„Always Under Construction“
9. Juli 2026 • D‘Haus, Düsseldorf
Zum Abschied von Intendant Wilfried Schulz blickt das Düsseldorfer Schauspielhaus musikalisch auf zehn gemeinsame Jahre zurück. Ein letzter Abend einer Ära, den Gabi und ich nicht verpassen wollten. Unter der Leitung von André Kaczmarczyk und Matts Johan Leenders entsteht ein musikalischer Abend unter dem Motto „Always Under Construction“. Es ist Revue, Bestandsaufnahme und Abschiedsparty zugleich. Dabei trifft nicht jede Nummer ins Schwarze – aber auch in solchen Brüchen wird klar, warum Theater bis heute unverzichtbar bleibt.
Keine Zeit für Höflichkeiten
Abschiedsshows folgen ihren eigenen Regeln: Sie wollen erinnern, feiern und versöhnen. Auch „Always Under Construction“ folgt dieser Norm. Zum Ende der zehnjährigen Intendanz von Wilfried Schulz versammelt das Düsseldorfer Schauspielhaus große Teile seines Ensembles noch einmal auf einer Bühne. Alte Bühnenbilder treffen auf Songs, Monologe und Erinnerungen der vergangenen Dekade. Dass alle Plätze zum Einheitspreis angeboten werden, passt dabei perfekt zum Anspruch eines offenen Theaters.
Musikalisch bleibt der Abend allerdings oft auf sicherem Terrain. Vieles wirkt bewusst massentauglich, manches fast boulevardesk. Überraschend ist dagegen das hohe Niveau des Ensembles.
Songs als Rollen
Die stärksten Momente entstehen immer dann, wenn die Schauspieler*innen die Songs nicht einfach singen, sondern spielen. Burghart Klaußner macht aus Bill Haleys „Rock Around the Clock“ eine herrlich lakonische Anti-Rocknummer. Müde, abgekämpft und mit feiner Selbstironie zerlegt er den Klassiker. Rainer Philippi trifft mit Hermann van Veens „Weißt du, wie es war“ genau den melancholischen Ton, den ein Abschiedsabend braucht. Pauline Kästner verbindet einen Song von Georgette Dee mit einer augenzwinkernden Bewerbung um ihr nächstes Engagement. Stark auch Sebastian Tessenows Medley aus Songs von Counting Crows und Tears for Fears sowie Moritz Klaus’ entspannte James-Taylor-Interpretation. Eine überaus humorige Note setzt Markus Danzeisen mit Kurt Schwitters’ „Ursonate“. Aus Lauten, Rhythmus und Körpersprache entsteht eine intensive Performance, die eindrucksvoll beweist, wie viel Ausdruck ganz ohne Worte möglich ist.
Live is life
Nicht jede Nummer überzeugt musikalisch. Trotzdem führt dieser Abend eindrucksvoll vor Augen, was Theater ausmacht: Zwischen Bühne und Publikum liegt nur die Luft des Raumes. Man hört Schritte auf den Holzdielen, das Rascheln der Kostüme und das Luftholen vor dem nächsten Einsatz. Alles ist unmittelbar, alles kann scheitern – und genau darin liegt die Kraft des Theaters. So oder so ähnlich wird es zu Beginn der Show formuliert. Und am Ende schließt die Düsseldorfer Dragqueen Effi Biest den Kreis: Theater bleibt auch „always under construction“. Denn es lebt von der Kraft der Veränderung, es will gesellschaftliche Prozesse nicht nur abbilden, sondern aktiv mitgestalten. Und so wird umgebaut, neu gedacht und immer wieder verändert, selbst Geschlechter werden gewechselt, bemerkt Effi Biest hintergründig. Und während dann das gesamte Ensemble Stephen Stills’ „Love the One You’re With“ anstimmt, entsteht fast so etwas wie Partystimmung. Das Publikum wiegt sich im Takt, klatscht und singt mit. Der Applaus währt so lange, dass wir sogar noch mit zwei Zugaben belohnt werden.

