Water from Your Eyes ist ein amerikanisches Indie-Noise-Duo, bestehend aus Rachel Brown und Nate Amos, ursprünglich aus Chicago, inzwischen in Brooklyn, New York, ansässig. In den 2010er-Jahren lernten sich die beiden kennen, als Brown ein DIY-Wohnzimmerkonzert besuchte, das in dem Haus stattfand, in dem Amos zu der Zeit wohnte. 2016 veröffentlichten sie unter dem Namen Water From Your Eyes ihre selbstbetitelte Debüt-EP. Ihre Musik lässt sich stilistisch nur schwer festlegen – sie bewegt sich gekonnt zwischen Alt-Pop, Art-Rock, Krautrock, Experimental-Pop, Indie-Pop und Shoegaze, wobei sie sich selbst gern als Dance-Punk bezeichnen. Anfang 2023 verkündet das Duo den Wechsel zum Indie-Label Matador Records – hier erscheint ihr gefeiertes „Everyone’s Crushed“. Damit wird das Duo fester Bestandteil der New Yorker Indie-Szene. Live wird die Band inzwischen von Al Nardo (Gitarre) und Bailey Wollowitz (Drums) ergänzt. Neben Festival- und Tourshows (u. a. vor 160.000 Fans in Mexiko-Stadt als Support von Interpol) organisierten sie in New York auch eigene DIY-Bootskonzerte. Parallel arbeiten beiden an ihren Solo-Projekten „thanks for coming“ (Rachel Brown) und „This Is Lorelei“ (Nate Amos).
There’s no enemynothing but skinGod make me wind
Textausschnitt aus „Blood on the Dollar”
13,79 Milliarden Jahre ist das Universum alt – der Mensch hingegen kratzt mit seinen 300.000 Jahren kaum an der Oberfläche. Ein kosmisches Wimpernzucken voller Chaos, Schönheit und Selbstüberschätzung. Genau diesem Spannungsfeld zwischen Bedeutungslosigkeit und Größenwahn widmen sich Water From Your Eyes auf ihrem sechsten Album„It’s A Beautiful Place“. „Die Erde überlebt uns sowieso. Wir sind nur ein kurzes Aufflackern“, kommentiert Nate Amos trocken. Ein Aufflackern, das mal nach Nu-Metal klingt, mal nach Grunge, letztlich aber oft in verträumtem Dream-Pop landet.
Vom Schlafzimmer zur großen Bühne
Aufgenommen wurde das Album wie alle bisherigen: in Amos’ Schlafzimmer, unter den wachsamen Augen eines zerfledderten Robin-Williams-Posters aus der „Mork & Mindy“-Ära. „Im Grunde“, witzelt Amos, „ist Robin wie ein stilles Mitglied von Water From Your Eyes.“ Doch längst ist aus dem DIY-Projekt eine Band für große Bühnen geworden. „It’s A Beautiful Place“ ist mit knapp 30 Minuten Spielzeit ein schlankes Album – aber vollgestopft mit Ideen.
Zwischen Shoegaze und Kraut
Der Einstieg „One Small Step“ schwebt 30 Sekunden lang schwerelos, bevor „Life Signs“ mit hektischen 5/8‑Beats losbricht. Rachel Browns stoischer Gesang öffnet sich zu einem gewaltigen Refrain, während Amos die Gitarre malträtiert. „Nights in Armor“ verwandelt die brachialen Riffs in verschleierten Shoegaze, „Born 2“ legt noch eine Schippe drauf mit wuchtigen Gitarren und glitzernden Synths. Nach einem kurzen, instrumentalen, ambienthaften Interlude „You Don’t Believe in God?“ schlägt „Spaceship“ eine neue Richtung ein: psychedelischer Krautrock, indisch anmutende Gitarrenfiguren, brüchige Beats und plötzliche Kurswechsel zwischen Melodie und Dissonanz.
Tanz auf dem Vulkan
Das Herzstück der Platte ist „Playing Classics“ – ein pumpender Dance-Pop-Track, getragen von einer flirrenden Piano-Linie, die sich über sechs Minuten hält. „We’ve got modern idols for the end of an age /There’s no lost future, baby“, singt Brown, während die Band den Dancefloor am Rand des Untergangs feiert. Knappe 50 Sekunden lang sägt der kurzen, noisigen Titeltrack bevor er nahtlos in den zarten, leicht windschiefenIndie-Rocker „Blood on the Dollar“ übergeht, der ein wenig Hoffnung macht: „There’s no enemy /nothing but skin /God make me wind“. Im Kontext des Albums klingt es wie ein kleines, poetisches Plädoyer für Frieden durch Auflösung des Egos – ein Sich-Kleinmachen im Angesicht des gigantischen Universums. Mit der einminütigen, düsteren Ambient-Industrial-Miniatur „For Mankind“ beenden ihr kurzes, aber kurzweiliges Album.
Chaos und Schhönheit
„It’s A Beautiful Place“ ist ein kompaktes, aber enorm vielseitiges Werk: von Shoegaze bis Dance-Pop, von Krautrock bis Ambient. Water From Your Eyes verdichten Chaos und Schönheit, Ironie und Ernst zu einem Soundtrack unserer kosmischen Bedeutungslosigkeit – und machen daraus ein kleines, berauschendes Erlebnis.