Bela Spit sind ein 2020 gegründetes Post-Punk-Quartett aus Leeds mit Sängerin Iris Casling, Gitarristin Scarlett Baxter, Bassistin Beth Veasey und Schlagzeugerin Nika Ticciati. Die Band verbindet schroffen DIY-Punk mit No Wave, Garage und anarchischem Performance-Humor und beschreibt ihren Stil selbst als „post-pussy anarchic cabaret“. Nach ihrem Debüt „Bela Spit“ (2024) folgte 2026 das gerade einmal 17-minütige „sings/sobs“ – ein kompaktes, bewusst rohes Album zwischen Dissonanz, Feedback und schwarzem Humor. Die vier verstehen Punk weniger als nostalgische Stilübung denn als Möglichkeit, musikalische und gesellschaftliche Konventionen lustvoll zu zerlegen.
Auf ihrem zweiten Album verwandeln Bela Spit aus Leeds den Proberaum in eine Echokammer für alles, was an Post-Punk noch gefährlich klingen kann. „sings/sobs“ (singt/schluchzt) lautet der Titel – ein Ausdruck, der den schnellen Wechsel von Freude zu Trauer beschreibt. Er stammt allerdings aus einem völlig anderen musikalischen Kosmos: aus dem berühmten, gleichnamigen Jazzalbum des Pianisten Chick Corea, Now He Sings, Now He Sobs von 1968. Das Quartett um Sängerin Iris Casling, Gitarristin Scarlett Baxter, Bassistin Beth Veasey und Schlagzeugerin Nika Ticciati hingegen hat wenig mit Jazz am Hut. Es setzt auf schroffe Gitarren, schrille Feedbacks und scheppernde Drums – dazu eine bewusst primitive Produktion und eine Stimme, die, klar, zwischen Kreischen, Jammern, Sprechen und hysterischem Lachen pendelt. Das Ergebnis ist roh, aber keineswegs zufällig. Bela Spit wissen genau, wann ein Song kippen muss und wie viel Unordnung er verträgt. Ganz bewusst lassen sie Verstärkerbrummen, Rückkopplungen und vermeintliche Patzer stehen. Fette, saubere Produktionen kann heutzutage schließlich jeder. Den Sound von Bela Spit muss man dagegen bewusst wollen.
17 Minuten Kurzschluss
Nach zehn Songs und gerade einmal 17 Minuten ist bereits alles wieder vorbei. Die Stücke gehen teilweise nahtlos ineinander über und sind bemerkenswert reduziert: keine virtuosen Gitarrensoli, keine überproduzierten Drums, keine fetten Klangschichten. Stattdessen Riffs, die knirschen, ein Bass, der sich durch die Songs schiebt, und ein Schlagzeug, das eher nach Keller als nach Studio klingt. Das passt zu einer Band, die sich selbst als „post-pussy anarchic cabaret“bezeichnet und ihre Musik offensichtlich nicht als möglichst professionelles Produkt missversteht.
„French Kissing“ eröffnet den Reigen mit drängendem Gesang und einem Angriff aus Dissonanz, der sofort klarmacht, dass Bequemlichkeit hier nichts zu suchen hat. „Single Sports Nappy“ stolpert auf einem drahtigen Gitarrenriff vorwärts, wechselt unvermittelt die Richtung und gewinnt gerade aus dieser ruppigen Beweglichkeit seinen Reiz.
Am stärksten ist das Album, wenn die Band ihre begrenzten Mittel maximal verdichtet. „I’m So Hyper“ lässt einen gurgelnden Basslauf gegen Gitarrenschreie und klappernde Drums antreten; Iris Caslings Stimme hält sich nicht über dem Lärm, sondern steckt mittendrin. „Habitual Fucking“ wirkt wie eine zweiminütige Hitzewelle aus atonalen Akkorden und rastloser Percussion, während „Pre-op or Post-op“ zwischen Hardcore-Schub, schrägem Solo und Indie-Doom hin und her schlägt.
Sperrig und widersprüchlich
Auch „I’m worried i’m too crude“ zeigt, wie gut Bela Spit Gegensätze beherrschen: Der Song ist eingängig und sperrig, albern und bedrohlich, spontan und präzise zugleich. Genau diese Widersprüche machen den Reiz von sings/sobs aus. Die Band muss sich nicht zwischen Punk und Humor, Aggression und Albernheit entscheiden – sie lässt alles gleichzeitig passieren.
Kein Retro-Punk
Dabei sind die musikalischen Bezugspunkte durchaus erkennbar: die anarchische Energie der frühen britischen Punkbewegung, die schräge Sexualität der Slits, No Wave, Queercore und eine bewusst kaputte Ästhetik. Bela Spit zitieren diese Einflüsse jedoch nicht nostalgisch, sondern werfen sie in einen ziemlich eigenen, schmutzig funkelnden Sound zwischen No Wave, Garage-Punk und nervösem Post-Punk.
Das Entscheidende ist dabei vielleicht genau diese Abwesenheit von Retro-Zugewandtheit. sings/sobs klingt nicht wie eine Band, die wissen möchte, wie Punk früher geklungen hat. Es klingt wie eine Band, die herausfinden will, wie kaputt, lustig und unberechenbar Punk heute noch sein kann. Und nach 17 Minuten möchte man ziemlich genau wissen, was diese vier beim nächsten Mal anstellen. Aber zunächst heißt es: „Repeat“ drücken.


