Anna von Hausswolff wurde 1986 im schwedischen Göteborg geboren und gehört zu den eigenwilligsten Musikerinnen der europäischen Avantgarde. Als Sängerin, Komponistin und Organistin bewegt sie sich zwischen Art-Pop, experimentellem Rock, Drone und düsterer Sakralmusik. Sie selbst nennt es „Funeral-Pop“. Schon auf ihrem Debüt „Singing from the Grave“ (2010) deutete sich ihre Vorliebe für ungewöhnliche Klangwelten an. Mit „Ceremony“ (2012) rückte die Kirchenorgel zunehmend ins Zentrum ihrer Musik. Auf den folgenden Alben „The Miraculous“ (2015) und „Dead Magic“ (2018) entwickelte sie daraus einen unverwechselbaren Sound zwischen monumentaler Klanggewalt, hypnotischen Drones und eruptivem Rock. Das großartige, rein instrumentale Werk „All Thoughts Fly“ (2020) widmete sie sich schließlich ganz den klanglichen Möglichkeiten der Pfeifenorgel. Die Tochter des schwedischen Klangkünstlers Carl Michael von Hausswolff hat zunächst Architektur studiert und sich später auch mit bildender Kunst beschäftigt. Diese Offenheit für unterschiedliche Kunstformen prägt ihre Arbeit bis heute. Neben ihrer Solokarriere komponiert sie für Film und Theater, arbeitet mit Choreografen und anderen Musikern zusammen und betreibt mit Pomperipossa Records ein eigenes Label.
ICONOCLASTS — Album Review
Textausschnitt aus „Struggle With The Beast“„I called the hospital this morning
I was getting a feeling
Of losing my mind
Of losing control“
Der Titel des aktuellen Albums von Anna von Hausswolff beschreibt die Zerstörung von Bildern oder Denkmälern von religiöser, kultureller oder politischer Relevanz. Man kann auch Rebellen oder Nonkonformisten darunter verstehen. Wie passend für der schwedische Sängerin und Organistin, die mit ihrer Orgel nicht unbedingt Trost spendet, sondern einem schon mal das Fürchten lehren kann. Auf „ICONOCLASTS“ öffnet sich ihr Sound stärker für Jazz, Art-Pop und große, hymnische Melodien. Das Ergebnis ist ein Album, das gleichermaßen überwältigt und überrascht.
Orgel triff auf Saxofon
Schon der Opener „The Beast“ macht zeigt, dass hier einiges anders läuft. Eröffnet wird er von dem schwedischen Jazzmusiker Otis Sandsjö (Saxofon, Klarinette). Der Track steht ganz im Zeichen seines flirrenden Saxofon. Aber schon im sanft ansteigenden „Facing Atlas“ türmen sich Schlagzeug, Orgel und Stimme zu einer dunklen, drängenden Masse auf. Und mit dem über elf Minuten langen Titelstück entfaltet sich ein musikalischer Sog, der sich Zeit nimmt, Umwege zulässt und schließlich in einer Mischung aus Ekstase und Erschöpfung mündet.
Überhaupt ist „ICONOCLASTS” weniger eine Ansammlung monumentaler Klangskulpturen als ein erstaunlich bewegliches Album. Doom, Drone, experimenteller Rock, sakrale Klangflächen und jazzige Ausbrüche geraten in einen produktiven Streit. Saxofonist Sandsjö steuer immer wieder nervöse, entfesselten Linien in die überwältigende Klangarchitektur. „Struggle With The Beast“ ist dafür ein Paradebeispiel. Hier wird geschichtet, getrieben und aufgebrochen, bis sich die Musik aus ihren eigenen Fesseln zu befreien scheint.
Prominente Gäste und große Gefühle
Auch die prominenten Gäste fügen sich überraschend selbstverständlich ein. Iggy Pop verleiht „The Whole Woman“ mit seiner rauen, abgeklärten Stimme einen erdigen Gegenpol zu von Hausswolffs entrücktem Gesang. Ethel Cain trifft in „Aging Young Women“ auf eine der zugänglichsten Melodien des Albums, während „An Ocean Of Time“, gemeinsam mit dem Ambient-Musiker Abul Mogard, den Puls merklich herunterfährt. Solche Momente der Entspannung braucht diese Platte, denn ihre rund 73 Minuten verlangen einiges an Aufmerksamkeit.
Pathos gehört dazu
Im Zentrum steht dennoch oft Hausswolffs Stimme, die zwischen beschwörendem Flüstern, verletzlicher Klarheit und eruptiver Wucht wechselt. Ihre Songs kreisen um Verlust, Selbstbehauptung und den schmerzhaften Prozess, alte Bindungen und Gewissheiten abzustreifen. Das Allses klingt nach großem Drama, wird aber gerade dann überzeugend, wenn die Musik nicht alles mit maximalem Nachdruck unterstreicht. Obwohl: Gelegentlich trägt das Album ein wenig zu dick auf. Man hört deutlich: Von Hausswolff liebt das Erhabene, das Pathos und den großen emotionalen Bogen. Aber selbst, wo der Bombast an seine Grenzen stößt, bewahrt sich das Album eine faszinierende Unberechenbarkeit.
„ICONOCLASTS“ ist deshalb nicht einfach eine Fortsetzung der düsteren Orgelwelten des weitgehend instrumentalen und von mir sehr geschätzten „All Thoughts Fly“. Es ist ein Album voller sakraler Erhabenheit, jazziger Unruhe und emotionalem Kontrollverlust.
All Thoughts Fly — Album Review
Eine Kirchenorgel ist eigentlich für die ganz großen Gefühle zuständig und soll den Menschen näher an den Himmel bringen. Anna von Hausswolff verfolgt auf „All Thoughts Fly“ andere Absichten: Ihre Reise führt weniger zur Erlösung als ins Unbekannte. Sakral und spirituell ist diese Musik durchaus, aber vor allem düster, unheimlich und unterschwellig bedrohlich. Gerade die tiefen Register erzeugen einen dröhnenden, körperlich spürbaren Unterton, während sich darüber helle, beinahe geisterhafte Pfeiftöne legen. Es entsteht ein Wechselspiel aus Harmonie und Dissonanz, aus Ruhe und unterschwelliger Unruhe. Die Musik hat etwas Hypnotisches, aber sie lässt einen nie ganz los. Selbst in ihren ruhigsten Momenten bleibt dieses Gefühl, dass sich irgendwo im Hintergrund etwas zusammenbraut.
Sakrale Klänge aus einer anderen Welt
Sieben Stücke, rund 43 Minuten, eine einzige Orgel. Kein Gesang, keine weiteren Instrumente. Was spröde klingt, entfaltet erstaunliche Vielfalt: tiefe, körperlich spürbare Drones, geisterhafte Pfeiftöne und schwebende Melodien, die kurz Trost versprechen, bevor sie wieder im Dunkel versinken. Aufgenommen wurde das Album in der Örgryte New Church in Göteborg, auf einer detailgetreuen Nachbildung einer norddeutschen Barockorgel des Orgelbauers Arp Schnitger aus dem 17. Jahrhundert.
Ein musikalischer Trip ins Unheimliche
Das Herzstück ist für mich „Sacro Bosco“, inspiriert vom Park der Ungeheuer in Bomarzo. Grollende Register und schrille Höhen klingen, als öffne sich ein Tor zu einer vergessenen Welt. „Persefone“ bietet eine trügerische Ruhe, „Entering“ entwickelt einen pulsierenden Sog. Im über zwölfminütigen Titelstück verschieben und überlagern sich wenige Motive mit beinahe mantrischer Wirkung. „Outside The Gate (For Bruna)“ führt schließlich vorsichtig zurück in die Wirklichkeit.
Ein angenehm unheimliches Hörerlebnis
„All Thoughts Fly „verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich von vertrauten Songstrukturen zu lösen. Die Orgel übernimmt alle Rollen: Sie erzählt, klagt, beschwört und droht. Sakrale Musik ohne Religion, meditativ ohne Entspannung und wunderschön, ohne wirklich friedlich zu sein. Ein faszinierendes, eigentümliches und angenehm unheimliches Hörerlebnis.



