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Bodega

Durch­schnitt­li­che Lese­dauer 5 Minu­ten

Die Band Bodega ist im Stadt­teil Brook­lyn in New York zu Hause. 2018 erschien ihr Debüt­al­bum End­less Scroll“, das von Aus­tin Brown, dem Sän­ger ihrer Label-Mates Par­quet Courts auf­ge­nom­men und pro­du­ziert wurde. Sän­ger und Gitar­rist Ben Hozie sowie Sän­ge­rin Nikki Bel­figlio for­mier­ten eine Band, die sich am klas­si­schen 80er-Jahre Post-Punk von Bands wie The Fall und Gang Of Four ori­en­tiert, ohne dabei irgend­wie nach Retro zu klin­gen. Bodega ver­dich­tet das Ganze zu einem groo­vi­gen Post­punk­sound, der sich musi­ka­lisch und text­lich unver­kenn­bar im 21. Jahr­hun­dert behaup­tet. Musi­ka­lisch könnte man sie am ehes­ten mit den jun­gen Tal­king Heads, LCD Sound­sys­tem, den B‑52s und einer Prise Lou Reed ver­glei­chen, aber um ehr­lich zu sein, sollte man es gar nicht erst ver­su­chen. Sie haben ihren ganz eige­nen unver­wech­sel­ba­ren Sound.

Nodega, Rot in Helvetica

Nodega
Rot In Helvetica

Ver­öf­fent­licht: 18. Juli 2025
Label: Chry­sa­lis

Rot In Hel­ve­tica — Album Review

Someone is in charge and the logo’s new
They want you to think that it’s not me or you
Someone is in charge but I can’t make out
All the tongues in my mouth
They all echo in doubt
Textausschnitt aus Rot In Helvetica”

Für die furiose 18-Minu­ten-Kurz-EP Rot in Hel­ve­tica“ hat sich die New Yor­ker Band Bodega ein Alter Ego zuge­legt: Nodega — und selbst­ver­ständ­lich haben auch die Musiker*innen ihr Alter Ego: Nodega Ben (Vocals, Gitarre), Agent Ryan (Gitarre), CCII (Schlag­zeug), The Pro­fes­sor (Bass) und Dead Kitty (Vocals, Per­cus­sion). So erlaubt sich das Quin­tett den Spaß, mit einer Mischung aus Old-School-Hard­core, Thrash, Skate-Punk und melo­di­schem Indie-Rock dem Sound alter Vor­bil­der zu hul­di­gen. Oder wie Gitar­rist und Sän­ger Ben Hozie es aus­drückt: Last year Bodega put out a record cal­led Our Brand Could Be Yr Life“, which was more or less a con­cept record about the cor­po­ra­tiza­tion of indie’ rock. While working on that record I revi­si­ted a lot of the cano­ni­cal Ame­ri­can indie bands (Dino­saur Jr., Pave­ment, Hüs­ker Dü, Sonic Youth, etc.) and was char­med to remem­ber that all of those groups have a very deep con­nec­tion to the 80–’84 hard­core boom in the U.S.“

Von Indie-Konzept zu Hardcore-Katharsis

Er sei über­rascht gewe­sen, so Hozie wei­ter, wie sehr er viele der Hardcore‑, Skate­punk- und Thrash-Plat­ten, die er als Teen­ager ver­schlun­gen hatte, immer noch ver­ehre. Aus dem Wunsch, in genau die­ser rot­zi­gen Glück­se­lig­keit wie­der zu thra­shen und zu jam­men, sei schließ­lich die­ses Mini-Album ent­stan­den – ein Ver­such, die Weis­heit, Dumm­heit und Freude des jugend­li­chen Geis­tes­zu­stands noch ein­mal her­auf­zu­be­schwö­ren. Dass auch das Art­work von Rot in Hel­ve­tica“ vom Vor­gän­ger­al­bum inspi­riert wurde, über­rascht da kaum.

Kritik, Krach und Konfrontation

Und so feu­ert bereits der Ope­ner Monthly Fol­lower“ ein raues State­ment gegen das stän­dige Zah­len-Che­cken, gegen Klick- und Strea­ming-Wahn. Eine schnelle Punk­num­mer wie anno 1970. Quan­tify“ schließt da naht­los an, lässt inten­sive Elek­tro-Mosh-Riffs auf intel­li­gente Zei­len tref­fen: Ever­y­thing you see it must be rated…“ Der Titel­track Rot in Hel­ve­tica“ nutzt eine mini­ma­lis­ti­sche Schrift­ar­ten-Meta­pher, um den aktu­el­len Kon­for­mi­täts­druck fron­tal anzu­grei­fen: It’s all man made /​To rot in Hel­ve­tica gra­ves“ – ein gna­den­lo­ser Kom­men­tar zur kul­tu­rel­len Gleichschaltung.

Drei-Minuten-Druckwellen mit Haltung

In nur drei Minu­ten haut die Band in Coma­tose Cha­me­leon“ ein tie­fes psy­cho­so­zia­les State­ment raus: Yr hate is con­ta­gion… The worst crime of all is you make the world feel so fuck­ing small“. Net­work“ und Show the Scaf­fol­ding“ füh­ren die Ana­lyse wei­ter: über die Schein­be­zie­hun­gen moder­ner Netz­werke und das Dasein als stän­dig im – meta­pho­ri­schen – Umbau befind­li­ches Wesen: I’m under con­s­truc­tion, always under con­s­truc­tion“ Abschlie­ßend knallt Gesta­tion Crate“ noch ein­mal in rot­zi­ger Punk-Manier: ein lyri­scher Schlag­ab­tausch über moderne Bar­ba­rei: A new form of bar­ba­rity /​Con­cen­tra­tion camps… Pain is so uni­que… I’m top of the food chain that came from Chris­tia­nity“ – harte Kri­tik an aus­beu­te­ri­schen Sys­te­men mit reli­giös begrün­de­ter Machtlogik.

Laut, schnell, klug

Punk als direkte Fort­set­zung von frü­hem Rock’n’Roll – und die­ses Pro­jekt als Rück­kehr zum lau­ten Wider­stand: roh, schnell, gemein – aber mit Intel­lekt. Ein flam­men­der Funke inmit­ten des digi­ta­len Gleich­schal­tungs­feu­ers. Per­fekt für alle, die nicht nur zuhö­ren, son­dern auch mal laut auf­brül­len wol­len. Und für alle, die wie Hozie noch ihre jugend­li­che Pun­k­ener­gie spü­ren. Nodega fei­er­ten den Release der EP mit einer In-Store-Show bei Rough Trade NYC, gefolgt von zwei kos­ten­lo­sen Konzerten.


Bodega, ATM

Bodega
Our brand could be yr life

Ver­öf­fent­licht: 12. April 2024
Label: Chry­sa­lis

Our brand could be yr life — Album Review


When moving from Kingston to King’s County
I fell on city block in a snow fall scene
Represent the tide how did I murder?

Text­aus­schnitt aus City Is Taken”

Alles zurück auf Anfang: Mit ihrem offi­zi­ell drit­ten Album Our Brand Could Be Your Life” keh­ren Ben Hozie und Nikki Bel­figlio zu ihrem Out­put aus der Zeit vor ihrem offi­zi­el­len Debüt End­less Scroll“ (2018) zurück, von dem laut Hozie nur eine Hand­voll Leute in Bush­wick, Brook­lyn“ gehört haben. Damals, 2015, nah­men sie unter dem Namen Bodega Bay die Platte mit der Mac-Soft­ware Gara­ge­Band in ein Mac­Book-Mikro­fon auf. Jetzt haben sie das aus­ufernde 33-Track-Mani­fest in ein viel straf­fe­res 15-Track-Kon­zept­al­bum umge­wan­delt. Her­aus­ge­kom­men sind fun­kelnde, hook­las­tige und äußerst ein­gän­gige Tracks. Dabei spielt der Album­ti­tel nicht nur auf das Ursprungs­ma­te­rial an, son­dern auch auf den auto­bio­gra­fi­schen Song History Les­son – Part II“ der DIY-Band Minu­temen aus dem Jahr 1984, unter dem glei­chen Titel ver­öf­fent­lichte Michael Azer­rad ein Buch über den ame­ri­ka­ni­schen Musik-Under­ground. Gleich­zei­tig fühlt sich die Band mit ihrem Vor­ge­hen in der Tra­di­tion eines Alfred Hitch­cocks, des­sen 1956er Film Der Mann, der zuviel wusste“ auf einen bereits 1934 in Eng­land gedreh­ten Plot zurück­greift. Wie auch immer, die Neu­auf­lage von Our Brand Could Be Your Life” ist recht rockig gera­te­nen, gibt sich dabei aber gewohnt kapi­ta­lis­mus­kri­tisch und hin­ter­fragt unser schi­zo­phre­nes Kon­sum­ver­hal­ten. Der musi­ka­li­sche Fokus hin­ge­gen hat sich etwas ver­scho­ben, man bedient sich nun­mehr bei der gan­zen Breite des Indie­rocks: Shoe­gaze, Psy­che­de­lia, Schram­mel­gi­tar­ren- und Col­lege-Rock. Tanz­bar bleibt man den­noch. Dedi­ca­ted to The Dedi­ca­ted“ gibt im Sieb­zi­ger-Power-Pop & New Wave-Style einen guten Start in die­ses tolle Album und beinhal­tet die kryp­ti­sche, aber nicht min­der fas­zi­nie­rende Zeile Dedi­ca­ted to the dedi­ca­ted, dedi­ca­ted to the vocal frus­tra­ted…“. Im fol­gen­den G.N.D Daily“ über­nimmt über­wie­gend Schlag­zeu­ge­rin und Sän­ge­rin Nikki den Gesang und wirft einen hin­ter­grün­di­gen Blick auf die Sex­in­dus­trie. Bodega Bait“ beginnt mit einer mecha­ni­schen Tele­fon­stimme, die fragt: What is the dif­fe­rence bet­ween an artist and an adver­ti­ser?“, bevor es uner­war­tet in eine bril­lante, selbst­re­fe­ren­zie­rende Pop-Rock-Num­mer über­geht – sehr cat­chy. Bei Tar­kov­ski“ leis­tet man sich sogar ein phä­no­me­na­les Gitar­ren­solo und erweckt Erin­ne­run­gen an frühe Pave­ment-Sounds. Major Amber­son“ setzt dage­gen ganz auf wat­ti­gen Dre­am­pop, und Stain Gaze“ ist dann wie­der unge­mein rockig mit schräg sägen­der Gitarre. Iro­nisch ver­tont man hier: Mic check /​Ber­tolt Brecht /​Estab­lish dis­course bet­ween rock and pop and spec“. Im abschlie­ßen­den zar­ten und melo­di­schen City Is Taken“ the­ma­ti­sie­ren die New Yor­ker die Gen­tri­fi­zie­rung ihrer Hei­mat­stadt und rät Hip­stern und Inves­to­ren: Pack your bags and move to Detroit“. So ist das neue, alte Album extrem viel­sei­tig und unter­halt­sam und the­ma­ti­siert mit viel Witz die Ver­ein­nah­mung und Ver­mark­tung der Jugend­kul­tur durch Kon­zerne und deren Mar­ken. I’m shou­ting lyrics in your ear /​good thing you’re wea­ring ear plugs /​I know all the ver­ses and the bridge /​I memo­ri­zed this whole album”, bemekt Hozie in Webs­ter Hall“. Auch ich werde mich an die­ses Album erinnern.


Bodega, Broken Equipment

Bodega
Broken Equipment

Ver­öf­fent­licht: 1. April 2022
Label: What’s Your Rupture?

Bro­ken Equip­ment — Album Review


By freelance workers and merchants.
Liquidated by the whole English war fleet.
Then the dutch canal we call Broad street
was drained of its water and filled up with concrete.

Text­aus­schnitt aus NYC (dis­am­bi­gua­tion)”

Bodega kom­men nicht nur aus Brook­lyn, son­dern set­zen sich auch text­lich immer wie­der kri­tisch mit ihrem Stadt­teil und des­sen Gen­tri­fi­zie­rung aus­ein­an­der – wie in dem wun­der­ba­ren NYC (dis­am­bi­gua­tion)“. Über­haupt beschäf­tigt sich die Band mit kom­ple­xen Phi­lo­so­phien und kri­ti­schen Theo­rien, schließ­lich grün­dete sie im Vor­feld ihres zwei­ten Albums einen Buch­club und stellte einen Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor als Bas­sis­ten ein. Das alles hört man den Songs nicht an. Sie sind weder ver­kopft noch ver­spult – sie sind so fluf­fig, melo­diös und schwung­voll, dass man unwill­kür­lich mit­wippt und tanzt. Auf dem drah­ti­gen, sprech­ge­sang­ar­ti­gen Post-Punk von Doers“ the­ma­ti­siert Hozie das zeit­ge­nös­si­sche Doom-Scrol­ling („Ten minu­tes: Ted talk /​Ten minu­tes: Note­pad /​Ten minu­tes: Ama­zon /​Ten minu­tes : plan­ning my next ten minu­tes“) und eine Kul­tur, die zu Non-Stop-Arbeit ermu­tigt („Inno­va­tion waits for no man /​Unless I for­get my don­gle!“) – und ja, der moderne Lebens­stil macht einen Bit­ter. Har­der. Fat­ter. Stres­sed out“ (ver­bit­tert, här­ter, fet­ter, gestresst). Neben Tex­ten über die Ent­frem­dung durch Social Media, selbst­kri­ti­schen femi­nis­ti­schen Betrach­tun­gen und einer Vor­le­sung“ über den römi­schen Stoi­ker Seneca ent­hält das Album auch das erste Lie­bes­lied, das Hozie jemals für seine Part­ne­rin Bel­figlio geschrie­ben hat — Pil­lar On The Bridge Of You“. Das Album endet mit After Jane“, einem zar­ten, herz­zer­rei­ßen­den Akus­tik­stück, das als Gespräch zwi­schen Hozie und sei­ner ver­stor­be­nen Mut­ter geschrie­ben wurde, die etwa zur Zeit des ers­ten Albums der Band ver­starb. Diese kleine Pop-Bal­lade ist sicher­lich nicht das stärkste Stück auf dem Album, aber eine zarte und sehr intime Art ein Album zu been­den, das einen so gut unter­hal­ten hat.