The Chronology of Water
Regie: Kristen Stewart
Genre: Biopic
Länge: 1128 min
Filmstart: 5. März 2026
In ihrem Regiedebüt „The Chronology of Water“ zerlegt die US-amerikanische Schauspielerin Kristen Stewart die klassische Biopic-Form und setzt sie als fiebrige, nervöse Collage wieder zusammen: Bilder, die aufblitzen, verschwinden, zurückkehren. Nichts ist chronologisch, alles ist gegenwärtig. Die Adaption von Lidia Yuknavitchs autobiografischem Kultbuch ist ein brachiales, mutiges und expressives Werk, das weder seine Hauptfigur noch das Publikum schont. Yuknavitchs Leben wird nicht nacherzählt, sondern durchlebt. Stewart übersetzt es in fragmentierte Erinnerungen: von einer von sexualisierter Gewalt geprägten Kindheit über die Flucht ins Leistungsschwimmen bis hin zu einem selbstzerstörerischen Erwachsenenleben zwischen Drogen, Beziehungen und Orientierungslosigkeit.
Schreiben als Identitätsfindung
Erst durch das Schreiben findet Lidia eine Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu ordnen und sich eine eigene Sprache – und damit eine Identität – zurückzuerobern. Als Studentin im Fiction-Kurs des US-amerikanischen Schriftstellers und Aktionskünstlers Ken Kesey (Jim Belushi) an der University of Oregon gehörte sie zu jener Gruppe von Autor*innen, die unter dem Pseudonym „O.U. Levon“ an dem 1990 erschienenen Roman „Caverns“ mitarbeiteten. Diese Phase und der Einfluss Keseys ebneten den Weg zu ihrer literarischen Karriere. Im Film gehört diese Episode zu den wenigen Momenten, die vergleichsweise stringent erzählt sind – hier entsteht etwas, das sonst oft fehlt: Gegenwart. Ansonsten interessiert sich Stewart weniger dafür, was geschieht, als dafür, wie es sich einschreibt – in den Körper, in die Wahrnehmung, in den Blick.
Ikone als Störfrequenz
In dieses ohnehin aufgeladene Gefüge tritt Kim Gordon in einer kurzen, irritierenden Szene. Sie erscheint weniger als ausgearbeitete Figur denn als Chiffre: für Gegenkultur, für eine andere Form von Weiblichkeit, für künstlerische Autonomie. Ihre Präsenz wirkt wie ein Fremdkörper – verstörend und bizarr. Ganz anders gelagert ist die Wirkung von Earl Cave, Sohn des australischen Musikers Nick Cave. Als Philip, Lidias erster Ehemann, verkörpert er eine stille, fast zerbrechliche Sanftheit. Wo die Protagonistin brennt, bleibt er ruhig. Wo sie zerstört, hält er aus. An ihm bricht sich Lidias innere Unruhe, verstärkt sich, verformt sich. Seine zurückgenommene, sensible Präsenz verleiht der Figur zusätzliche Tiefe. Auch musikalisch tritt er in Erscheinung: Als Singer-Songwriter interpretiert er unter anderem den Song „Oh My Darling, Clementine“ und erweitert damit die emotionale Textur des Films.
Zwischen Meditation und Lärm
Überhaupt die Musik in diesem Film kein Beiwerk, sondern ein strukturelles Element. Der Score von Paris Hurley bewegt sich zwischen flächiger Zurückhaltung und plötzlichen Ausbrüchen – ein permanentes Pulsieren, das den Bildern Halt gibt, ohne sie zu glätten. In einem Film, der sich jeder linearen Erzählung verweigert, übernimmt der Sound die Funktion eines emotionalen Navigationssystems: Er verbindet Fragmente, schafft Übergänge, wo keine sind. Dabei entsteht eine Nähe zu Klangwelten, die eher im Indie- und Noise-Kontext zu Hause sind als in klassischer Filmmusik.
Ein unfertiger, notwendiger Film
„The Chronology of Water“ ist kein angenehmer Film. Im Resultat ist ein Kino der Überforderung – emotional, visuell, erzählerisch. Stewart verweigert konsequent klassische Dramaturgie und vertraut ganz auf die Kraft einzelner Bilder. Als Zuschauer bleibt man dabei oft auf Distanz, verliert zeitweise den Zugriff auf die Figuren. Vieles wird nur angedeutet, erscheint skizzenhaft – eine Erzählweise, die den Film sperrig macht, aber zugleich seinem Gegenstand entspricht. Er ist überladen, mitunter selbstverliebt und oft anstrengend. Stewart interessiert sich nicht für Perfektion, sondern für Wahrhaftigkeit – für das Ungeordnete, das Rohe, das Unabgeschlossene. Ihr Film fühlt sich an wie ein Song, der nicht ganz zu Ende geschrieben wurde. Man verlässt ihn nicht mit Klarheit, sondern mit Bildern, Geräuschen – und einem Gefühl desorientierender, körperlich spürbarer Unruhe.

