Seit über 30 Jahren ist die britische Rockband Muse unter dem Social-Media-Handle „@muse“ unterwegs. Seit Juni findet man sie allerdings unter „@museband“. Wer das gewohnte Bandprofil mit seinen rund drei Millionen Follower*innen auf Instagram aufruft, landet inzwischen bei Metas neuem KI-Tool. Auch auf X hat die Band ihren alten Namen abgegeben und ist inzwischen unter „@Musetheband“ zu finden.
Der Grund: Meta hat seine neue KI ebenfalls Muse getauft. Der persönliche KI-Agent soll für seine Nutzer E‑Mails verschicken, Reisen buchen, Termine organisieren, einkaufen und überhaupt möglichst viel von dem erledigen, was Menschen bislang selbst erledigen mussten. Meta-Chef Mark Zuckerberg nennt das einen Schritt auf dem Weg zur „personal superintelligence“. Und plötzlich ist @muse also nicht mehr die digitale Adresse einer Rockband, sondern die Visitenkarte eines Algorithmus.
Matt Bellamy und seine Bandkollegen haben sich auf Alben wie „Drones“ und „Simulation Theory“ ausgiebig mit Überwachung, künstlicher Kontrolle und dystopischen Zukunftsszenarien beschäftigt. In „Uprising“ sangen sie einst davon, dass Maschinen und Systeme nicht die Kontrolle übernehmen sollen. Ironie des Schicksals: Nun hat zumindest ein Algorithmus ihren Namen übernommen. „They will not force us. They will not control us“, heißt in dem Song aus dem Jahr 2009.
Ob Meta den Handle tatsächlich aktiv beansprucht hat, ist allerdings nicht bekannt. Weder der Konzern noch die Band haben öffentlich erklärt, wie es zu dem Wechsel kam. Die Band hatte den neuen Namen bereits Monate vor dem Start von Metas KI übernommen. Ob sie den alten Handle freiwillig abgegeben hat, ob es eine Absprache gab oder ob Meta irgendwie nachgeholfen hat, bleibt offen. Die Pointe indes bleibt: Eine Band, die jahrzehntelang vor der technologischen Dystopie gewarnt hat, verliert ihren Namen an genau diese Technologie.
Offiziell erlaubt Instagram es nicht, Nutzernamen zu kaufen, zu verkaufen oder zu tauschen. Begehrte Handles haben trotzdem einen Wert, und rund um kurze oder prominente Nutzernamen gibt es seit Jahren einen regelrechten Schwarzmarkt. Dass Plattformbetreiber bei der Vergabe solcher Namen ihre eigenen Interessen durchsetzen, ist ebenfalls nicht neu. Meta hat das schon einmal demonstriert. Als Facebook 2021 in Meta umbenannt wurde, gehörte der Instagram-Handle @meta zunächst nicht dem Konzern, sondern einem kleinen unabhängigen Motorradmagazin aus Denver, das ihn seit 2014 nutzte. Kurz nach der Umbenennung verschwand der Account. Auch beim Start von Threads 2023 tauchte ein ähnliches Muster auf: Der Handle @threads, der zuvor von dem kleinen Modehändler American Threads genutzt worden war, landete bei Metas neuem Kurznachrichtendienst.
Ob bei diesen Fällen Geld floss, Druck ausgeübt wurde oder die jeweiligen Besitzer freiwillig Platz machten, ist nicht immer öffentlich dokumentiert. Das Prinzip ist allerdings bemerkenswert: Wenn ein Konzern einen Namen für eines seiner Produkte braucht, kann ein jahrelang genutzter digitaler Name plötzlich sehr viel weniger sicher sein, als man vielleicht dachte.
Eine Band, die seit Jahrzehnten über die Gefahren einer von Technologie dominierten Zukunft singt, verliert ausgerechnet an einen Tech-Konzern ihren digitalen Namen – und zwar an eine künstliche Intelligenz, die künftig möglichst viel von dem erledigen soll, was bislang Menschen gemacht haben. Maschinen machen Musik, Maschinen schreiben Texte, Maschinen erzeugen Bilder. Jetzt nehmen sie Bands auch noch ihre Usernames weg.
Wie passend dazu die aktuelle Debatte, in der ausgerechnet die Chefs der weltweit führenden KI-Konzerne – darunter OpenAI-Chef Sam Altman, Anthropic-Chef Dario Amodei und der etwas wirre Tech-Unternehmer Elon Musk – eindringlich vor den unkontrollierbaren Risiken ihrer eigenen Technologie warnen.