150 Gäste fas­sen­den Club-Kel­ler ange­nehm locker und luf­tig. Neben den Jubi­la­ren von Mes­ser betre­ten heute Abend noch zwei wei­tere Acts die Bühne: Zunächst der Leip­zi­ger Autor und Musi­ker Timm Völ­ker, der mit E‑Gitarre und Drum-Machine einen aus­ge­wo­ge­nen Wech­sel zwi­schen intro­spek­ti­ven und ener­gie­ge­la­de­nen Sequen­zen erzeugt. Seine Erleb­nisse aus Mit­tel­deutsch­land füh­ren zu einer fes­seln­den, inten­si­ven Atmo­sphäre, die irgendwo zwi­schen redu­zier­tem Post-Punk und Süd­staa­ten-Blues schwebt. Beson­ders die düs­tere Elek­tro-Bal­lade Geis­ter­truck“ von sei­nem 2025er Album bleibt im Gedächt­nis. Lei­der fällt seine Show etwas zu kurz aus. Auch dem Publi­kum gefällt es, es for­dert eine kleine Zugabe. Timm Völ­ker, mit Blick auf den Mann am Misch­pult: OK, eine kleine Ver­län­ge­rung wird wohl drin sein.“ Auch der nächste Act kommt aus Leip­zig: Die vier­köp­fige Indie-Punk-Band Vel­cros spielt leicht­fü­ßi­gen Punk- und Indie-Rock mit ein­gän­gi­gen Melo­dien – ein ener­gie­ge­la­de­ner Sound­mix aus diver­sen alter­na­ti­ven Gen­res. Das macht eine Zeit lang Spaß, bie­tet aber keine gro­ßen Über­ra­schun­gen. Auch sie loben noch ein­mal den vor­an­ge­gan­ge­nen Act: Krass gut, was Timm Völ­ker da gemacht hat.“ Wohl wahr.

Intensive, expressionistische Show

Nur ein Stück Seife, weil du dir nicht mehr sicher bist, in eine andere Welt bist du ver­liebt, was wird es ändern, wenn es dazu kein Was­ser gibt“ – Otrem­bas ein­dring­li­che, schnei­dende Stimme erfüllt den klei­nen Club. Die Müns­te­ra­ner Mes­ser star­ten ihre Show mit dem kryp­ti­schen Spo­ken-Word-Song Kachel­bad (Pro­log)“ aus 2016 (Otrem­bas zwei­ter Roman trägt übri­gens den Titel Kachel­bads Erbe“). Danach fol­gen die bei­den Ope­ner ihres 2024er Albums Kra­ter­mu­sik“: Mit hüp­fen­dem Bass, hel­len Gitar­ren­me­lo­dien und ver­schach­tel­ten Rhyth­men erklingt Frie­den fin­den“. Fast über­gangs­los folgt das Ska-infi­zierte, auf­ge­kratzte Schwei­ne­lobby (Der Defä­tist)“ – damit ist der große Bogen des eigen­stän­di­gen Mes­ser-Klang­raums mit all sei­nen Refe­ren­zen gespannt: Post-Punk, Kraut, Dub und Funk, alles ist mög­lich – und Otrem­bas eigen­wil­lige Sprech­stimme schwebt mit viel Hall über allem. Über­haupt steht der Voll­blut-Front­mann im Stile eines Ian Cur­tis im Mit­tel­punkt der inten­si­ven Show. Mit ruck­ar­ti­gen, epi­lep­sie­ar­ti­gen Tanz­be­we­gun­gen bewegt er sich trance­ar­tig über die win­zige Bühne, hakt sich in das tief­hän­gende Gerüst der Licht­an­lage und schlän­gelt sich beim abgrün­di­gen Augen in der Dun­kel­heit“ wip­pend durchs Publi­kum. Seine Büh­nen­prä­senz ist inten­siv und hyp­no­ti­sie­rend, aber bei aller Düs­ter­nis der Per­for­mance ist er bes­tens auf­ge­legt. Immer wie­der bedankt er sich bei den zahl­reich erschie­ne­nen Fans, den Song Es gibt etwas“ kün­digt er gar gut gelaunt mit einem köl­schen Dat gib­bet doch gar net“ an. Kein Wun­der, dass bei einer sol­chen Show der Funke auch auf das Publi­kum über­springt. Das hat eben­falls sicht­lich Spaß und gibt unter ande­rem beim hym­ni­schen Die kapie­ren nicht“ text­si­cher einen viel­stim­mi­gen Chor. Es ist ein beein­dru­cken­des 80-minü­ti­ges Mes­ser-Kon­zert, lei­der ohne Zugabe — ist schließ­lich auch ein Radio­kon­zert. Mes­ser haf­tet nicht zuletzt wegen der ver­kopf­ten, obsku­ren Texte eine gewisse, ver­schro­bene Kunst-Atti­tüde an, live zeigt sich das Quar­tett aller­dings radi­kal, roh und gewaltig.

Ein tol­ler, beein­dru­cken­der Abend – fin­det auch Ste­fan, der mich sicher durch die kalte Nacht zurück nach Düs­sel­dorf kut­schiert. Vie­len Dank!