Dead Pioneers
19. Juni 2026 • Don’t Panic, Essen
Heute haben sich die Hardcore-Punker von Dead Pioneers aus Denver zu einer Hardcore-Matinee im Don’t Panic in Essen angekündigt. Das Ticket nennt 17:45 Uhr als Beginn. Hä? So früh? Tom fragt kurzerhand beim Veranstalter nach und bekommt überraschend schnell eine Antwort: „Daisies 17:45, DP ca. 18:45.“ Alles klar – es gibt demnach noch eine Vorband. Also machen wir uns früh auf den Weg nach Essen. Doch zunächst bremst uns der kirmesbedingte Verkehr in Düsseldorf aus.
Als wir schließlich im Club ankommen, stehen The Daisies bereits auf der kleinen Bühne. Mein erster Eindruck: erstaunlich leer, aber dafür ausgesprochen charmant. Das Don’t Panic ist ein liebevoll eingerichteter Punk- und Rockabilly-Schuppen mit gut sortierter Bar und umlaufendem Balkon – die äußeren Voraussetzungen stimmen also schon einmal.
Solider Auftakt
The Daisies gibt es bereits seit Mitte der 1990er Jahre. Unverkennbar bewegen sie sich zwischen melodischem Skatepunk und Oldschool-Hardcore: hohes Tempo, eingängige Melodien und jede Menge Spielfreude. Fans von Punkrock und klassischem Hardcore kommen hier – obwohl noch vergleichsweise wenig Publikum vor Ort ist – sichtbar auf ihre Kosten. Das macht Spaß, hat ordentlich Druck und ist handwerklich stark. Auf Dauer nutzt sich das Konzept für mich allerdings etwas ab. Also geht es in der Umbaupause erst einmal raus in die Sonne, Frischluft tanken mitten in der Essener Innenstadt. Tom bestätigt meinen Eindruck: ein solider Support, aber ohne große Überraschungen.
Mehr als nur Hardcore
Kaum haben die Dead Pioneers die Bühne betreten, reißt Bassist Lee Tesche, der vielen auch durch Algiers bekannt sein dürfte, gleich beim Einstieg mit „AIM“ (American Indian Movement) eine Saite. Frontmann Gregg Deal kommentiert trocken: „That has never happened to him before. Now on this tour, however, it’s already the second time!“ Egal – Tesche schnappt sich den Bass von The Daisies, und weiter geht’s mit „Circle Jerk the Wagons“, einem herrlich kompromisslosen Hardcore-Brett vom aktuellen Album. Schnell, roh und mit voller Wucht. Hat live nochmal deutlich mehr Wumms – in Scholz-Sprech: Doppelwumms.
Dead Pioneers entstanden aus den Spoken-Word-Performances des Künstlers und Aktivisten Gregg Deal. Erst später entwickelte sich daraus eine Band, wie Deal selbst zwischen den Songs erzählt. Er ist kein klassischer Hardcore-Frontmann. Statt das Publikum permanent anzuheizen, nutzt er die Pausen für kurze, eindringliche Reden über Kolonialismus, Rassismus, soziale Ungleichheit und den politischen Rechtsruck. Gerade weil diese Themen derzeit wieder so erbittert umkämpft sind, entfalten Deals Worte eine besondere Kraft. Dabei moralisiert er nie. Er klagt an, ordnet ein und bezieht unmissverständlich Stellung. Punkrock mag in den vergangenen Jahren irgendwie im Mainstream ersoffen sein. Bands wie Dead Pioneers zeigen jedoch eindrucksvoll, dass für Rebellion, Haltung und Musik mit „Doppelwumms“ weiterhin Platz ist – und dass sie heute vielleicht wichtiger sind denn je.
Spoken Word über Soundgewalt
Auf dem Papier könnten diese Spoken-Word-Passagen schnell nach erhobenem Zeigefinger klingen. Live ist das genaue Gegenteil der Fall. Für mich sind sie die stärksten Momente des gesamten Konzerts. Nicht nur wegen der Worte, ihrer Aussage und ihrer Haltung, sondern auch musikalisch. Die Band legt unter Deals Texte einen rauen, spannungsgeladenen Klangteppich, der seine Botschaften noch eindringlicher macht. Und wenn danach wieder die Verstärker aufheulen, versteht man plötzlich noch besser, warum diese Musik genau so klingen muss. Auch die Band selbst bleibt angenehm uneitel. Statt sich für den begeisterten Applaus feiern zu lassen, bedankt sie sich immer wieder bei den lokalen Veranstalter*innen, der Supportband und allen Menschen hinter den Kulissen. Man nimmt ihnen jedes Wort ab.
Haltung mit voller Wucht
Vor allem die Stücke des aktuellen Albums gewinnen live noch einmal deutlich an Intensität. „Nazi Teeth“, „No Kings“, „Dead Presidents“ oder „Never Alone“ treffen mit jeder Zeile, jedem Break und jeder Feedback-Schleife ins Schwarze. Die Songs verlieren nichts von ihrer Präzision, gewinnen aber enorm an Wucht. Bei „The Worst Among Us“ übernimmt Abe Brennan den Part von Jason Williamson – und überraschenderweise funktioniert das hervorragend. Natürlich fehlen auch die wichtigsten Stücke der beiden Vorgängeralben nicht.
Nach gut über einer Stunde hat das Quintett gefühlt alle seine Songs gespielt. Die Band bedankt sich, winkt kurz und verschwindet. Mehr braucht es eigentlich nicht. Oder doch: Für drei herrlich kurze, wüste Hardcore-Bretter kommen Dead Pioneers noch einmal zurück. Danach gibt es nur noch eine knappe Ansage: „Merch is upstairs.“ Geiles Konzert.
Ein heller Heimweg
Auf dem Heimweg bleibt mir weniger ein einzelner Song im Kopf als die Haltung dieses Abends. Tom kann das nur bestätigen. Das Einzige, was irritiert: Draußen ist es immer noch hell. Matinee eben. Zu Hause läuft gerade das Finale der Fußball-WM 2026. Eigentlich wollte ich dieses Turnier komplett boykottieren. Gabi sieht das etwas entspannter. Friedlich gestimmt, lege ich mich zu ihr und werfe schließlich auch ich hin und wieder einen Blick auf den Fernseher. Ein ruhiger, netter Ausklang für einen Alt-Punker.




