Angine de Poitrine

ca. 3 Minu­ten

Angine de Poi­trine ist ein anony­mes Duo aus Qué­bec, das mit Mas­ken, Mikro­to­na­li­tät und hoch­kom­ple­xen Rhyth­men die Gren­zen von Math- und Noise-Rock neu ver­misst. Ent­spre­chend der Band­name: Er bedeu­tet wört­lich Brust­enge“ bzw. Angina pec­to­ris“ – also ein medi­zi­ni­scher Begriff für ein Enge­ge­fühl in der Brust, oft im Zusam­men­hang mit Herz­pro­ble­men. Als Band­name wirkt das natür­lich bewusst irri­tie­rend, aber er passt her­vor­ra­gend zu Musik des Duos – eine Mischung aus phy­si­scher Wir­kung (Druck, Rhyth­mus, Bewe­gung) und ver­kopf­ter, mathe­ma­ti­scher Kon­struk­tion. Hin­ter dem Pro­jekt ste­hen Khn de Poi­trine (Gitarre, Bass, Loo­ping) und Klek de Poi­trine (Schlag­zeug), die ihre Iden­ti­tät kon­se­quent ver­schlei­ern und damit selbst Teil ihres Kon­zepts wer­den. Optisch prä­gen schwarz-weiß gepunk­tete Ganz­kör­per­an­züge und über­di­men­sio­nale Papp­ma­ché-Mas­ken ihren Auf­tritt – irgendwo zwi­schen Per­for­mance­kunst und grun­zen­der Alien-Parade. Klang­lich domi­nert vor allem Khn mit einem eigens ent­wi­ckel­ten Dop­pel­hals-Sai­ten­in­stru­ment mit mikro­to­na­len Bün­den, des­sen Signale er via Loop-Pedale zu dich­ten, poly­rhyth­mi­schen Geflech­ten auf­türmt. Wäh­rend ihr Debüt Vol. I“ zunächst nur in klei­nen, nerdi­gen Zir­keln kur­sierte, kata­pul­tierte eine virale KEXP-Ses­sion das Duo schlag­ar­tig aus dem Unter­grund in die glo­bale Wahr­neh­mung. Resul­tat: aus­ver­kaufte Tou­ren, absurde Samm­ler­preise, rat­lose You­Tube-Ana­ly­sen. Augen­zwin­kernd bezeich­nen sie sich selbst als Man­tra-Rock Dada Pytha­go­rean-Cubist Orches­tra“ – ein Eti­kett, das so über­dreht ist wie ihre Musik und am Ende doch erstaun­lich gut passt.

Angine de Poitrine, Vol. II

Angine de Poitrine

Vol. II

Ver­öf­fent­licht: 3. April 2026
Label: None­such Records

Das zweite Album Vol. II“ des Duos Angine de Poi­trine knüpft naht­los an das Vor­gän­ger­al­bum an. Refe­ren­zen las­sen sich zwar aus­ma­chen – irgendwo zwi­schen King Giz­zard & the Lizard Wizard, frü­hen Batt­les oder auch Pri­mus. Doch der eigent­li­che Reiz liegt tie­fer im Nerd-Kos­mos: fran­zö­si­scher Zeuhl à la Magma, die ver­schro­bene Avant­garde von Ren­aldo and the Loaf oder die rohe Ener­gie von Light­ning Bolt. Das Ent­schei­dende: Diese Ein­flüsse wer­den nicht zitiert, son­dern in ein eige­nes Sys­tem über­führt – eines, das sich klas­si­schen Rock­lo­gi­ken weit­ge­hend entzieht.

Der Groove im Labyrinth

Was zunächst wie ver­kopfte Kon­struk­tion wirkt, ent­puppt sich schnell als erstaun­lich kör­per­lich. Die Tracks auf Vol. II“ funk­tio­nie­ren wie mathe­ma­ti­sche Modelle, die plötz­lich anfan­gen zu tan­zen. Poly­rhyth­mik, Mikro­to­na­li­tät, ver­scho­bene Akzente – alles vor­han­den, aber nie als ste­rile Fin­ger­übung. Statt­des­sen ent­steht ein Sog zwi­schen erken­nen­dem Kopf­ni­cken und völ­lig ent­hemm­tem Zap­peln. Diese Musik funk­tio­niert im Club genauso wie im Wohn­zim­mer – gerade weil sie sich jeder ein­deu­ti­gen Logik entzieht.

Mikrotonale Eskalation

Der Ope­ner Fabi­enk“ wirkt zunächst fast greif­bar, ent­zieht sich aber kon­se­quent jeder Sta­bi­li­tät. Das zen­trale Riff unter­läuft sich per­ma­nent selbst: Akzente sit­zen falsch“, Phra­sen kip­pen, ver­schie­ben sich, lösen sich auf – ohne dass der Puls je ganz ver­lo­ren geht. Was bleibt ist ein tol­les Groove-Mons­ter. Sar­niezz“ arbei­tet mit einer ähn­lich irri­tie­ren­den Logik. Glaubt man, das Mus­ter ver­stan­den zu haben, ent­zieht es sich im nächs­ten Moment wieder.

Das Spiel mit dem Vertrauten

Am deut­lichs­ten spie­len Angine de Poi­trine mit Erwar­tungs­hal­tun­gen in Yor Zarad“. Ein ner­vö­ses, fast post-pun­ki­ges Geflecht baut sich auf, bevor die Struk­tur plötz­lich gera­de­ge­zo­gen“ wird. Ein Effekt wie ein klas­si­scher Drop – nur dass er hier aus maxi­ma­ler Ver­trackt­heit her­aus ent­steht. UTZP“ schließ­lich gibt sich ober­fläch­lich zugäng­li­cher. Khn bewegt sich spie­le­risch zwi­schen Bal­kan-Anklän­gen, No-Wave-Zer­fah­ren­heit und über­dreh­ten Prog-Gitar­ren, dabei wirkt Nichts wie ein Zitat, alles fließt aus einem Guss.

Sechs Minuten, keine Wiederholung

Auf­fäl­lig ist die Länge der Stü­cke: Kaum ein Track bleibt unter sechs Minu­ten, und doch wir­ken sie nie wie klas­si­sche Jams. Jeder Track ent­wi­ckelt seine eigene Dra­ma­tur­gie, seine eigene Form von Span­nung. Die viel­leicht größte Leis­tung: Angine de Poi­trine ver­bin­den ana­ly­ti­sche Kom­ple­xi­tät mit unmit­tel­ba­rer Kör­per­lich­keit. Musik, die das Gehirn ver­kno­tet – und gleich­zei­tig dafür sorgt, dass die Beine nicht still­ste­hen. Ob der Hype um diese außer­ge­wöhn­li­che Band von Dauer ist, bleibt abzu­war­ten. Erstaun­lich ist jedoch, dass selbst ein brei­te­res Publi­kum Gefal­len an der­art kom­ple­xen Sounds fin­det. Inso­fern dürfte Vol. II“ bereits jetzt zu den wich­tigs­ten Rock-Alben des Jah­res zäh­len. Und noch etwas wird dabei klar: Die­ses Kon­zept trägt vor allem musi­ka­lisch – die auf­fäl­li­gen Kos­tüme sind letzt­lich nur das visu­elle Beiwerk.

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