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Man sollte genau hinsehen, wenn ausgerechnet der Streamingriese Spotify über mentale Gesundheit spricht.

Die Arbeits­be­din­gun­gen im Musik­ge­schäft sind seit Jah­ren ein offe­nes Geheim­nis: unre­gel­mä­ßige Arbeits­zei­ten, per­ma­nen­tes Rei­sen, finan­zi­elle Unsi­cher­heit, Leis­tungs­druck, Selbst­ver­mark­tung rund um die Uhr. Die Fol­gen sind gra­vie­rend. Laut einer Erhe­bung der Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­tion Back­line lei­den rund 73 Pro­zent der unab­hän­gi­gen Musiker*innen unter Sym­pto­men psy­chi­scher Belas­tung. Eine erschre­ckende Zahl – und gleich­zei­tig kaum über­ra­schend. Genau diese Orga­ni­sa­tion gerät nun ins Zen­trum einer hef­ti­gen Debatte. Aus­ge­löst wurde sie von Ced­ric Bix­ler-Zavala, Front­mann von The Mars Volta, der öffent­lich und mit maxi­ma­ler Laut­stärke gegen Back­line schoss. Anlass war ein gemein­sam mit Spo­tify ver­an­stal­te­ter Men­tal Health & Song­wri­ting Sum­mit“ in Nash­ville. Und Bix­ler-Zavala machte ziem­lich klar, was er davon hält: näm­lich gar nichts.

Das Problem ist nicht die Hilfe

Sein Vor­wurf trifft einen emp­find­li­chen Nerv der Gegen­warts­mu­sik. Denn Spo­tify ist für viele Künstler*innen längst nicht ein­fach nur ein Strea­ming­dienst, son­dern das Sym­bol eines Sys­tems, das Musik ent­wer­tet, Auf­merk­sam­keit algo­rith­mi­siert und krea­tive Arbeit in Con­tent ver­wan­delt. Wenn genau die­ser Kon­zern plötz­lich über Care“, Sup­port“ und Well­be­ing“ spricht, klingt das für viele weni­ger nach Für­sorge als nach PR-Stra­te­gie mit the­ra­peu­ti­schem Anstrich.
Spo­tify steht seit Jah­ren mas­siv in der Kri­tik: wegen nied­ri­ger Aus­schüt­tun­gen, frag­wür­di­ger Platt­form­lo­gi­ken und nicht zuletzt wegen der Invest­ments von Mit­grün­der Daniel Ek in Mili­tär­tech­no­lo­gie. Meh­rere Acts haben aus Pro­test bereits ihre Musik von der Platt­form ent­fernt oder öffent­lich Distanz gesucht. Der Wider­spruch liegt also offen auf dem Tisch: Erst Bedin­gun­gen mit­er­schaf­fen, die Men­schen aus­lau­gen – und anschlie­ßend Work­shops über men­tale Gesund­heit finan­zie­ren.
Das macht die Hilfe nicht auto­ma­tisch wert­los. Wenn Musiker*innen durch sol­che Initia­ti­ven tat­säch­lich Zugang zu The­ra­pie, Bera­tung oder Kri­sen­hilfe erhal­ten, dann ist das kon­kret und wich­tig. Aber genau hier beginnt die eigent­li­che Dis­kus­sion: Für­sorge wirkt schnell hohl, wenn sie die struk­tu­rel­len Ursa­chen des Pro­blems unan­ge­tas­tet lässt.

Ein wütender Post auf eine kaputte Industrie

Bix­ler-Zavala for­mu­lierte seine Kri­tik erwar­tungs­ge­mäß nicht diplo­ma­tisch, son­dern als wüten­den Rund­um­schlag. In einer Insta­gram-Story schrieb er sinn­ge­mäß, eine Koope­ra­tion mit Spo­tify sei nicht ernst zu neh­men, weil dem Unter­neh­men die psy­chi­sche Gesund­heit von Künstler*innen voll­kom­men egal sei. Außer­dem warf er Spo­tify vor, über Invest­ments indi­rekt mili­tä­ri­sche Gewalt mit­zu­fi­nan­zie­ren. . Über eine Insta­gram-Story bemerkt er zu der Aktion: „[Eine Koope­ra­tion] Mit Spo­tify? Wie sol­len wir euch denn ver­dammt noch mal ernst neh­men? Den Leu­ten bei Spo­tify ist die psy­chi­sche Gesund­heit völ­lig egal. Ver­schwin­det mit eurer […] Pro­pa­ganda. Wacht ver­dammt noch­mal auf.“ Und wei­ter: Wäh­rend sie da sit­zen und sich eure Mensch­lich­keit anhö­ren, trägt Spo­tify finan­zi­ell zum Tod von Kin­dern bei – durch mili­tä­ri­sche Kriegs­an­wen­dun­gen, in die sie inves­tie­ren.“ Das ist pole­misch, über­zo­gen und bewusst maxi­ma­lis­tisch. Aber viel­leicht liegt genau darin die Wir­kung. Denn Bix­ler-Zavala erin­nert daran, dass man im Musik­ge­schäft nicht nur fra­gen sollte, was“ ange­bo­ten wird, son­dern auch wer“ es anbie­tet – und warum gerade jetzt.

Das Modewort Awareness“

Viel­leicht ist genau das das Grund­pro­blem der Gegen­warts­mu­sik: Jede gute Idee trägt inzwi­schen den Ver­dacht mit sich, vor allem kom­mu­ni­ka­tiv nütz­lich zu sein. Die Musik­in­dus­trie spricht heute auf­fal­lend gern über Awa­re­ness“, Men­tal Health“ und Safe Spaces“ – aller­dings deut­lich ungern über Macht­ver­hält­nisse, Geld­flüsse und wirt­schaft­li­che Abhän­gig­kei­ten.
Men­tale Gesund­heit lässt sich eben leich­ter panel­taug­lich ver­pa­cken als die Frage, warum Musiker*innen trotz Mil­lio­nen­streams oft kaum von ihrer Arbeit leben kön­nen. Oder warum per­ma­nente Selbst­aus­beu­tung inzwi­schen fast als Grund­vor­aus­set­zung krea­ti­ver Kar­rie­ren gilt.
Am Ende ist diese Geschichte kein sau­be­rer Kon­flikt zwi­schen Gut und Böse. Back­line leis­tet wich­tige Arbeit, daran gibt es wenig Zwei­fel. Gleich­zei­tig bleibt Spo­tify für viele Künstler*innen ein hoch­pro­ble­ma­ti­scher Akteur. Und auch wenn Ced­ric Bix­ler-Zavala in einer Laut­stärke spricht, die man anstren­gend fin­den kann – igno­rie­ren sollte man ihn nicht.
Denn manch­mal reicht ein ein­zi­ger wüten­der Post, um sicht­ba­rer zu machen, was im Musik­be­trieb ohne­hin längst schief­läuft: Dass men­tale Gesund­heit gern geför­dert wird – solange nie­mand ernst­haft über Ver­ant­wor­tung, Macht und Geld reden muss.