Shoegaze 2026

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They Are Gutting A Body Of Water
19. Februar 2026 • Bumann & Sohn, Köln

Bereits im Dezem­ber hatte ich die Tickets besorgt – als Geburts­tags­ge­schenk für Ste­fan. Und heute ist es end­lich so weit: They Are Gut­ting A Body Of Water (TAGABOW) spie­len im Rah­men ihrer Lotto-Tour im Bumann & Sohn in Köln. Es ver­spricht ein ganz beson­de­rer Abend zu wer­den, denn die Band ist bekannt für ihre unkon­ven­tio­nel­len Live-Shows. Mal sehen, ob sie ihrem Ruf gerecht werden.

Konzert im Kreis

Schon am Ein­lass weist man uns dar­auf hin, dass man sich auch hin­ter dem Drum­set auf­hal­ten könne. Eine Ansage, die in den meis­ten Clubs Stirn­run­zeln aus­lö­sen würde, hier aber Kon­zept ist. Der Club ist gut gefüllt, aber kei­nes­wegs aus­ver­kauft. Das vor­wie­gend junge Indie-Publi­kum hat sich dicht um das Instru­men­ten­set­ting grup­piert, denn die Band spielt bekann­ter­ma­ßen in Kreis­for­ma­tion: Die Musi­ker sehen sich gegen­sei­tig an – und keh­ren dem Publi­kum den Rücken zu. Front­mann Dou­glas Dul­ga­rian erklärte ein­mal, es fühle sich, mit dem Rücken zum Publi­kum, an, als würde man einer Band bei der Probe zuse­hen. Dadurch gehe es mehr um die Musik als um die Per­for­mance. Nicht, dass er etwas gegen Per­for­mance hätte – aber, so sagt er selbst­iro­nisch, er sei ohne­hin nicht beson­ders gut darin, zwi­schen den Songs Small Talk zu machen. Genau das sollte die­ser Abend spä­ter bestätigen.

Support mit Rückenwind: grima

Zunächst gehört die Bühne jedoch dem Sup­port: grima, ein deutsch-spa­ni­sches Musik­pro­jekt um den in Köln ansäs­si­gen Künst­ler Javi. Die Band über­nimmt nicht nur das Büh­nen-Set­ting des Haupt­acts – auch sie spie­len mit dem Rücken zum Publi­kum –, son­dern tritt in iden­ti­scher Beset­zung an: zwei Gitar­ris­ten, eine Bas­sis­tin, ein Drum­mer. Mit ihrem gitar­ren­las­ti­gen Shoe­gaze- und Noise-Pop-Sound bewe­gen sie sich in ähn­li­chen Gewäs­sern wie der Head­li­ner. Hall­ge­tränkte Gitar­ren legen sich wie ein schim­mern­der Nebel über den Raum und erzeu­gen eine ver­träumte, bei­nahe schwe­bende Klang­ku­lisse. Eine mar­kante Note erhält das Set durch den spa­ni­schen Gesang – die Mut­ter­spra­che des Front­manns –, der den Songs zusätz­li­che Wärme und Eigen­stän­dig­keit ver­leiht. Seichte Dream-Pop-Momente tref­fen auf dring­li­che, schwere Post-Punk-Pas­sa­gen. Diese Mischung ver­fängt: Das Publi­kum lauscht auf­merk­sam, erste Köpfe nicken im Takt, ver­ein­zel­ter Applaus bran­det zwi­schen den Stü­cken auf. Nach einer kurz­wei­li­gen Drei­vier­tel­stunde endet ein über­zeu­gen­der Auftakt.

Umbau im Menschenkreis

Es folgt der Büh­nen­um­bau – kein leich­tes Unter­fan­gen, wenn die Bühne“ von allen Sei­ten dicht umstellt ist. Kabel wer­den über Köpfe hin­weg gereicht, Ver­stär­ker vor­sich­tig ver­scho­ben, wäh­rend das Publi­kum bereit­wil­lig Platz macht und wie­der zusam­men­rückt. Es dau­ert einen Moment, bis sich alle in die gewohnte Kreis­for­ma­tion ein­ge­fun­den haben und der Sound­check zufrie­den­stel­lend ver­läuft. Irgend­wann nickt Dul­ga­rian Schlag­zeu­ger Ben Opa­tut kurz zu – ein wort­lo­ses Es kann los­ge­hen“. Ohne große Ansage beginnt das Set mit einem neuen Stück vom Album Lotto“: ein brü­chi­ger Drum­com­pu­ter-Beat, dar­über flir­rende Gitar­ren, die sich anfüh­len wie beschä­digte VHS-Bil­der – fla­ckernd, über­steu­ert, grell und extrem laut. Der Gesang, mehr gehaucht als gesun­gen, wirkt wie durch ein digi­ta­les Nadel­öhr gepresst. Er ist weni­ger Trä­ger von ver­ständ­li­cher Lyrik als viel­mehr eine wei­tere Tex­tur im dich­ten Klang­ge­webe. Dem Publi­kum ist das völ­lig gleich­gül­tig. Köpfe wip­pen, einige schlie­ßen die Augen, andere bewe­gen sich sto­isch im Takt, als woll­ten sie den Lärm kör­per­lich archivieren.

Zwischen Übersteuerung und Zärtlichkeit

Live ent­fal­ten die Songs von Lotto“ eine Wucht, die auf Platte nur ange­deu­tet wird. Gitar­ren­schich­ten tür­men sich über­ein­an­der, Feed­back-Schlei­fen kip­pen ins Chao­ti­sche, nur um sich im nächs­ten Moment in bei­nahe zärt­li­che Melo­dien auf­zu­lö­sen. Die­ser stän­dige Wech­sel zwi­schen Über­steue­rung und Inti­mi­tät prägt den gesam­ten Abend. PJ Car­roll über­rascht immer wie­der mit melo­di­schen, fast ein­gän­gi­gen Gitar­ren­läu­fen. Bas­sis­tin Emily Lofing zupft sto­isch ihr Vier­sai­ti­ges und bil­det das ruhende Fun­da­ment, wäh­rend Ben Opa­tut sein Drum­set mit prä­zi­ser Wucht bear­bei­tet. Mas­ter­mind Dul­ga­rian treibt das Ensem­ble voran, hält die Fäden zusam­men – und immer wie­der durch­zu­cken kna­ckige elek­tro­ni­sche Beats vom Drum­com­pu­ter das orga­ni­sche Gefüge. Zwi­schen den Songs gibt es keine Ansa­gen. Kein Pathos, keine gro­ßen Ges­ten – nur Musik.

Kein Finale, kein Firlefanz

Am Ende steht ein schlich­tes Thanks for coming“. Fast ver­le­gen. Dann ist Schluss. Kein lan­ges Outro, keine Zugabe. Das Kon­zert war nicht beson­ders aus­ge­dehnt, und ja – trotz sei­ner Inten­si­tät hatte es auch ein, zwei Län­gen. War es des­halb ein schlech­ter Gig? Kei­nes­wegs. Es war nur kein gewöhn­li­ches Kon­zert, son­dern eher ein kol­lek­ti­ves Ein­tau­chen in eine Welt, in der Lärm Trost spen­det und Ver­zer­rung plötz­lich eini­ges Gerade rückt. Shoe­gaze 2026 eben. Mit die­sem Kon­zert bestä­tig­ten TAGABOW ihren vor­aus­ei­len­den Ruf eines ein­zig­ar­ti­gen Live-Acts. Auf der Rück­fahrt wol­len wir dann eigent­lich keine Musik mehr hören – zu laut dröh­nen die Gitar­ren­wände noch in unse­ren Ohren nach. Doch auf ByteFM läuft gerade Mother Sky“ von Can. Das kann man unmög­lich aus­schal­ten. Zufrie­den schau­keln wir zurück nach D’dorf.