Hype aus der Retorte?

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Machte eine Botfarm“ Geese zu einer großen Hoffnung der neuen Gitarrengeneration – und ist ihr Erfolg am Ende nur das Ergebnis eines cleveren Algorithmus?

Die New Yor­ker Indie-Rock­band Geese erreichte in bemer­kens­wert kur­zer Zeit einen hohen Bekannt­heits­grad: Bereits kurz nach dem Erschei­nen ihres Albums Get­ting Kil­led“ im Jahr 2025 fei­erte die Band erste große Kri­ti­ker­er­folge. Tour­neen waren rasch aus­ver­kauft, Auf­tritte bei Satur­day Night Live und beim Coa­chella-Fes­ti­val folg­ten unge­wöhn­lich schnell. Die­ser steile Auf­stieg machte viele skep­tisch. Ging hier alles mit rech­ten Din­gen zu? In Foren und sozia­len Medien fiel früh der Begriff Indus­try Plant“ – ein abwer­ten­des Label für gezielt von der Musik­in­dus­trie auf­ge­baute Acts. Andere spra­chen sogar von einer Psy-Op“, also stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­tion, die mit geziel­ter Beein­flus­sung von Wahr­neh­mung und Ver­hal­ten arbei­tet. Der Ver­dacht: Hin­ter der ver­meint­lich orga­nisch gewach­se­nen Begeis­te­rung könnte ein orches­trier­tes Online-Mar­ke­ting stehen.

Die Spur führt zu Chaotic Good“

Aus­ge­löst wurde die Debatte durch einen viel beach­te­ten Sub­stack-Text der ame­ri­ka­ni­schen Indie-Musi­ke­rin Eliza McLamb. Darin hin­ter­fragte sie die ethi­schen Gren­zen moder­ner Mar­ke­ting­me­tho­den und stellte Ver­bin­dun­gen zwi­schen Geese und der Agen­tur Chao­tic Good“ her. Deren Ansatz: soge­nannte Trend Simu­la­tion“. Gemeint ist ein Netz­werk aus Social-Media-Accounts, das Inhalte gezielt streut, kom­men­tiert und gegen­sei­tig ver­stärkt – bis Algo­rith­men ansprin­gen und Songs in Feeds und Play­lists kata­pul­tie­ren. Die Agen­tur bestrei­tet aller­dings, klas­si­sche Bot­far­men oder mani­pu­lierte Strea­ming­zah­len ein­zu­set­zen. Statt­des­sen spricht man von digi­ta­ler PR mit rea­len Men­schen und kura­tier­ten Accounts. Bestä­tigt ist, dass Chao­tic Good Kam­pa­gnen für Geese und Front­mann Came­ron Win­ter auf Tik­Tok orga­ni­siert hat. Ziel war es, Dis­kus­sio­nen anzu­sto­ßen, Clips zu ver­brei­ten und Trends gezielt zu simu­lie­ren. Fir­men­grün­der Andrew Spel­man for­mu­lierte es in einem Pod­cast offen: We can drive impres­si­ons on any­thing at this point. We know how to go viral. We have thou­sands of pages.“

Einfach nur modernes Marketing?

Genau hier liegt der Kern des Streits. Kri­ti­ker sehen eine künst­lich erzeugte Öffent­lich­keit – eine simu­lierte Fan­base. Andere hal­ten dage­gen: Sol­che Stra­te­gien seien im heu­ti­gen Musik­ge­schäft längst Stan­dard. Sicht­bar­keit wird nicht mehr nur erspielt, son­dern sys­te­ma­tisch erzeugt. Gerade im Indie-Rock kol­li­diert diese Pra­xis jedoch mit dem hart­nä­cki­gen Mythos von Authen­ti­zi­tät – der Vor­stel­lung, dass Erfolg aus Szene, Sub­kul­tur und Mund­pro­pa­ganda her­aus entsteht.

Inszenierte Begeisterung

Der Fall Geese“ ist weni­ger ein Skan­dal als ein Sym­ptom. In einer Musik­welt, in der Tik­Tok-Algo­rith­men Kar­rie­ren for­men, wird Begeis­te­rung zuneh­mend insze­nier­bar. Ob Bot­farm oder cle­vere PR: Klar ist, dass sich Auf­merk­sam­keit heute gezielt her­stel­len lässt. Wo frü­her klas­si­sche Pro­mo­tion den Ton angab, ent­schei­det inzwi­schen der Algo­rith­mus dar­über, wer gehört wird – und wer nicht. Und letzt­lich: Man selbst ent­schei­det, ob’s einem gefällt.

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