Wolfram Weimer zieht dem Reeperbahn Festival den Stecker und wertet Wagner auf
Im Entwurf für den Bundeshaushalt 2027 soll die Förderung des Reeperbahn Festivals von bislang rund 6,3 Millionen Euro auf drei Millionen Euro schrumpfen. Die Organisator*innen müssen also mit weniger als der Hälfte der bisherigen Mittel kalkulieren. Auch der Festivalförderfonds, mit dem der Bund mehrtägige Festivals im Bereich der populären Musik und des Jazz unterstützt, soll auf zwei Millionen Euro halbiert werden. Wagner-Fans hingegen dürfen sich freuen. Das Budget der Bayreuther Festspiele soll nach übereinstimmenden Berichten um mehr als eine Million Euro aufgestockt werden. Die Botschaft: Das Repräsentative zählt mehr als das Riskante.
Weniger Zukunft, mehr Denkmalpflege
Nun ist das Reeperbahn Festival längst eines der wichtigsten Showcase-Festivals Europas, Treffpunkt der internationalen Musikbranche und Sprungbrett für unzählige Künstler*innen. Jährlich verwandelt es den Kiez für vier Tage in eines der wichtigsten Zentren für Newcomer-Musik und zu einem zentralen Treffpunkt der internationalen Musikbranche. Hier wird nicht nur Musik gespielt – hier entsteht die Musik von morgen. Es ist einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen Pop nicht bloß konsumiert, sondern als kulturelle Infrastruktur ernst genommen wird. Wer hier kürzt, spart nicht an einem Event. Er spart an Nachwuchs, Vernetzung und kultureller Zukunft – an urbaner kultureller Intelligenz. Bayreuth hingegen braucht keine Existenzsicherung. Die Festspiele sind ein weltweit bekanntes Prestigeprojekt. Niemand stellt ihre Bedeutung infrage. Doch genau darin liegt die Schieflage: Ein Denkmal bekommt neuen Glanz, während dort, wo Neues entsteht, gespart wird.
Ein kulturpolitischer Kurs
Zwar handelt es sich derzeit noch um einen Entwurf und nicht um den verabschiedeten Bundeshaushalt. Der Bundestag muss die Budgetzuweisungen erst noch beschließen. Die Richtung ist jedoch klar: Wolfram Weimer hat in den vergangenen Monaten mehrfach deutlich gemacht, wohin seine kulturpolitische Reise geht. Schon die Debatte um den Deutschen Buchhandlungspreis zeigte, dass er Kulturpolitik stärker an konservativen Leitbildern ausrichtet als an kultureller Vielfalt. Die geplanten Kürzungen beim Reeperbahn Festival wirken wie die konsequente Fortsetzung dieser Linie.
Pop muss sich immer rechtfertigen
Es geht hier nicht um Wagner-Bombast gegen Gitarren-Gewitter. Bayreuth ist nicht das Problem. Problematisch ist die Symbolik dieses Haushaltsentwurfs: Welche Kultur in Krisenzeiten als unverzichtbar gilt – und welche man offenbar noch immer für verzichtbaren Lärm hält.
Man kann das als legitime Schwerpunktsetzung betrachten. Ich sehe darin jedoch die konsequente Fortsetzung des bürgerlich-konservativen Kurses, den Kulturstaatsminister Weimer eingeschlagen hat. Da sich die Republik aus seiner Sicht in einer „Phase der Kulturkämpfe“ befindet, setzt er als Antwort bewusst auf „die großen Traditionslinien Deutschlands“.
Er hat auch angekündigt, das Amt nach exakt einer Legislaturperiode wieder abzugeben. Der eigentliche Schaden dieser Politik aber wird sich erst Jahre später zeigen: dann, wenn man sich erneut fragt, warum Deutschland im internationalen Pop kaum noch Impulse setzt. Die Antwort steht schon heute im Bundeshaushalt.

