Die ZDF-Intendanz hat im einen geplanten Auftritt des Rappers Danger Dan und des Pianisten Igor Levit in der Satiresendung „Die Anstalt“ kurzfristig gestoppt. Die Musiker wollten in der 100. Jubiläumssendung ihr neues, antifaschistisches Lied „Keine Angst“ uraufführen.
Schon klar: Es ist natürlich keine Zensur. Niemand hat Danger Dan (bürgerlich Daniel Pongratz) verboten, seinen neuen Song zu veröffentlichen. Trotzdem hinterlässt die Entscheidung des ZDF einen bitteren Nachgeschmack. Ausgerechnet eine Satire-Sendung, die seit Jahren politische Debatten führt, sollte einen antifaschistischen Song präsentieren – bis die Intendanz kurz vor der Aufzeichnung die Reißleine zog. Offiziell aus Sorge, der Text könne als Gewaltaufruf verstanden werden.
Satire wird zum Risiko
Die 100. Ausgabe von „Die Anstalt“ sollte offenbar mehr werden als eine gewöhnliche Jubiläumssendung. Danger Dan und Igor Levit waren eingeladen, ihren neuen Song „Keine Angst“ zu spielen. Nach Angaben der Künstler und der Redaktion war der gesamte dramaturgische Aufbau der Sendung auf diesen Auftritt zugeschnitten worden. Anschließend sollte genau über die Fragen diskutiert werden, die das Lied aufwirft: Wie wehrhaft muss Demokratie sein? Wo endet ziviler Widerstand? Welche Sprache braucht Antifaschismus?
Keine Debatte
Stattdessen entschied die ZDF-Geschäftsleitung, dass der Song als Aufruf zu Gewalt verstanden werden könne und deshalb nicht gesendet werde. Ausgerechnet eine Diskussion über ein kontroverses Kunstwerk wurde verhindert – weil das Kunstwerk kontrovers sein könnte. Really? Es scheint ein merkwürdiger Kurzschluss, Natürlich darf ein Sender entscheiden, was er ausstrahlt. Eine staatliche Zensur ist das nicht. Aber ein öffentlich-rechtlicher Sender sollte sich auch fragen lassen, warum er seiner eigenen Satire-Redaktion offenbar nicht zutraut, ein schwieriges Werk einzuordnen. „Die Anstalt“ lebt seit Jahren davon, komplizierte politische Themen auseinanderzunehmen und zu erörtern. Genau dafür existiert dieses Format. Wenn selbst dort kein Raum mehr sein soll, einen streitbaren Song zu zeigen und anschließend kritisch zu diskutieren, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wo denn dann? Besonders irritierend ist, dass der Song dem Sender laut Danger Dan bereits seit Wochen vorgelegen haben soll. Wenn Bedenken bestanden, hätte man sie diskutieren können – nicht wenige Stunden vor der Aufzeichnung die Notbremse ziehen.
Ein seltsames Signal
Mich beschäftigt an der Geschichte weniger der konkrete Song als das Signal dahinter. Wir erleben seit Jahren einen Rechtsruck, zunehmende Einschüchterung von Kulturschaffenden und eine politische Debatte, in der Antifaschismus immer häufiger selbst zum Verdachtsmoment gemacht wird. Ausgerechnet in dieser Situation entscheidet sich ein öffentlich-rechtlicher Sender dafür, einen Song gegen Nazis lieber nicht zu senden. Man muss den Text nicht mögen. Man kann einzelne Zeilen problematisch finden. Aber genau darüber hätte man diskutieren können. Scheinbar ist nicht der Song das Problem, sondern die mögliche Kontroverse.
Ein starkes Plädoyer
Der rund siebenminütige Song „Keine Angst“ ist ein starkes, antifaschistisches Manifest. Danger Dan beschreibt darin den zunehmenden Rechtsextremismus in Deutschland und ruft dazu auf, sich dagegen zu organisieren und nicht in Resignation zu verfallen. Die zentrale Botschaft lautet: Demokratische Gesellschaften dürfen Nazis nicht tatenlos das Feld überlassen. Der Song gibt ganz konkrete Hinweise, wie man sich gegen Nazis organisiert und gegen sie kämpft. Es gibt ganz konkrete Hinweise, wie sich antifaschistische Gruppen vernetzen, rechte Strukturen recherchieren, Aktionen dokumentieren und Informationen über Neonazis öffentlich machen können. Am Ende heißt es dann: „Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant; Ist eh klar was zu tun ist, ich sag’ nichts mehr dazu; Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ Ein unmissverständlicher Gruß an Personen, die wegen Angriffen auf Rechtsextreme strafrechtlich verfolgt oder verurteilt wurden. Aber ist das ein Aufruf zur Gewalt? Oder vielleicht doch eher ein Plädoyer für entschlossenen antifaschistischen Widerstand – eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine wehrhafte Demokratie auf Rechtsextremismus reagieren kann?
Kunst muss unbequem sein
Ironischer könnte die Geschichte kaum sein: Danger Dan wurde durch „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ zu einem der wichtigsten politischen Songwriter dieses Landes. Damals lief sein Auftritt mit Igor Levit im ZDF noch zur besten Sendezeit. Heute sorgt erneut ein gemeinsamer Song für Schlagzeilen – allerdings nicht wegen seiner Musik, sondern weil er gar nicht erst gespielt werden durfte. So verhindert ein öffentlich-rechtlicher Sender aus Angst vor Missverständnissen genau jene Debatte, für die öffentlich-rechtlicher Rundfunk eigentlich da sein sollte. „Die Anstalt“ selbst hat bis zuletzt ins Zeug gelegt, den Auftritt der beiden Musiker möglich zu machen. Sie hat sogar das ganze Programm umgeschrieben, um das Lied in die Sendung einzubetten. Danger Dan, Levit und sechs weitere Musiker waren bereits für die Aufzeichnung in München, als die Intendanz des ZDF quasi in letzter Minute ihr Veto eingelegt hat. Kleiner Fun-Fact: In rechtskonservativen Kreisen gilt das ZDF schon länger als links versifft. Häh? Auch lustig: Der ZDF-Intendant hört auf den Namen Himmler – kein Wunder, dass der keine antifaschistische Lieder mag.

