Angine de Poitrine ist ein anonymes Duo aus Québec, das mit Masken, Mikrotonalität und hochkomplexen Rhythmen die Grenzen von Math- und Noise-Rock neu vermisst. Entsprechend der Bandname: Er bedeutet wörtlich „Brustenge“ bzw. „Angina pectoris“ – also ein medizinischer Begriff für ein Engegefühl in der Brust, oft im Zusammenhang mit Herzproblemen. Als Bandname wirkt das natürlich bewusst irritierend, aber er passt hervorragend zu Musik des Duos – eine Mischung aus physischer Wirkung (Druck, Rhythmus, Bewegung) und verkopfter, mathematischer Konstruktion. Hinter dem Projekt stehen Khn de Poitrine (Gitarre, Bass, Looping) und Klek de Poitrine (Schlagzeug), die ihre Identität konsequent verschleiern und damit selbst Teil ihres Konzepts werden. Optisch prägen schwarz-weiß gepunktete Ganzkörperanzüge und überdimensionale Pappmaché-Masken ihren Auftritt – irgendwo zwischen Performancekunst und grunzender Alien-Parade. Klanglich dominert vor allem Khn mit einem eigens entwickelten Doppelhals-Saiteninstrument mit mikrotonalen Bünden, dessen Signale er via Loop-Pedale zu dichten, polyrhythmischen Geflechten auftürmt. Während ihr Debüt „Vol. I“ zunächst nur in kleinen, nerdigen Zirkeln kursierte, katapultierte eine virale KEXP-Session das Duo schlagartig aus dem Untergrund in die globale Wahrnehmung. Resultat: ausverkaufte Touren, absurde Sammlerpreise, ratlose YouTube-Analysen. Augenzwinkernd bezeichnen sie sich selbst als „Mantra-Rock Dada Pythagorean-Cubist Orchestra“ – ein Etikett, das so überdreht ist wie ihre Musik und am Ende doch erstaunlich gut passt.
Das zweite Album „Vol. II“ des Duos Angine de Poitrine knüpft nahtlos an das Vorgängeralbum an. Referenzen lassen sich zwar ausmachen – irgendwo zwischen King Gizzard & the Lizard Wizard, frühen Battles oder auch Primus. Doch der eigentliche Reiz liegt tiefer im Nerd-Kosmos: französischer Zeuhl à la Magma, die verschrobene Avantgarde von Renaldo and the Loaf oder die rohe Energie von Lightning Bolt. Das Entscheidende: Diese Einflüsse werden nicht zitiert, sondern in ein eigenes System überführt – eines, das sich klassischen Rocklogiken weitgehend entzieht.
Der Groove im Labyrinth
Was zunächst wie verkopfte Konstruktion wirkt, entpuppt sich schnell als erstaunlich körperlich. Die Tracks auf „Vol. II“ funktionieren wie mathematische Modelle, die plötzlich anfangen zu tanzen. Polyrhythmik, Mikrotonalität, verschobene Akzente – alles vorhanden, aber nie als sterile Fingerübung. Stattdessen entsteht ein Sog zwischen erkennendem Kopfnicken und völlig enthemmtem Zappeln. Diese Musik funktioniert im Club genauso wie im Wohnzimmer – gerade weil sie sich jeder eindeutigen Logik entzieht.
Mikrotonale Eskalation
Der Opener „Fabienk“ wirkt zunächst fast greifbar, entzieht sich aber konsequent jeder Stabilität. Das zentrale Riff unterläuft sich permanent selbst: Akzente sitzen „falsch“, Phrasen kippen, verschieben sich, lösen sich auf – ohne dass der Puls je ganz verloren geht. Was bleibt ist ein tolles Groove-Monster. „Sarniezz“ arbeitet mit einer ähnlich irritierenden Logik. Glaubt man, das Muster verstanden zu haben, entzieht es sich im nächsten Moment wieder.
Das Spiel mit dem Vertrauten
Am deutlichsten spielen Angine de Poitrine mit Erwartungshaltungen in „Yor Zarad“. Ein nervöses, fast post-punkiges Geflecht baut sich auf, bevor die Struktur plötzlich „geradegezogen“ wird. Ein Effekt wie ein klassischer Drop – nur dass er hier aus maximaler Vertracktheit heraus entsteht. „UTZP“ schließlich gibt sich oberflächlich zugänglicher. Khn bewegt sich spielerisch zwischen Balkan-Anklängen, No-Wave-Zerfahrenheit und überdrehten Prog-Gitarren, dabei wirkt Nichts wie ein Zitat, alles fließt aus einem Guss.
Sechs Minuten, keine Wiederholung
Auffällig ist die Länge der Stücke: Kaum ein Track bleibt unter sechs Minuten, und doch wirken sie nie wie klassische Jams. Jeder Track entwickelt seine eigene Dramaturgie, seine eigene Form von Spannung. Die vielleicht größte Leistung: Angine de Poitrine verbinden analytische Komplexität mit unmittelbarer Körperlichkeit. Musik, die das Gehirn verknotet – und gleichzeitig dafür sorgt, dass die Beine nicht stillstehen. Ob der Hype um diese außergewöhnliche Band von Dauer ist, bleibt abzuwarten. Erstaunlich ist jedoch, dass selbst ein breiteres Publikum Gefallen an derart komplexen Sounds findet. Insofern dürfte „Vol. II“ bereits jetzt zu den wichtigsten Rock-Alben des Jahres zählen. Und noch etwas wird dabei klar: Dieses Konzept trägt vor allem musikalisch – die auffälligen Kostüme sind letztlich nur das visuelle Beiwerk.
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