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Nu Jazz

ca. 3 Minu­ten

Nu Jazz ist eine sechs­köp­fige Avant­garde-Super­group aus Queens, New York, die die Gren­zen zwi­schen tra­di­tio­nel­lem Jazz und extre­men elek­tro­ni­schen Sub­gen­res kom­plett sprengt. Die Mit­glie­der stam­men aus der expe­ri­men­tel­len Under­ground-Szene der Stadt und waren unter ande­rem bei Deli Girls, CGI Jesus, The Nar­co­tix und Mur­der­pact aktiv. Die Band selbst beschreibt ihren Sound pro­vo­kant als Wood­stock 99 beim Mon­treux Jazz Fes­ti­val“ – eine explo­sive Syn­these aus Free Jazz, Hard­core-Punk, Indus­trial Noise und Math-Metal. Ent­stan­den ist das Pro­jekt aus einem Zusam­men­schluss pro­fi­lier­ter Musi­ker der New Yor­ker Under­ground-Szene. Die Beset­zung ver­eint den nihi­lis­ti­schen Gesang von Dan Orlow­ski (Deli Girls) mit den elek­tro­nisch ver­frem­de­ten Trom­pe­ten­klän­gen von Ryan Eas­ter und den modu­la­ren Syn­the­si­zer-Sound­scapes von Ben Shir­ken (Ex Wiish). Kom­plet­tiert wird das Ensem­ble durch die expe­ri­men­telle Gitar­ren­ar­beit von Adam Turay, das fun­da­men­tale Bass­spiel von Kevin Eichen­ber­ger und die bru­ta­len, mathe­ma­tisch prä­zi­sen Beats des Schlag­zeu­gers John Bemis. Nach dem ener­ge­ti­schen Album Live Jazz“ im Jahr 2024 folgte im Juli 2026 ihr aktu­el­les Werk Un Jazz“ über das renom­mierte Inde­pen­dent-Label Orange Milk. Von der Musik­presse wie Pitch­fork und Band­camp Daily als vir­tuo­ses, absicht­lich ver­stö­ren­des Kunst­werk gefei­ert, eta­bliert Un Jazz“ die For­ma­tion end­gül­tig als eine der radi­kals­ten Stim­men im moder­nen, expe­ri­men­tel­len Jazz.

Nu Jazz, Un Jazz

Nu Jazz

Un Jazz

Ver­öf­fent­licht: 24. Juli 2026 
Label: Orange Milk


Un Jazz“, das Zweit­werk des expe­ri­men­tel­len Sex­tetts aus Queens, will defi­ni­tiv nicht gefal­len – es stellt sich quer. Es rauscht, schep­pert, schmiert ab, fängt sich wie­der – und klingt über weite Stre­cken so, als würde die Band genau bis zu dem Punkt spie­len, an dem Kon­trolle und Kon­troll­ver­lust nicht mehr von­ein­an­der zu unter­schei­den sind.

Jazz als offenes System

Der Band­name führt zunächst in die Irre. Zwar ist Jazz irgend­wie der Aus­gangs­punkt, doch mit gepfleg­ter Jazz-Vir­tuo­si­tät hat Un Jazz“ unge­fähr so viel zu tun wie ein kaput­ter Bahn­hofs-Laut­spre­cher mit HiFi-Klang. Hier wird nicht geschnie­gelt musi­ziert, hier pral­len Free Jazz, No Wave, Noise Rock, Prog, Metal und eine latent ver­gif­tete Club­äs­the­tik bru­tal auf­ein­an­der, ohne zu einer gefäl­li­gen Fusion zu ver­schmel­zen. Das klingt chao­tisch, aber hin­ter jeder Dis­so­nanz steckt eine Ent­schei­dung, hin­ter jedem Bruch eine Idee.
Die Rhyth­men wir­ken oft, als wür­den sie jeden Moment aus­ein­an­der­fal­len, blei­ben aber erstaun­lich beweg­lich. Gitar­ren und Blä­ser set­zen eher Reiz­punkte als klas­si­sche Melo­dien, wäh­rend Syn­the­si­zer weni­ger Atmo­sphäre erzeu­gen als ein per­ma­nen­tes Gefühl unter­schwel­li­ger Bedro­hung. Die Vir­tuo­si­tät der Musi­ker ver­steckt sich bewusst hin­ter einer schmut­zi­gen Lo-Fi-Pro­duk­tion. Alles wirkt schief – und genau das macht den Reiz aus.

Groove im Kontrollverlust

Der fast zehn­mi­nü­tige Ope­ner Return of the Rant“ wirkt wie ein unver­mit­tel­ter Sprung ins kalte Was­ser: sper­rig, über­la­den, stän­dig in Bewe­gung – und genau damit setzt er die Maß­stäbe des Albums. Hat man sich erst ein­mal an die Kälte gewöhnt, öff­nen sich die fol­gen­den Tracks umso deut­li­cher. Im anschlie­ßen­den In My City“ fin­det die Band zu einem hyp­no­ti­schen Groove, der trotz aller Dis­so­nan­zen erstaun­lich zugäng­lich wirkt. 369“ lebt von sei­nen ner­vö­sen Rhyth­mus­ver­schie­bun­gen und einer rast­lo­sen Ener­gie, wäh­rend Rear­view“ beweist, dass Nu Jazz selbst im größ­ten Chaos ein Gespür für Dyna­mik und Atmo­sphäre besit­zen. Recom­bi­na­tion“ ent­wi­ckelt mit sei­nen fieb­rig krei­sen­den Strei­chern eine fast para­no­ide Span­nung, die den Song zwi­schen kam­mer­mu­si­ka­li­scher Ele­ganz und ner­vö­sem Kon­troll­ver­lust schwe­ben lässt. Das abschlie­ßende Civil War“ bün­delt schließ­lich noch ein­mal alle Stär­ken der Platte: Free Jazz, Hard­core, Noise und Impro­vi­sa­tion ver­dich­ten sich zu einem kur­zen, inten­si­ven Aus­nah­me­zu­stand. Bei alle­dem geben die Vocals keine Ori­en­tie­rung – sie hei­zen das ohne­hin schon fieb­rige Klang­bild wei­ter an, statt ihm Struk­tur zu verleihen.

Zerfall als Song

Diese Musik hat einen inne­ren Puls, auch wenn man ihn nicht sofort zu fas­sen bekommt. Dafür ist ihre Hand­schrift zu eigen­stän­dig, ihre Atmo­sphäre zu dicht und ihre Span­nung zu leben­dig. Nu Jazz ver­las­sen sich nicht auf kal­ku­lierte Ein­gän­gig­keit, son­dern auf Rei­bung – und genau dar­aus bezie­hen sie ihre größte Stärke. Und so höre ich Un Jazz“ nicht wie ein Album, das mich ein­fach beglei­tet. Dazu ist es zu unbe­quem, zu über­hitzt – und auch wenn nicht alles ins Schwarze trifft, bleibt doch etwas zurück: im Kopf, im Ohr, als Gefühl. Das Album lässt seine Wider­sprü­che bestehen und ver­wei­gert kon­se­quent den ein­fa­chen Weg. Es ist eines jener Alben, die mich sicher noch län­ger beglei­ten werden.