Dead Pioneers
Die Dead Pioneers wurden von dem indigenen US-Amerikaner Gregg Deal — er gehört zum Pyramid Lake Paiute Tribe — in Denver/Colorado mehr oder weniger zufällig gegründet. Gregg Deal arbeitete an der Performance „The Punk Pan-Indian Romantic Comedy“. Dieses Werk konzentriert sich auf die Musik, die ihn sein ganzes Leben lang bewegt hat, und erzählt mit humorigem Unterton, wie Musik Deals Leben von seinen frühesten Erinnerungen bis in die Gegenwart beeinflusst hat. Es ist eine Geschichte von Kampf und Überleben und die abschließende Heilung durch die Kraft der Musik. Aus diesem Projekt entstanden die Dead Pioneers, zu denen aktuell die Gitarristen Joshua Rivera und Abe Brennan sowie der Schlagzeuger Shane Zweygardt gehören — und am Bass agiert kein Unbekannter: Lee Tesche, der Leadgitarrist von Algiers. Gemeinsam sind sie tief in der Punk-Ästhetik und der DIY-Mentalität verwurzelt. Ihre Themen sind harte politische und soziale Fragen, in denen auch immer wieder die indigene Herkunft ihres Leadsängers thematisiert wird. Musikalisch entwickelten sich die Dead Pioneers von minimalistischen Spoken-Word-Punk-Riffs (auf dem Debüt) hin zu einer intensiv zusammenspielenden, explosiven Band-Einheit. Alben wie Po$t American (2025) und Wagon Burner (2026) entstanden durch den gemeinsamen kreativen Input aller fünf Mitglieder.
Wagon Bruner — Album Review
Textausschnitt aus „The Worst Among Us” von Dead Pioneers feat. Jason WilliamsonOne time, I was showing at the Smithsonian museum
The audacity Red man in a white building
You were concerned I’d exercise my „freedom„
Push against the pricks, as they say
Mit „Wagon Burner“ legen Dead Pioneers ihr bislang zugänglichstes Album vor – ohne dabei auch nur einen Zentimeter von ihrer politischen Haltung abzurücken. Die Band um den indigenen Künstler und Frontmann Gregg Deal hat sich in den vergangenen Jahren als eine der wichtigsten Stimmen des politischen Punk etabliert. Wo frühere Veröffentlichungen oft wie wütende Spoken-Word-Manifestationen mit Hardcore-Begleitung wirkten, öffnet sich das neue Album hörbar für Melodie, Hooks und größere Arrangements. Das Ergebnis ist nicht immer so kompromisslos wie früher, dafür aber vielseitiger und letztlich wirkungsvoller.
Mehr als nur Parolen
Schon der Opener „Dead Presidents“ macht klar, dass sich inhaltlich nichts geändert hat. Deal zerlegt den amerikanischen Gründungsmythos und erinnert daran, dass die Geschichte der USA immer auch eine Geschichte der Auslöschung indigener Kulturen ist. Statt nostalgischer Punk-Romantik gibt es eine schonungslose Abrechnung mit Macht, Kapitalismus und Nationalstolz.
Direkt danach folgt mit „Nazi Teeth“ einer der stärksten und unmittelbarsten Songs des Albums. Gemeinsam mit Stephanie Byrne von Cheap Perfume verwandelt die Band ihre antifaschistische Botschaft in einen dreiminütigen Rammbock. Die Gitarren sägen, die Rhythmusgruppe treibt unerbittlich nach vorne, und die Wut wirkt nie aufgesetzt. Die Band formuliert ihre politische Haltung völlig unverblümt.
Überraschend melodisch
Die größte Überraschung ist allerdings „Never Alone“. Die Zusammenarbeit mit den Ska-Punk-Veteranen The Interrupters zeigt eine Seite der Band, die bislang nur angedeutet wurde. Der Song besitzt einen beinahe hymnischen Charakter und setzt auf Mitsing-Refrains statt Konfrontation. Er öffnet sich ein wenig Richtung Mainstream. Wo frühere Dead-Pioneers-Stücke oft Distanz erzeugten, sucht „Never Alone“ bewusst die Gemeinschaft.
Auch „The Worst Among Us“, unterstützt von Jason Williamson (Sleaford Mods), lebt eher von Atmosphäre als von Geschwindigkeit. Der Song schleppt sich düster und bedrohlich vorwärts und zeigt, wie selbstbewusst die Band mittlerweile mit Dynamik und Spannungsaufbau umgeht.
Die Wut bleibt
Trotz aller Öffnung hat „Wagon Burner“ seinen Biss nicht verloren. „No Kings“ richtet sich gegen autoritäre Strukturen jeder Art, während „Seeing Red“ langsam eskaliert und schließlich in pure Empörung umschlägt. Die Mischung aus Spoken Word, Punk und Hardcore bleibt das Fundament der Band.
Musikalisch klingt die Band breiter denn je. Die Gitarren sind teilweise schwerer und dreckiger als auf den Vorgängern, gleichzeitig finden sich deutlich mehr melodische Passagen und atmosphärische Momente. Diese Balance macht das Album abwechslungsreicher als alles, was Dead Pioneers bislang veröffentlicht haben.
Nicht jeder der neuen, eingängigeren Momente zündet sofort, doch gerade die stärksten Songs profitieren von dieser Öffnung. Dead Pioneers liefern kein perfektes Album ab, aber ihr bislang vielschichtigstes. Und eines, das beweist, dass Weiterentwicklung nicht gleichbedeutend mit Anpassung sein muss.
Album anhören auf
Dead Pioneers — Album Review
Textausschnitt aus „Bad Indian” von Dead PioneersI don’t speak good pidgin English
Certainly not as good as Johnny Depp did in that movie that one time
I don’t care if you connect with Indian spiritualism
Als das selbstbetitelte Debütalbum von Dead Pioneers im September 2023 erschien, wirkte es wie ein längst überfälliger Weckruf. Während sich ein großer Teil der modernen Punkszene entweder in nostalgischen Gesten oder persönlicher Befindlichkeit verlor, formulierte die Band um den indigenen Künstler, Aktivisten und Spoken-Word-Poeten Gregg Deal ihre Botschaften mit einer Dringlichkeit, die man im Genre nur noch selten hört. Dieses Album will nicht gefallen. Es will aufrütteln. Passenderweise entstand die Platte in den legendären Blasting Room Studios in Colorado. Das von Mitgliedern von Descendents, ALL und Black Flag gegründete Studio gehört zu den wichtigsten Produktionsstätten des amerikanischen Punkrocks. Die Geschichte des Genres ist hier praktisch in die Wände eingeschrieben – und genau dort verorten sich auch Dead Pioneers.
Wut als treibende Kraft
Schon der Opener „Tired“ macht unmissverständlich klar, worum es geht. Über ein Fundament aus knallharten Gitarrenriffs und treibenden Drums schleudert Deal seinem Publikum die Zeile „America is a pyramid scheme and you ain’t at the top“ entgegen. Es ist eine Eröffnung, die keine Missverständnisse zulässt: Hier wird nicht analysiert, hier wird angeklagt.
Auch „We Were Punk First“ gehört zu den zentralen Stücken des Albums. Der Song verbindet kulturelle Selbstbehauptung mit einer scharfzüngigen Kritik an Aneignung und Gentrifizierung. Wenn Deal singt „We were punk first“, geht es nicht nur um Musik. Die Aussage ist größer: Die indigene Bevölkerung Nordamerikas hat Widerstand geleistet, lange bevor Punk überhaupt als kulturelle Bewegung existierte. Der Song funktioniert dadurch gleichermaßen als Provokation, historische Einordnung und Identitätsbekundung.
Zwischen Spoken Word und Hardcore
Musikalisch bewegen sich Dead Pioneers auf einem schmalen Grat zwischen klassischem Hardcore-Punk, Post-Punk und Spoken Word. Immer wieder tritt die Musik einen Schritt zurück, damit Deals Texte ihre volle Wirkung entfalten können. Das erinnert stellenweise an die Minutemen, insbesondere an deren Fähigkeit, politische Inhalte ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln. Gleichzeitig schwebt der Geist von Rage Against the Machine über vielen Songs. Nicht unbedingt musikalisch, sondern in der Art, wie persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Analyse und politische Wut miteinander verschmelzen. Allerdings verzichten Dead Pioneers auf große Rock-Gesten. Die Songs sind kurz, direkt und konzentriert. Rein, Aussage treffen, raus – so geht klassischer Punk.
Das Herzstück des Albums
Mit knapp vier Minuten ist „Political Song“ der längste Track der Platte und gleichzeitig ihr inhaltlicher Mittelpunkt. Über einen hypnotisch treibenden Rhythmus zählt Deal auf, welche Körper, Identitäten und Lebensrealitäten gesellschaftlich permanent politisiert werden. Frauen, Schwarze Menschen, indigene Gemeinschaften, queere Personen – sie alle stehen im Zentrum seiner Beobachtungen.
Besonders stark wird der Song durch seine Ironie. Nachdem Deal eine beeindruckende Liste gesellschaftlicher Missstände aufgezählt hat, folgt die trockene Feststellung: „By the way, this is not a political song.“ Ein Satz, der deutlich macht, worum es Dead Pioneers eigentlich geht: Nicht sie machen das Leben politisch. Die Gesellschaft tut es bereits.
Mehr als reine Protestmusik
Trotz aller Wut wäre es ein Fehler, das Album auf seine politischen Botschaften zu reduzieren. Die große Stärke von Dead Pioneers liegt darin, dass die Songs nie wie bloße Parolen wirken. Hinter jeder Anklage steckt persönliche Erfahrung, hinter jeder Zuspitzung eine konkrete Lebensrealität.
Gerade deshalb bleibt die Platte auch nach mehreren Durchläufen spannend. Zwischen den aggressiven Ausbrüchen finden sich immer wieder Momente von schwarzem Humor, Selbstreflexion und kultureller Selbstvergewisserung. Das verleiht dem Album eine Tiefe, die vielen politischen Punkplatten fehlt.
Die Band verbindet klassischen Hardcore-Punk mit Spoken Word, Aktivismus und indigener Perspektive zu einer eigenen musikalischen Sprache. Die Wut ist allgegenwärtig, aber sie dient nie als Selbstzweck. Wer Punk nicht nur als Sound versteht, sondern als Haltung begreift, findet hier eines der spannendsten und wichtigsten Debüts der letzten Jahre.



