The Drin stammen aus Cincinnati, Ohio, und entstanden 2020 zunächst als Soloprojekt von Dylan McCartney. Allein der Name des Bandgründers ist schon eine hübsche Laune der Popgeschichte: Dylan McCartney – zwei großartige Musiker in einer Person, zumindest dem Namen nach. Aus den frühen, im heimischen Dachboden zusammengebauten Aufnahmen entwickelte sich schnell eine feste Band mit sechs Mitgliedern, zu denen auch Musiker der Band The Serfs gehören. Seit „Far Out Kicking“ (2020) haben The Drin ihren Sound kontinuierlich erweitert. Was zunächst stark nach schrägem Midwest-Post-Punk klang, ist inzwischen ein eigenwilliger Klangkosmos aus Post-Punk, Krautrock, Garage, Psychedelia, Gothic und Dub. Saxofon, Synthesizer, Bouzouki und kantige Gitarren gehören ebenso dazu wie die leicht verrottete Atmosphäre, die ihre Musik so unverwechselbar macht. Mit „Today My Friend You Drunk the Venom“ (2023), „Elude the Torch“ (2024) und nun „I Lost My Way For Centuries“ haben The Drin diese musikalische Welt immer weiter geöffnet, ohne dabei ihren verschrobenen Underground-Charme einzubüßen.
Textausschnitt aus „Prophets of Doom“„It’s not a mistake/I was born too late/It’s just my fate“
Mit 23 Songs und rund 75 Minuten hat „I Lost My Way For Centuries“ eigentlich genug Material für zwei Alben. Stattdessen packen The Drin gefühlt ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte in eine einzige Veröffentlichung: Post-Punk, Krautrock, Psych, Dub, Garage, Folk und ein bisschen Gothic-Americana finden hier zusammen. Und für ein derart breit gefächertes Album gibt es bemerkenswert wenig Überflüssiges. Das Ergebnis klingt entsprechend eigenwillig – und verdammt gut.
Kein Stillstand, nur Abzweigungen
Auf ausgedehnte Noise-Experimente oder freie Jams verzichten The Drin weitgehend. Stattdessen konzentrieren sie sich stärker auf kompakte Popsongs, behalten dabei aber den improvisatorischen und wandernden Geist der Band bei. Ein Teil des Geheimnisses ist die größtenteils organische Instrumentierung: Gitarren, Schlagzeug, Blechbläser, Shaker und gelegentlich Bouzouki. Der andere ist Dylan McCartneys Stimme. Kein großer Sänger im klassischen Sinne, eher ein verschrobener Erzähler, der seine Geschichten irgendwo zwischen Sprechgesang, gelangweiltem Nuscheln und plötzlich aufbrechendem Rock’n’Roll vorträgt. Das passt perfekt zu dieser Musik. Mal schleppt sich ein Song wie ein angeschlagener Blues durch die Gegend, dann setzt ein motorischer Beat ein oder das Saxofon übernimmt und zieht alles in eine völlig andere Richtung. The Drin springen ständig zwischen Zeiten und Stilen hin und her – und genau deshalb passt der Titel des Albums so gut.
Verirrt durch die Musikgeschichte
Hier wird keine bestimmte Vergangenheit möglichst originalgetreu nachgebaut. Die Musik klingt eher wie die Erinnerung an Musik, deren Herkunft man nicht mehr genau bestimmen kann. Musikalische Fundstücke aus verschiedenen Epochen treffen auf ein zeitgenössisches Gefühl von Unbehagen. The Drin haben sich verirrt – durch Jahrzehnte Musikgeschichte, durch Vergangenheit und Gegenwart. Und man lässt sich nur zu gerne mit hineinziehen. Man lässt sich vom stoischen Groove von „Cannery Action“ treiben, träumt zum kaputten Folk von „Moths to the Light“ oder sinniert zum krautigen Space-Rocker „The Cell“.
Zwischen Erschöpfung und Aufbruch
Thematisch bleibt es dunkel. Verfall, Entfremdung, Doomscrolling und das Gefühl, in einer ziemlich merkwürdigen Gegenwart festzustecken, ziehen sich durch die Platte. Allerdings haben The Drin ihre Depression offenbar mit etwas Humor angereichert. „Spent“ verwandelt totale Erschöpfung in einen lässigen Dub-Groove, „Bozo Theatre“ kommt trotz seiner melancholischen Grundstimmung fast schon verspielt daher. The Drin können über Untergang und Verlorenheit singen und dabei trotzdem einen verdammt guten Song schreiben.
Besonders schön wird das auf „I’m Not the Door“. Psychedelische Gitarren und verträumte Melodien verbinden sich hier zu einem beinahe schwebenden Stück Musik. Für eine Band, die einst ziemlich tief im Post-Punk-Sumpf steckte, ist das eine erstaunliche Öffnung des eigenen Klangbilds. Einen großen Anteil daran hat das subtile und verführerische Saxofon von Eric Dietrich. Er schafft es, die Stimmung eines Songs allmählich zu verändern, ohne dass dafür gleich das komplette Arrangement auf links gedreht werden muss.
„In hard times, I will create“, heißt es in „Come and See V3“. Viel besser lässt sich das Prinzip von The Drin kaum zusammenfassen. Ich verliere mich jedenfalls ziemlich gerne in dieser faszinierenden Mischung aus kaputtem Post-Punk, psychedelischem Rock, Folk und Kraut. Musik für Menschen, die sich gerne verirren – und dabei nicht auf den Wegweiser achten.


