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Anna von Hausswolff 

ca. 4 Minu­ten

Anna von Hauss­wolff wurde 1986 im schwe­di­schen Göte­borg gebo­ren und gehört zu den eigen­wil­ligs­ten Musi­ke­rin­nen der euro­päi­schen Avant­garde. Als Sän­ge­rin, Kom­po­nis­tin und Orga­nis­tin bewegt sie sich zwi­schen Art-Pop, expe­ri­men­tel­lem Rock, Drone und düs­te­rer Sakral­mu­sik. Sie selbst nennt es ​„Fun­e­ral-Pop“. Schon auf ihrem Debüt ​„Sin­ging from the Grave“ (2010) deu­tete sich ihre Vor­liebe für unge­wöhn­li­che Klang­wel­ten an. Mit ​„Cerem­ony“ (2012) rückte die Kir­chen­or­gel zuneh­mend ins Zen­trum ihrer Musik. Auf den fol­gen­den Alben ​„The Mira­cu­lous“ (2015) und ​„Dead Magic“ (2018) ent­wi­ckelte sie dar­aus einen unver­wech­sel­ba­ren Sound zwi­schen monu­men­ta­ler Klang­ge­walt, hyp­no­ti­schen Dro­nes und erup­ti­vem Rock. Das groß­ar­tige, rein instru­men­tale Werk ​„All Thoughts Fly“ (2020) wid­mete sie sich schließ­lich ganz den klang­li­chen Mög­lich­kei­ten der Pfei­fen­or­gel. Die Toch­ter des schwe­di­schen Klang­künst­lers Carl Michael von Hauss­wolff hat zunächst Archi­tek­tur stu­diert und sich spä­ter auch mit bil­den­der Kunst beschäf­tigt. Diese Offen­heit für unter­schied­li­che Kunst­for­men prägt ihre Arbeit bis heute. Neben ihrer Solo­kar­riere kom­po­niert sie für Film und Thea­ter, arbei­tet mit Cho­reo­gra­fen und ande­ren Musi­kern zusam­men und betreibt mit Pom­pe­ri­possa Records ein eige­nes Label. 

Anna von Hausswolff 
ICONOCLASTS

Ver­öf­fent­licht: 31. Okto­ber 2025
Label: Year0001

ICONOCLASTS — Album Review

„I called the hospital this morning
I was getting a feeling
Of losing my mind
Of losing control“

Text­aus­schnitt aus ​„Struggle With The Beast“

Der Titel des aktu­el­len Albums von Anna von Hauss­wolff beschreibt die Zer­stö­rung von Bil­dern oder Denk­mä­lern von reli­giö­ser, kul­tu­rel­ler oder poli­ti­scher Rele­vanz. Man kann auch Rebel­len oder Non­kon­for­mis­ten dar­un­ter ver­ste­hen. Wie pas­send für der schwe­di­sche Sän­ge­rin und Orga­nis­tin, die mit ihrer Orgel nicht unbe­dingt Trost spen­det, son­dern einem schon mal das Fürch­ten leh­ren kann. Auf ​„ICONOCLASTS“ öff­net sich ihr Sound stär­ker für Jazz, Art-Pop und große, hym­ni­sche Melo­dien. Das Ergeb­nis ist ein Album, das glei­cher­ma­ßen über­wäl­tigt und überrascht.

Orgel triff auf Saxofon 

Schon der Ope­ner ​„The Beast“ macht zeigt, dass hier eini­ges anders läuft. Eröff­net wird er von dem schwe­di­schen Jazz­mu­si­ker Otis Sand­sjö (Saxo­fon, Kla­ri­nette). Der Track steht ganz im Zei­chen sei­nes flir­ren­den Saxo­fon. Aber schon im sanft anstei­gen­den ​„Facing Atlas“ tür­men sich Schlag­zeug, Orgel und Stimme zu einer dunk­len, drän­gen­den Masse auf. Und mit dem über elf Minu­ten lan­gen Titel­stück ent­fal­tet sich ein musi­ka­li­scher Sog, der sich Zeit nimmt, Umwege zulässt und schließ­lich in einer Mischung aus Ekstase und Erschöp­fung mün­det.
Über­haupt ist ​„ICONOCLASTS” weni­ger eine Ansamm­lung monu­men­ta­ler Klang­skulp­tu­ren als ein erstaun­lich beweg­li­ches Album. Doom, Drone, expe­ri­men­tel­ler Rock, sakrale Klang­flä­chen und jaz­zige Aus­brü­che gera­ten in einen pro­duk­ti­ven Streit. Saxo­fo­nist Sand­sjö steuer immer wie­der ner­vöse, ent­fes­sel­ten Linien in die über­wäl­ti­gende Klang­ar­chi­tek­tur. ​„Struggle With The Beast“ ist dafür ein Para­de­bei­spiel. Hier wird geschich­tet, getrie­ben und auf­ge­bro­chen, bis sich die Musik aus ihren eige­nen Fes­seln zu befreien scheint.

Prominente Gäste und große Gefühle

Auch die pro­mi­nen­ten Gäste fügen sich über­ra­schend selbst­ver­ständ­lich ein. Iggy Pop ver­leiht ​„The Whole Woman“ mit sei­ner rauen, abge­klär­ten Stimme einen erdi­gen Gegen­pol zu von Hauss­wolffs ent­rück­tem Gesang. Ethel Cain trifft in ​„Aging Young Women“ auf eine der zugäng­lichs­ten Melo­dien des Albums, wäh­rend ​„An Ocean Of Time“, gemein­sam mit dem Ambi­ent-Musi­ker Abul Mogard, den Puls merk­lich her­un­ter­fährt. Sol­che Momente der Ent­span­nung braucht diese Platte, denn ihre rund 73 Minu­ten ver­lan­gen eini­ges an Aufmerksamkeit.

Pathos gehört dazu

Im Zen­trum steht den­noch oft Hauss­wolffs Stimme, die zwi­schen beschwö­ren­dem Flüs­tern, ver­letz­li­cher Klar­heit und erup­ti­ver Wucht wech­selt. Ihre Songs krei­sen um Ver­lust, Selbst­be­haup­tung und den schmerz­haf­ten Pro­zess, alte Bin­dun­gen und Gewiss­hei­ten abzu­strei­fen. Das All­ses klingt nach gro­ßem Drama, wird aber gerade dann über­zeu­gend, wenn die Musik nicht alles mit maxi­ma­lem Nach­druck unter­streicht. Obwohl: Gele­gent­lich trägt das Album ein wenig zu dick auf. Man hört deut­lich: Von Hauss­wolff liebt das Erha­bene, das Pathos und den gro­ßen emo­tio­na­len Bogen. Aber selbst, wo der Bom­bast an seine Gren­zen stößt, bewahrt sich das Album eine fas­zi­nie­rende Unbe­re­chen­bar­keit.
​„ICONOCLASTS“ ist des­halb nicht ein­fach eine Fort­set­zung der düs­te­ren Orgel­wel­ten des weit­ge­hend instru­men­ta­len und von mir sehr geschätz­ten ​„All Thoughts Fly“. Es ist ein Album vol­ler sakra­ler Erha­ben­heit, jaz­zi­ger Unruhe und emo­tio­na­lem Kontrollverlust. 

Anna von Hausswolff 
​„All Thoughts Fly“

Ver­öf­fent­licht: 5. Sep­tem­ber 2020
Label: Sou­thern Lord Records

All Thoughts Fly — Album Review

Eine Kir­chen­or­gel ist eigent­lich für die ganz gro­ßen Gefühle zustän­dig und soll den Men­schen näher an den Him­mel brin­gen. Anna von Hauss­wolff ver­folgt auf ​„All Thoughts Fly“ andere Absich­ten: Ihre Reise führt weni­ger zur Erlö­sung als ins Unbe­kannte. Sakral und spi­ri­tu­ell ist diese Musik durch­aus, aber vor allem düs­ter, unheim­lich und unter­schwel­lig bedroh­lich. Gerade die tie­fen Regis­ter erzeu­gen einen dröh­nen­den, kör­per­lich spür­ba­ren Unter­ton, wäh­rend sich dar­über helle, bei­nahe geis­ter­hafte Pfeif­töne legen. Es ent­steht ein Wech­sel­spiel aus Har­mo­nie und Dis­so­nanz, aus Ruhe und unter­schwel­li­ger Unruhe. Die Musik hat etwas Hyp­no­ti­sches, aber sie lässt einen nie ganz los. Selbst in ihren ruhigs­ten Momen­ten bleibt die­ses Gefühl, dass sich irgendwo im Hin­ter­grund etwas zusammenbraut.

Sakrale Klänge aus einer anderen Welt

Sie­ben Stü­cke, rund 43 Minu­ten, eine ein­zige Orgel. Kein Gesang, keine wei­te­ren Instru­mente. Was spröde klingt, ent­fal­tet erstaun­li­che Viel­falt: tiefe, kör­per­lich spür­bare Dro­nes, geis­ter­hafte Pfeif­töne und schwe­bende Melo­dien, die kurz Trost ver­spre­chen, bevor sie wie­der im Dun­kel ver­sin­ken. Auf­ge­nom­men wurde das Album in der Örgryte New Church in Göte­borg, auf einer detail­ge­treuen Nach­bil­dung einer nord­deut­schen Barock­or­gel des Orgel­bau­ers Arp Schnit­ger aus dem 17. Jahrhundert.

Ein musikalischer Trip ins Unheimliche

Das Herz­stück ist für mich ​„Sacro Bosco“, inspi­riert vom Park der Unge­heuer in Bomarzo. Grol­lende Regis­ter und schrille Höhen klin­gen, als öffne sich ein Tor zu einer ver­ges­se­nen Welt. ​„Per­se­fone“ bie­tet eine trü­ge­ri­sche Ruhe, ​„Ente­ring“ ent­wi­ckelt einen pul­sie­ren­den Sog. Im über zwölf­mi­nü­ti­gen Titel­stück ver­schie­ben und über­la­gern sich wenige Motive mit bei­nahe man­tri­scher Wir­kung. ​„Out­side The Gate (For Bruna)“ führt schließ­lich vor­sich­tig zurück in die Wirklichkeit.

Ein angenehm unheimliches Hörerlebnis

„All Thoughts Fly ​„ver­langt Auf­merk­sam­keit und die Bereit­schaft, sich von ver­trau­ten Song­struk­tu­ren zu lösen. Die Orgel über­nimmt alle Rol­len: Sie erzählt, klagt, beschwört und droht. Sakrale Musik ohne Reli­gion, medi­ta­tiv ohne Ent­span­nung und wun­der­schön, ohne wirk­lich fried­lich zu sein. Ein fas­zi­nie­ren­des, eigen­tüm­li­ches und ange­nehm unheim­li­ches Hörerlebnis.