Mythos zerstört, nichts gewonnen

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Die angebliche Enthüllung von Banksys Identität ist kein journalistischer Triumph, sondern ein Angriff auf ein künstlerisches Prinzip. Sie liefert keinen Mehrwert – nur die Zerstörung eines Mythos.

Nach über 20 Jah­ren im Ver­bor­ge­nen glau­ben drei Jour­na­lis­ten der Reu­ters, das Rät­sel um Banksy gelöst zu haben. Name, Her­kunft, Iden­ti­tät – alles fein säu­ber­lich recher­chiert und ser­viert. Und jetzt? Nichts, außer: Ein Mythos wurde seziert und ent­sorgt. Diese Ent­hül­lung“ bringt kei­nen Erkennt­nis­ge­winn, kei­nen neuen Blick auf die Kunst, keine rele­vante Debatte. Sie ersetzt ein Kon­zept durch einen Namen – und macht es kleiner.

Voyeurismus statt Journalismus

Bank­sys Werk lebte von sei­ner Anony­mi­tät. Seit den frü­hen Arbei­ten in Lon­don war genau das die Pointe: Bot­schaf­ten ohne Absen­der, Kri­tik ohne Ego. Wer das zer­stört, beschä­digt die Kunst selbst. Und das im Namen des öffent­li­chen Inter­es­ses“? Lächer­lich. Hier wurde kein Skan­dal auf­ge­deckt, keine Macht kon­trol­liert – son­dern schlicht ein Künst­ler gegen sei­nen Wil­len ent­blößt. Das ist kein inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus, das ist Voy­eu­ris­mus mit Presseausweis.

Kein Mehrwert, aber echter Schaden

Auch prak­tisch ist die Ent­tar­nung sinn­los. Die Kom­mu­ni­ka­tion mit Banksy war nie ein Pro­blem – dafür exis­tiert seit Jah­ren seine Agen­tur Pest Con­trol. Wer Kon­takt wollte, konnte ihn her­stel­len. Ganz ohne Namens­ent­hül­lung. Dafür droht nun rea­ler Scha­den: Seine Arbei­ten bewe­gen sich recht­lich im Bereich der Sach­be­schä­di­gung. Was bis­her geschützt war, könnte Kon­se­quen­zen haben. Diese Recher­che gefähr­det im Zwei­fel eine ganze künst­le­ri­sche Existenz.

Da war doch was

Der Fall erin­nert an Elena Ferrante – auch sie wurde gegen ihren Wil­len ent­tarnt. Unter die­sem Pseud­onym ver­öf­fent­lichte eine ita­lie­ni­sche Schrift­stel­le­rin unter Wah­rung ihrer Anony­mi­tät seit den 1990er Jah­ren ihre Romane. Mit ihrer Nea­po­li­ta­ni­schen Saga gelang ihr der inter­na­tio­nale Durch­bruch, sowohl auf dem Buch­markt als auch bei der Lite­ra­tur­kri­tik. In Inter­views, die bis auf eine Aus­nahme schrift­lich geführt wur­den, äußerte sich Ferrante aus­führ­lich über ihr künst­le­ri­sches Schaf­fen. 2016 wurde die Iden­ti­tät der Best­sel­ler­au­torin ent­ge­gen ihrem aus­drück­li­chen Wunsch, anonym blei­ben zu wol­len, auf­ge­deckt – auch unter Anwen­dung unlau­te­rer und ille­gi­ti­mer Metho­den. Ferrante hatte zuvor gewarnt, ihre Arbeit ein­zu­stel­len, sollte ihre Iden­ti­tät offen­ge­legt wer­den. Spä­ter ver­öf­fent­lichte sie den­noch wei­tere Arbei­ten. Aber viel­leicht sollte Banksy genau das tun: Seine Kar­riere been­den. Es wäre nur kon­se­quent – wei­ter­ma­chen wie bis­her, kann er ohne­hin nicht.

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