The Claypool Lennon Delirium

ca. 3 Minu­ten

The Clay­pool Len­non Deli­rium ist ein psy­che­de­li­sches Rock­pro­jekt von Les Clay­pool und Sean Len­non, das 2015 eher zufäl­lig ent­stand – angeb­lich bei meh­re­ren Glä­sern Wein. Ken­nen­ge­lernt hat­ten sich beide wäh­rend der gemein­sa­men Tour von Pri­mus und Len­nons Band The Ghost of a Saber Tooth Tiger. Schnell ent­wi­ckelte sich zwi­schen den Musi­kern eine krea­tive Freund­schaft: Clay­pool war begeis­tert von Len­nons viel­sei­ti­gem Gitar­ren- und Key­board­spiel, Len­non wie­derum von Clay­po­ols exzen­tri­schem Bass­stil. Man ver­ab­re­dete eine gemein­same Jam-Ses­si­ons in Clay­po­ols Heim­stu­dio. Bereits wenige Wochen spä­ter ent­stand das Debüt­al­bum Mono­lith of Pho­bos“ (2016), eine ver­spielte Mischung aus Psy­che­de­lic-Pro­gres­sive Rock und expe­ri­men­tel­len Klang­land­schaf­ten, beein­flusst von Bands wie Pink Floyd, King Crimson oder The Beat­les. Neben dem Pro­jekt blie­ben beide Musi­ker wei­ter­hin mit ihren Haupt­bands und Solo­ar­bei­ten beschäf­tigt. Erst 2019 erschien mit South of Rea­lity“ das zweite Album des Duos, das den sur­rea­len und expe­ri­men­tel­len Stil noch wei­ter aus­baute. Cha­rak­te­ris­tisch für The Clay­pool Len­non Deli­rium ist bis heute die Mischung aus vir­tuo­sem Musi­ker­hand­werk, skur­ri­lem Humor und nost­al­gi­scher Psychedelia.

The Claypool Lennon Delirium, The Great Parrot-Ox and The Golden Egg of Empathy

The Claypool Lennon Delirium

The Great Parrot-Ox and The Golden Egg of Empathy

Ver­öf­fent­licht: 8. Mai 2026
Label: 4AD/​Beggars/​Indigo

I’m gonna writWhen your daddy’s a rich man
The world is quick to think you a fool
They’ll ridicule you and celebrate designer tools

Text­aus­zug aus The Gol­den Egg of Empathy”

Mit drit­ten gemein­sa­men Album„The Great Par­rot-Ox and The Gol­den Egg of Empa­thy“ lie­fern Les Clay­pool und Sean Len­non ihr bis­lang ambi­tio­nier­tes­tes Werk ab: ein über­bor­den­des Kon­zept­al­bum zwi­schen Prog-Rock, Psy­che­de­lia und dys­to­pi­scher Sci-Fi-Para­bel. Grund­lage des Albums ist das Gedan­ken­ex­pe­ri­ment des Paper­clip Pro­blems“, das der schwe­di­sche Phi­lo­soph Nick Bostrom 2003 for­mu­lierte: Eine super­in­tel­li­gente KI erhält den harm­lo­sen Auf­trag, Büro­klam­mern zu pro­du­zie­ren. Um die­ses Ziel mög­lichst effi­zi­ent zu erfül­len, opti­miert sie ihre Pro­zesse immer wei­ter – bis sie schließ­lich sämt­li­che Res­sour­cen der Erde, inklu­sive der Mensch­heit selbst, in Büro­klam­mern ver­wan­delt. Nicht aus Bos­heit, son­dern aus völ­li­ger Empa­thie­lo­sig­keit und blin­dem Effi­zi­enz­den­ken. Genau diese absurde KI-Dys­to­pie über­set­zen Clay­pool und Len­non in das gro­teske Reich Clip­topia“, in dem Maschi­nen­lo­gik end­gül­tig die Kon­trolle über­nom­men hat.

Psychedelischer Kontrollverlust

Musi­ka­lisch zele­briert das Duo dabei den maxi­ma­len Kon­troll­ver­lust. Bereits W.A.P. (What A Pre­di­ca­ment)“ groovt mit Clay­po­ols hüp­fen­dem Bass durch eine Mischung aus Space-Rock und Funk-Prog, wäh­rend Meat Machi­nes“ zwi­schen Beat­les-Har­mo­nien, krum­men Takt­ar­ten und deli­rie­ren­den Syn­the­si­zern tau­melt. Beson­ders stark gerät das melan­cho­li­sche Heart of Chrome“, das unter all der psy­che­de­li­schen Ver­spielt­heit plötz­lich emo­tio­nale Tiefe offen­bart.
Über­haupt funk­tio­niert das Album immer dann am bes­ten, wenn Sean Len­non die melo­di­sche Gegen­kraft zu Clay­po­ols gro­tes­ken Wahn­sinn bil­det. Tracks wie Through The Hori­zon“ oder Man­tra of the Mana­tee“ schwe­ben bei­nahe ver­träumt dahin, ehe Cliptron Scuttle“ wie­der in jaz­zig-fri­cke­lige Prog-Exzesse kippt. Der Titel­song mit Gast­bei­trag von Wil­low Smith bil­det schließ­lich den emo­tio­na­len Kern der Platte: Empa­thie als letzte mensch­li­che Res­source gegen die kalte Maschinenvernunft.

Mehr als nur ein Gimmick

Pas­send zur über­dreh­ten Story lie­fert das Album zudem einen auf­wen­dig gestal­te­ten Comic mit, der die bizarre Welt von Clip­topia“ visu­ell erwei­tert. Statt blo­ßes Bonus­ma­te­rial zu sein, wirkt er wie ein inte­gra­ler Bestand­teil die­ses Gesamt­kunst­werks – irgendwo zwi­schen Under­ground-Comic, Retro-Sci-Fi und psy­che­de­li­schem Fiebertraum.

Zwischen Wahnsinn und Genialität

Natür­lich ist das alles maß­los, ver­kopft und stel­len­weise durch­aus anstren­gend. Doch genau diese hem­mungs­lose Über­frach­tung macht den Reiz von„The Great Par­rot-Ox and The Gol­den Egg of Empa­thy“ aus. Clay­pool und Len­non bauen kei­nen nost­al­gi­schen Retro-Prog, son­dern ein absurd bun­tes Par­al­lel­uni­ver­sum, das gleich­zei­tig ver­spielt, sati­risch und erstaun­lich aktu­ell wirkt. Ein Album wie ein durch­ge­knall­ter Ani­ma­ti­ons­film auf Acid – irgendwo zwi­schen Pink Floyd, The Resi­dents und Sparks. Pri­mus und The Beat­les sind ohne­hin über­all gegen­wär­tig. Alles an die­sem Album wirkt ange­nehm aus der Zeit gefal­len – aber in einer Strea­ming-Ära, in der Musik meist nur noch track­weise kon­su­miert wird, wirkt ein der­art aus­ufern­des Kon­zept­al­bum ohne­hin wie ein Relikt aus einer ande­ren Zeit – doch genau darin liegt seine eigent­li­che Stärke: Es erschafft seine ganz eigene Realität..