Tanya Tagaq

ca. 3 Minu­ten

Tanya Tagaq ist eine kana­di­sche Inuk-Künst­le­rin, Sän­ge­rin, Kom­po­nis­tin und Autorin aus Cam­bridge Bay im kana­di­schen Nuna­vut. Bereits im Alter von 15 Jah­ren beginnt sie erst­mals mit dem Kehl­kopf­s­in­gen. Im Zuge eines Kunst­stu­di­ums ent­wi­ckelt sie eine ein­zig­ar­tige Vari­ante: Aus dem ursprüng­lich zwei­stim­mi­gen, per­kus­si­ven Inu­it­ge­sang ent­wi­ckelt sie am Nova Sco­tia Col­lege of Art and Design ihre eigene Solo­form des Inuit-Hals­ge­sangs. Eine radi­kale Wei­ter­ent­wick­lung des tra­di­tio­nel­len Kehl­kopf­ge­sangs kata­j­jaq, den sie mit Ele­men­ten aus Avant­garde, Elek­tro­nik, Metal und expe­ri­men­tel­ler Musik ver­bin­det. Bekannt wird sie durch ihren prä­gen­den Bei­trag zu Björks stimm­ba­sier­ten A‑ca­pella-Album Medúlla“ (2004). Für ihr 2014 erschie­ne­nes Album Ani­mism erhielt sie den Pola­ris Music Prize; seit­her arbei­tet sie regel­mä­ßig mit Künst­lern wie Björk, Kro­nos Quar­tet und Solo­mon Sol“ Lee zusam­men. In ihrer Musik ver­bin­det Tagaq per­sön­li­che Erfah­run­gen mit The­men wie indi­ge­ner Iden­ti­tät, Kolo­nia­lis­mus, Gewalt und der Zer­stö­rung der ark­ti­schen Lebens­welt. So posi­tio­niert sie sich etwa klar gegen ein gene­rel­les Ver­bot der Rob­ben­jagd auf Jung­tiere. Diese Jagd geschehe in Ein­klang mit der Natur und den jahr­tau­sen­de­al­ten Inu­it­t­ra­di­tio­nen, sagt sie. Die kana­di­sche Regie­rung habe ebenso wenig ein Recht, sich in diese Lebens­weise ein­zu­mi­schen wie Tier­recht­ler: PETA can kiss my mother­fuck­ing ass!“ Wäh­rend der Preis­ver­lei­hung weist die Akti­vis­tin außer­dem auf mehr als tau­send unge­klärte Fälle von ver­schwun­de­nen indi­ge­nen Frauen hin.

Tanya Tagaq, Saputjiji

Tanya Tagaq

Saputjiji

Ver­öf­fent­licht: 6. März 2026 
Label: Kraut­pop! Records

Hit and run
Foxtrot Uniform Charlie Kilo Yankee Oscar Uniform
(FUCK YOU)
We don’t wanna go down with your ship

Text­aus­schnitt aus Fox­t­rot“

Tanya Tagaq macht auf Saput­jiji“ keine Musik zum Neben­bei­hö­ren. Ihr sieb­tes Album trägt einen Titel aus dem Inu­kti­tut, der sich sinn­ge­mäß mit Beschüt­zer“ oder Beschüt­ze­rin“ über­set­zen lässt. Mit ihrer Kunst und ihrem tra­di­tio­nel­len Kehl­kopf­ge­sang setzt sich Tagaq gegen kolo­niale Unter­drü­ckung, die Zer­stö­rung indi­ge­ner Lebens­räume und den Kli­ma­wan­del ein. Der Gedanke des Beschüt­zens wird dabei zum Sym­bol für Wider­stand und kul­tu­relle Bewah­rung. Daher klingt klingt das Album wie Not­ruf und Kriegs­er­klä­rung zugleich. Zwi­schen Inuit-Kehl­kopf­ge­sang, Indus­trial, Elek­tro­nik, Metal und Spo­ken Word ent­steht Musik über Krieg, Gewalt, Kolo­nia­lis­mus und Ver­lust – bru­tal und zugleich über­ra­schend verletzlich.

Musik als körperliche Erfahrung

Schon der Ope­ner Fuck War“ macht klar, dass dies hier kein klas­si­sches Pro­test­al­bum ist. Die Bot­schaft for­mu­liert Tagaq mit einer fast kör­per­lich klin­gen­den Stimme: sim­pel, direkt und kom­pro­miss­los. Der radi­kale Avant­garde-Track häm­mert indus­tri­ell, wäh­rend Tagaq ihren cha­rak­te­ris­ti­schen gut­tu­ra­len Kehl­ge­sang wie ein wüten­des Man­tra immer wie­der gegen die Musik stemmt. Dazu kom­men Schreie, Atem­ge­räu­sche und ein rhyth­mi­sches Dröh­nen. Dabei ist ihre Stimme nicht ein­fach Gesang. Sie ist Instru­ment, Geräusch und kör­per­li­cher Wider­stand zugleich. 

Auch zarte Töne

Umso erstaun­li­cher ist der Wech­sel, den When They Call“ voll­zieht. Strei­cher und Tag­aqs Stimme erzeu­gen eine bei­nahe zarte, tief­trau­rige Atmo­sphäre. Der Song beschäf­tigt sich mit der hohen Sui­zid­rate in Inuit-Gemein­schaf­ten – und Tagaq begeg­net die­sem Thema nicht mit Pathos, son­dern mit einer erschüt­tern­den Inti­mi­tät. Viel­leicht sind es gerade diese Momente, in denen das Album seine größte Wir­kung ent­fal­tet: nicht wenn es am aggres­sivs­ten ist, son­dern wenn es seine Ver­letz­lich­keit offenlegt.

Wut und Verletzlichkeit

Auch Exit Wound“ schlägt zunächst einen über­ra­schend sanf­ten Ton an. Elek­tro­ni­sche Stö­run­gen zie­hen durch einen wei­chen Klang­tep­pich, dar­über schwebt Tag­aqs Stimme, wäh­rend sich ein spar­sa­mer Groove lang­sam durch den Song bewegt. Das Stück wirkt bei­nahe äthe­risch, stel­len­weise sogar sakral. Black Boots“ ver­bin­det dage­gen schwere Atem­ge­räu­sche und tiefe Dro­nes mit einer düs­te­ren, bei­nahe tech­no­iden Struktur.Tagaq lässt Härte und Zärt­lich­keit, Aggres­sion und Trauer neben­ein­an­der ste­hen. Das macht die Platte nicht leich­ter zugäng­lich, aber mensch­li­cher – und letzt­lich auch eindringlicher.

Poetisch und sinnlich

Viele Texte grei­fen auf Mate­rial aus Tag­aqs Buch Split Tooth“ zurück. Dadurch bekommt das Album eine lite­ra­ri­sche Ebene, die über den unmit­tel­ba­ren poli­ti­schen Kom­men­tar hin­aus­weist. Gewalt, Kolo­nia­lis­mus, Kör­per, Sexua­li­tät, Mut­ter­schaft, Natur und Tod erschei­nen nicht als von­ein­an­der getrennte The­men, son­dern als mit­ein­an­der ver­bun­dene Erfahrungen.

Überwältigender Sound

Musi­ka­lisch bleibt Saput­jiji“ dabei stän­dig in Bewe­gung. Spo­ken Word trifft auf elek­tro­ni­sche Skiz­zen, Indus­trial auf tra­di­tio­nelle Gesangs­tech­ni­ken, aggres­sive Aus­brü­che auf lang­ge­zo­gene, bro­delnde Klang­flä­chen. Nicht jede Ver­bin­dung funk­tio­niert glei­cher­ma­ßen über­zeu­gend. Den­noch: Manch­mal reicht ein tie­fes Dröh­nen, ein Atem­zug oder eine ver­zerrte elek­tro­ni­sche Struk­tur, um die Span­nung auf­recht­zu­er­hal­ten. Und dann ist da diese Stimme. Sie klingt archa­isch und futu­ris­tisch zugleich. Sie kann schreien, knur­ren, flüs­tern, keu­chen und sin­gen – und macht aus all die­sen Aus­drucks­for­men eine Spra­che, die kei­ner Über­set­zung bedarf. Man muss sich aller­dings dar­auf ein­las­sen, auf die Brü­che, die Dun­kel­heit und die unge­wohn­ten Klang­wel­ten. Tut man das, wird aus dem zunächst über­wäl­ti­gen­den Sound eine Musik, die einen nicht in Ruhe lässt.