Medieval Found Footage stammen aus London (Ontario, Kanada) und spielen eine intensive Mischung aus Noise Rock, Post-Hardcore, Math Rock und Post-Punk. Die Band besteht aus Kadin Fehr (Gesang, Gitarre), Oliver Clarke (Gitarre), Brooke Sandwith (Bass) und JJ Sorensen (Schlagzeug). Ihr Debütalbum „Abagnale“ erschien im Juni 2026 und verbindet sperrige Songstrukturen mit emotionaler Wucht und beeindruckender Dynamik. Trotz der beiden Gitarren klingt ihr Sound sehr differenziert klingt. Häufig übernimmt eine Gitarre kantige, repetitive Math-Rock-Figuren, während die zweite mit Noise-Flächen, Feedback oder melodischen Gegenlinien arbeitet. Kadin Fehrs Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gequältem Sprechgesang und eruptivem Schreien – ein Stil, der perfekt zu den emotional aufgeladenen Texten passt.
Textausschnitt aus „Spokane, WA”Family is in the process of being notified
that the city workers have found their little girl
And sadly, it’s been so hot this summer
that much of it is likely scattered along the bayside
„Abagnale“ ist das Debüt der kanadischen Band Medieval Found Footage. Sieben Tracks umfasst das Album – weniger Songs als emotionale Ausnahmezustände. Sperrig, chaotisch, dissonant und doch von faszinierender Schönheit.
Schroffer Noise-Rock
Schon der monumentale Opener „Diluted“ macht klar, dass Medieval Found Footage keinerlei Interesse an klassischen Songstrukturen haben. Aus dissonanten Gitarrenfiguren, nervös zuckenden Rhythmen und abrupten Dynamikwechseln entwickelt sich ein Strudel aus Noise Rock, Post-Hardcore, Math Rock und Post-Punk. Sänger Kadin Fehr klingt dabei nicht wie jemand, der singt, sondern wie jemand, der verzweifelt versucht, seine Gedanken zu ordnen, während sie ihm bereits entgleiten.
Die Band versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen. Immer wieder entstehen kurze Momente scheinbarer Ruhe, die im nächsten Augenblick von einer Wand aus Feedback, verzerrten Gitarren und schroffen Rhythmuswechseln zerschlagen werden. Das erinnert stellenweise an die kompromisslose Intensität der ganz frühen Black Country, New Road.
Keine Verschnaufpause
Die meist ausladenden Kompositionen verändern ständig ihre Gestalt und pendeln zwischen nervösem Geflüster und eruptiver Gewalt. „Greeter“ verbindet kantige Math-Rock-Figuren mit einer beinahe paranoiden Grundspannung, während „Song for a Siren“ überraschend melodische Momente zulässt, ohne seine emotionale Schwere abzulegen. Der mit knapp zweidreiviertel Minuten kürzeste Track, „Spokane, WA“, gehört zu den eindringlichsten Stücken der Platte. Minimalistisch aufgebaut, entfaltet er eine beklemmende Atmosphäre. Gegen Ende wächst „Two Lefts“ zu einem hypnotischen Crescendo an und bringt die emotionale Wucht des Albums noch einmal auf den Punkt.
Keine Erlösung
Das eigentliche Finale ist jedoch das über 13 Minuten lange „Shark /Eats /Man“. Im Gegensatz zu den vorherigen Songs, die oft abrupt zwischen Laut und Leise wechseln, entwickelt sich das Stück beinahe wie eine Suite. Zunächst dominiert ein reduziertes Gitarrenmotiv. Schlagzeug und Bass bleiben zurückhaltend und geben Kadin Fehrs Stimme viel Raum. Erst nach und nach verdichtet sich das Arrangement. Die Gitarren werden dissonanter, die Rhythmusgruppe drängender und der Gesang zunehmend unkontrollierter. Statt auf einen klassischen Höhepunkt zuzusteuern, baut die Band über viele Minuten eine stetig wachsende Spannung auf, die sich schließlich in einem fast mantraartigen Finale entlädt.
Lyrisch entwirft der Song eine Kette aus Ursache und Wirkung: „Man kills whale and shark eats man.“ Niemand ist wirklich unschuldig, jede Handlung zieht neue Konsequenzen nach sich. Das Bild erinnert an ein gestörtes Ökosystem, funktioniert aber vor allem als Metapher für zwischenmenschliche Beziehungen. Es ist das perfekte Finale: Nach all den Ausbrüchen der ersten Stücke folgt keine Erlösung. Zurück bleibt allein die Erkenntnis, dass man sich den eigenen Fehlern stellen muss. Identitätskrise, Scham, Verlust und Selbstanklage verdichten sich hier zu einer ausufernden Katharsis – für mich der emotional stärkste Moment des Albums.
Anstrengend, aber emotional
„Abagnale“ ist ein Debüt, das sich kompromisslos jeder Hörgewohnheit verweigert. Die Produktion hält dabei erstaunlich souverän die Balance zwischen kontrolliertem Chaos und Transparenz. Trotz aller Dissonanzen bleibt jedes Instrument greifbar, jede Eruption besitzt Gewicht. So schaffen Medieval Found Footage etwas, woran viele Bands scheitern: Sie klingen extrem, ohne bloß laut sein zu wollen. Hinter der lärmenden Oberfläche steckt eine bemerkenswerte Verletzlichkeit, die das Album weit über eine bloße Noise-Rock-Demonstration hinaushebt. Man verlässt dieses Album erschöpft – aber auch mit dem Gefühl, etwas Außergewöhnliches gehört zu haben.


