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Geologist

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Brian Weitz (1979 in Bal­ti­more, Mary­land) ist ein US-ame­ri­ka­ni­scher Musi­ker, Pro­du­zent und Klang­künst­ler, der als Mit­glied von Ani­mal Coll­ec­tive zu den prä­gen­den Figu­ren der expe­ri­men­tel­len Pop­mu­sik der 2000er-Jahre zählt. Die Band gilt bis heute als eine der ein­fluss­reichs­ten For­ma­tio­nen zwi­schen Psy­che­de­lic Pop, Avant­garde und elek­tro­ni­scher Klang­for­schung. Unter dem Alias Geo­lo­gist agiert Weitz inner­halb des Kol­lek­tivs weni­ger als Front­fi­gur denn als Archi­tekt im Hin­ter­grund. Mit Sam­plern, Syn­the­si­zern, Field Recor­dings und einer Viel­zahl an Effek­ten formt er jene schil­lern­den Tex­tu­ren und atmo­sphä­ri­schen Ver­dich­tun­gen, die den Sound von Ani­mal Coll­ec­tive ent­schei­dend prä­gen. Wäh­rend Avey Tare und Panda Bear als Song­wri­ter und Sän­ger im Vor­der­grund ste­hen, sorgt Weitz für struk­tu­relle Tiefe, klang­li­che Über­gänge und jene schwer greif­ba­ren Sound­flä­chen, die viele der Stü­cke zusam­men­hält. Neben der Arbeit im Band­kon­text wid­mete er sich immer wie­der expe­ri­men­tel­len Neben­pro­jek­ten und Kol­la­bo­ra­tio­nen, etwa mit Doug Shaw als The Cot­ton Museum oder im Duo Geo­lo­gist & D.S. Mit sei­nem 2026 erschie­ne­nen Solo­al­bum Can I Get a Pack of Camel Lights? tritt er deut­li­cher als eigen­stän­di­ger Künst­ler her­vor. Darin stellt er die Dreh­leier ins Zen­trum und ver­bin­det archai­sche Instru­men­tie­rung mit Drone, Mini­ma­lis­mus und psy­che­de­li­scher Klang­for­schung – weni­ger als Rück­griff auf Tra­di­tion denn als zeit­lose Klang­un­ter­su­chung. Sein Künst­ler­name ent­stand übri­gens aus einer Mischung aus Prag­ma­tis­mus und Miss­ver­ständ­nis: Bei Live-Auf­trit­ten trägt Weitz eine Stirn­lampe, um im Dun­keln seine elek­tro­ni­schen Geräte bedie­nen zu kön­nen – ein Erschei­nungs­bild, das an einen Geo­lo­gen bei der Arbeit erin­nert. Hinzu kam die hart­nä­ckige Annahme eines Freun­des, er stu­diere Geo­lo­gie. Der Name blieb – und passt bis heute erstaun­lich gut zu einem Musi­ker, der Klang­schich­ten frei­legt wie Gesteinsschichten.

Geologist
Can I Get a Pack of Camel Lights?

Ver­öf­fent­licht: 30. Januar 2026
Label: Drag City /​Indi­gods

Die Initi­al­zün­dung für Brian Weitz’ Solo-Debüt liegt fast drei Jahr­zehnte zurück. Damals erlebte der als Geo­lo­gist bekannte Mul­ti­in­stru­men­ta­list von Ani­mal Coll­ec­tive eine Per­for­mance des japa­ni­schen Free-Music-Radi­ka­len Keiji Haino auf der Hurdy Gurdy – der Dreh­leier. Ein archai­sches mit­tel­al­ter­li­ches Sai­ten­in­stru­ment. Die­ses Erleb­nis ließ ihn nicht los. Nun wird es auf Can I Get a Pack of Camel Lights?“ zum zen­tra­len Ele­ment. Weitz, der bei Ani­mal Coll­ec­tive meist als Klang­ar­chi­tekt im Hin­ter­grund an den Reg­lern agiert, stellt hier die Dreh­leier ins Zen­trum – nicht folk­lo­ris­tisch, son­dern als klang­li­che Ver­suchs­an­ord­nung zwi­schen Drone, Kraut­rock, Jazz-Funk und psy­che­de­li­scher Meditation.

Eine Maschine, die atmet

Unter­stützt wir er vom Ani­mal-Coll­ec­tive-Kol­le­gen Dave Avey Tare“ Port­ner (Bass), den Schlagzeuger*innen Emma Garau, Ali­anna Kalaba und Ryan Oslance sowie Shane McCord (Kla­ri­net­ten), Mikey Powers (Cello) und punk­tu­ell Adam Lion am Vibra­phon, auch Weitz’ Sohn Mer­rick, der auf Govern­ment Job“ akus­ti­sche Gitarre spielt, gehört zum Ensem­ble. Der Ope­ner Ora­cle Road“ eta­bliert die Rich­tung: ein lang­sam anschwel­len­der Drone, der sich aus­dehnt und zusam­men­zieht wie ein Atem­zug. Rhyth­mus ist ent­steht hier aus der mecha­ni­schen Rei­bung des Instru­ments, das nicht wie ein his­to­ri­sches Relikt wirkt, son­dern wie ein ana­lo­ger Syn­the­si­zer aus Holz.

Rock aus dem Mittelalter

Am ein­drück­lichs­ten wird das Album, wenn Weitz die Dreh­leier ver­frem­det. Auf Tonic“ klingt sie stel­len­weise wie ein ver­zerr­tes Gitar­ren­riff in End­los­schleife – ner­vös, gespannt, kurz vor dem Aus­bruch. Das mit­tel­al­ter­li­che Instru­ment mutiert zum Rock­werk­zeug, ohne seine archai­sche Fremd­heit zu ver­lie­ren. RV Envy“ öff­net sich rhyth­misch stär­ker, mit fast fun­ki­gem Unter­ton und jaz­zi­gen Akzen­ten. Im Zen­trum steht jedoch Com­pact Mir­ror /​Last Names“: Über neun Minu­ten ent­fal­tet sich ein hyp­no­ti­scher Sog aus mini­mal ver­scho­be­nen Moti­ven, zar­ten Beats und aus­fran­sen­den Noise-Pas­sa­gen. Wie­der­ho­lung wird hier zur Dra­ma­tur­gie. Pump­kin Fes­ti­val“ treibt diese Stra­te­gie auf die Spitze – mono­tone Repe­ti­tion, durch­zo­gen von fei­nen Brü­chen. Das kann ermü­dend wir­ken, besitzt aber eine eigen­tüm­li­che Konsequenz.

Askese statt Kollektivrausch

Im Ver­gleich zu Ani­mal Coll­ec­tive wirkt die­ses Album bei­nahe aske­tisch. Wo das Kol­lek­tiv aus Über­la­ge­rung und Über­schwang Ener­gie zieht, setzt Weitz auf Reduk­tion und Beharr­lich­keit. Kein Gesang, keine hym­ni­schen Momente – statt­des­sen Tex­tur, Rei­bung, Zustand. Mit Can I Get a Pack of Camel Lights?“ beweist Geo­lo­gist, dass er mehr ist als Teil eines ein­fluss­rei­chen Ensem­bles. Seine Solo­ar­beit ist intro­ver­tiert, mecha­nisch und manch­mal sper­rig – aber von bemer­kens­wer­ter Klar­heit. Ein Album wie ein gleich­mä­ßi­ges Dre­hen an der Kur­bel: unspek­ta­ku­lär in der Geste, inten­siv in der Wir­kung. Nach eige­nem Bekennt­nis hat Weitz den Titel des Albums min­des­tens ein­mal am Tag und min­des­tens vier­tau­send Tage in Folge genannt. Mitt­ler­weile raucht er nicht mehr und es sind über fünf­tau­send Tage ver­gan­gen, seit er auf­ge­hört hat, zu sagen: Can I Get a Pack of Camel Lights?“