Irreversible Entanglements

ca. 3 Minu­ten

Das US-ame­ri­ka­ni­sche Jazz-Kol­lek­tiv Irrever­si­ble Ent­an­gle­ments aus New York City hat sich 2015 gegrün­det und besteht aus Camae Ayewa aka Moor Mother (Vocals), Keir Neu­rin­ger (Saxo­phon), Aqui­les Navarro (Trom­pete), Luke Ste­wart (Bass) und Tche­ser Hol­mes (Schlag­zeug). Die Band for­mierte sich im Umfeld eines Pro­test­kon­zerts gegen Poli­zei­ge­walt in New York – und genau da setzt auch ihr Sound an: laut, unru­hig, kom­pro­miss­los. Trom­pete, Saxo­fon, Bass und Schlag­zeug trei­ben sich gegen­sei­tig voran, oft am Rand der Eska­la­tion. Nichts wirkt geschnie­gelt, alles ist Bewe­gung, Rei­bung, Auf­bruch. Ihre Musik ver­bin­det Free Jazz mit poli­ti­scher Dring­lich­keit, Spo­ken Word und einer Ener­gie, die eher an Punk erin­nert als an ver­staubte Avant­garde. The­men wie Ras­sis­mus, Gewalt und Geschichte sind der Kern ihrer Musik. Im Zen­trum steht Sän­ge­rin Camae Ayewa alias Moor Mother – ihre Texte zumeist Spo­ken Word sind Anklage, Poe­sie und Mani­fest zugleich. Mal beschwö­rend, mal her­aus­ge­schleu­dert, immer mit maxi­ma­ler Dring­lich­keit. Ayewa kommt aus der expe­ri­men­tel­len Szene Phil­adel­phias und bewegt sich auch solo zwi­schen Indus­trial, Noise und Hip-Hop. Diese Offen­heit bringt sie direkt in die Band ein. Ihre Stimme funk­tio­niert dabei wie ein zusätz­li­ches Instru­ment – sie zer­schnei­det die Impro­vi­sa­tio­nen, bün­delt sie, treibt sie wei­ter. Irrever­si­ble Ent­an­gle­ments zei­gen, dass Free Jazz auch heute noch poli­tisch bren­nen kann. Keine Retro-Geste, kein aka­de­mi­sches Zitat – son­dern Musik, die im Hier und Jetzt steht. Der Name ist übri­gens abge­lei­tet aus der Quan­ten­phy­sik und bedeu­tet unum­kehr­bare Ver­schrän­kun­gen“, das phy­si­ka­li­sche Phä­no­men der Quan­ten­ver­schrän­kung, bei dem Teil­chen ein untrenn­ba­res Gesamt­sys­tem bil­den. Dies sym­bo­li­siert die enge, orga­ni­sche Ver­bin­dung der Band­mit­glie­der sowie ihre musi­ka­li­sche Aus­rich­tung, die inten­si­ven Free Jazz, Klang­col­la­gen und tanz­bare Groo­ves mit poe­ti­schen Spo­ken-Word-Tex­ten von Camae Ayewa verknüpft.

Irreversible Entanglements, Future Present Past

Irreversible Entanglements

Future Present Past

Ver­öf­fent­licht: 26. März 2026
Label: Impulse! Records

We know that they got they plan
When will they stop the execution?
When will they stop the persecution?
We know that they got they plan

Text­aus­zug aus Don’t Loose Your Head”

Irrever­si­ble Ent­an­gle­ments lie­fern mit Future Pre­sent Past“ erwart­bar kein klas­si­sches Jazz­al­bum ab. Es ist eine Zumu­tung im bes­ten Sinne – musi­ka­lisch wie inhalt­lich. Eine Platte, die nicht um Zustim­mung bit­tet, son­dern Hal­tung ein­for­dert. Und die die Span­nung zwi­schen Pro­test, Poe­sie und impro­vi­sier­ter Explo­sion kon­se­quent hoch­hält. Auf­fäl­lig: Die Band wirkt fokus­sier­ter als auf frü­he­ren Releases. Weni­ger Chaos, mehr Kon­trolle, mehr Punch. Der Sound ist auf­ge­räum­ter, fast dis­zi­pli­nier­ter. Die Tracks tref­fen schnel­ler ins Mark – ohne an Wucht zu ver­lie­ren. Wenn Camae Ayewa ihre Texte nicht ein­fach dekla­miert, son­dern wie Warn­si­gnale in den Raum stellt, ent­steht ein Sog, dem man sich kaum ent­zie­hen kann.

Direkter, klarer, zwingender

Schon die ers­ten Tracks wir­ken unge­wohnt zugäng­lich. Groo­ves grei­fen schnel­ler, Struk­tu­ren sind kla­rer. Der düs­tere, fast hyp­no­ti­sche Ope­ner Don’t Lose Your Head“ brennt sich mit sei­nem zurück­hal­ten­den Groove ein, der lang­sam Druck auf­baut und die­sen dann kon­se­quent hält. Bei Pana­ma­nian Fight Song“ gehen Trom­pete und Rhyth­mus­gruppe nach vorn, das Kol­lek­tiv bün­delt sich plötz­lich zu etwas bei­nahe Song­ar­ti­gem. Hier zeigt sich, wie prä­zise die­ses Musiker*innen inzwi­schen zusam­men­ar­bei­ten. The Mes­sen­ger“ wird dann zum kol­lek­ti­ven Aus­nah­me­zu­stand, ein aus­ufern­der Jam, Impro­vi­sa­tion pur – und doch nie belie­big. Moor Mothers Texte wer­den frag­men­ta­ri­scher, fast trance­ar­tig, als würde sie mit dem Sound­strom ver­schmel­zen. Das Gegen­stück dazu ist The Spi­rit Moves“: redu­ziert, bei­nahe medi­ta­tiv. Weni­ger Druck, mehr Raum. Saxo­fon, Per­cus­sion und Stimme trei­ben wie lose Par­ti­kel – ein ruhi­ger, aber inten­si­ver Moment.

Volle Kontrolle

Pro­duk­ti­ons­tech­nisch bleibt die Kon­trolle in den Hän­den der Band, die sich für den Fein­schliff Unter­stüt­zung von Jona­than Schenke und Andrew Lap­pin holt. Ver­öf­fent­licht wurde das Album erneut über Impulse! Records – ein pas­sen­der Rah­men für diese Art von Musik. Ein poli­tisch auf­ge­la­de­ner Free Jazz, ver­öf­fent­licht auf einem Label, das mit John Col­trane und A Love Supreme Geschichte geschrie­ben hat.

Kunst als Intervention

Am Ende steht ein Album, das man weder neben­bei hört noch bequem ein­ord­net. Future Pre­sent Past besteht dar­auf, dass Kunst in Zei­ten per­ma­nen­ter Kri­sen mehr sein muss als bloße Refle­xion – näm­lich Inter­ven­tion. Irrever­si­ble Ent­an­gle­ments klin­gen hier wie eine Band, die ihre Mit­tel voll­stän­dig beherrscht – und gerade des­halb genau weiß, wie man dyna­mi­schen, atmo­sphä­ri­schen Jazz, glo­bale Ein­flüsse, Spo­ken Word und poli­ti­sche Dring­lich­keit zu einem inten­si­ven, for­dern­den Kos­mos verdichtet.

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