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Dead Pioneers

ca. 5 Minu­ten

Dead Pioneers

Die Dead Pio­neers wur­den von dem indi­ge­nen US-Ame­ri­ka­ner Gregg Deal — er gehört zum Pyra­mid Lake Pai­ute Tribe — in Denver/​Colo­rado mehr oder weni­ger zufäl­lig gegrün­det. Gregg Deal arbei­tete an der Per­for­mance The Punk Pan-Indian Roman­tic Comedy“. Die­ses Werk kon­zen­triert sich auf die Musik, die ihn sein gan­zes Leben lang bewegt hat, und erzählt mit humo­ri­gem Unter­ton, wie Musik Deals Leben von sei­nen frü­hes­ten Erin­ne­run­gen bis in die Gegen­wart beein­flusst hat. Es ist eine Geschichte von Kampf und Über­le­ben und die abschlie­ßende Hei­lung durch die Kraft der Musik. Aus die­sem Pro­jekt ent­stan­den die Dead Pio­neers, zu denen aktu­ell die Gitar­ris­ten Joshua Rivera und Abe Brennan sowie der Schlag­zeu­ger Shane Zwey­gardt gehö­ren — und am Bass agiert kein Unbe­kann­ter: Lee Tesche, der Lead­gi­tar­rist von Algiers. Gemein­sam sind sie tief in der Punk-Ästhe­tik und der DIY-Men­ta­li­tät ver­wur­zelt. Ihre The­men sind harte poli­ti­sche und soziale Fra­gen, in denen auch immer wie­der die indi­gene Her­kunft ihres Lead­sän­gers the­ma­ti­siert wird. Musi­ka­lisch ent­wi­ckel­ten sich die Dead Pio­neers von mini­ma­lis­ti­schen Spo­ken-Word-Punk-Riffs (auf dem Debüt) hin zu einer inten­siv zusam­men­spie­len­den, explo­si­ven Band-Ein­heit. Alben wie Po$t Ame­ri­can (2025) und Wagon Bur­ner (2026) ent­stan­den durch den gemein­sa­men krea­ti­ven Input aller fünf Mitglieder.

Dead Pioneers, Wagon Burner

Dead Pioneers

Wagon Burner

Ver­öf­fent­licht: 26. Juni 2026 
Label: Hassle

Wagon Bru­ner — Album Review

One time, I was showing at the Smithsonian museum
The audacity Red man in a white building
You were concerned I’d exercise my freedom„
Push against the pricks, as they say

Text­aus­schnitt aus The Worst Among Us” von Dead Pio­neers feat. Jason Williamson

Mit Wagon Bur­ner“ legen Dead Pio­neers ihr bis­lang zugäng­lichs­tes Album vor – ohne dabei auch nur einen Zen­ti­me­ter von ihrer poli­ti­schen Hal­tung abzu­rü­cken. Die Band um den indi­ge­nen Künst­ler und Front­mann Gregg Deal hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als eine der wich­tigs­ten Stim­men des poli­ti­schen Punk eta­bliert. Wo frü­here Ver­öf­fent­li­chun­gen oft wie wütende Spo­ken-Word-Mani­fes­ta­tio­nen mit Hard­core-Beglei­tung wirk­ten, öff­net sich das neue Album hör­bar für Melo­die, Hooks und grö­ßere Arran­ge­ments. Das Ergeb­nis ist nicht immer so kom­pro­miss­los wie frü­her, dafür aber viel­sei­ti­ger und letzt­lich wirkungsvoller.

Mehr als nur Parolen

Schon der Ope­ner Dead Pre­si­dents“ macht klar, dass sich inhalt­lich nichts geän­dert hat. Deal zer­legt den ame­ri­ka­ni­schen Grün­dungs­my­thos und erin­nert daran, dass die Geschichte der USA immer auch eine Geschichte der Aus­lö­schung indi­ge­ner Kul­tu­ren ist. Statt nost­al­gi­scher Punk-Roman­tik gibt es eine scho­nungs­lose Abrech­nung mit Macht, Kapi­ta­lis­mus und Natio­nal­stolz.
Direkt danach folgt mit Nazi Teeth“ einer der stärks­ten und unmit­tel­bars­ten Songs des Albums. Gemein­sam mit Ste­pha­nie Byrne von Cheap Per­fume ver­wan­delt die Band ihre anti­fa­schis­ti­sche Bot­schaft in einen drei­mi­nü­ti­gen Ramm­bock. Die Gitar­ren sägen, die Rhyth­mus­gruppe treibt uner­bitt­lich nach vorne, und die Wut wirkt nie auf­ge­setzt. Die Band for­mu­liert ihre poli­ti­sche Hal­tung völ­lig unverblümt. 

Überraschend melodisch

Die größte Über­ra­schung ist aller­dings Never Alone“. Die Zusam­men­ar­beit mit den Ska-Punk-Vete­ra­nen The Inter­rup­t­ers zeigt eine Seite der Band, die bis­lang nur ange­deu­tet wurde. Der Song besitzt einen bei­nahe hym­ni­schen Cha­rak­ter und setzt auf Mit­sing-Refrains statt Kon­fron­ta­tion. Er öff­net sich ein wenig Rich­tung Main­stream. Wo frü­here Dead-Pio­neers-Stü­cke oft Distanz erzeug­ten, sucht Never Alone“ bewusst die Gemein­schaft.
Auch The Worst Among Us“, unter­stützt von Jason Wil­liam­son (Sleaford Mods), lebt eher von Atmo­sphäre als von Geschwin­dig­keit. Der Song schleppt sich düs­ter und bedroh­lich vor­wärts und zeigt, wie selbst­be­wusst die Band mitt­ler­weile mit Dyna­mik und Span­nungs­auf­bau umgeht. 

Die Wut bleibt

Trotz aller Öff­nung hat Wagon Bur­ner“ sei­nen Biss nicht ver­lo­ren. No Kings“ rich­tet sich gegen auto­ri­täre Struk­tu­ren jeder Art, wäh­rend See­ing Red“ lang­sam eska­liert und schließ­lich in pure Empö­rung umschlägt. Die Mischung aus Spo­ken Word, Punk und Hard­core bleibt das Fun­da­ment der Band. 
Musi­ka­lisch klingt die Band brei­ter denn je. Die Gitar­ren sind teil­weise schwe­rer und dre­cki­ger als auf den Vor­gän­gern, gleich­zei­tig fin­den sich deut­lich mehr melo­di­sche Pas­sa­gen und atmo­sphä­ri­sche Momente. Diese Balance macht das Album abwechs­lungs­rei­cher als alles, was Dead Pio­neers bis­lang ver­öf­fent­licht haben. 
Nicht jeder der neuen, ein­gän­gi­ge­ren Momente zün­det sofort, doch gerade die stärks­ten Songs pro­fi­tie­ren von die­ser Öff­nung. Dead Pio­neers lie­fern kein per­fek­tes Album ab, aber ihr bis­lang viel­schich­tigs­tes. Und eines, das beweist, dass Wei­ter­ent­wick­lung nicht gleich­be­deu­tend mit Anpas­sung sein muss.

Dead Pioneers Album

Dead Pioneers

Dead Pioneers

Ver­öf­fent­licht: 16. Sep­tem­ber 2023 
Label: Take 5 Records

Dead Pio­neers — Album Review

I don’t speak good pidgin English
Certainly not as good as Johnny Depp did in that movie that one time
I don’t care if you connect with Indian spiritualism

Text­aus­schnitt aus Bad Indian” von Dead Pioneers

Als das selbst­be­ti­telte Debüt­al­bum von Dead Pio­neers im Sep­tem­ber 2023 erschien, wirkte es wie ein längst über­fäl­li­ger Weck­ruf. Wäh­rend sich ein gro­ßer Teil der moder­nen Punk­szene ent­we­der in nost­al­gi­schen Ges­ten oder per­sön­li­cher Befind­lich­keit ver­lor, for­mu­lierte die Band um den indi­ge­nen Künst­ler, Akti­vis­ten und Spo­ken-Word-Poe­ten Gregg Deal ihre Bot­schaf­ten mit einer Dring­lich­keit, die man im Genre nur noch sel­ten hört. Die­ses Album will nicht gefal­len. Es will auf­rüt­teln. Pas­sen­der­weise ent­stand die Platte in den legen­dä­ren Blas­ting Room Stu­dios in Colo­rado. Das von Mit­glie­dern von Des­cend­ents, ALL und Black Flag gegrün­dete Stu­dio gehört zu den wich­tigs­ten Pro­duk­ti­ons­stät­ten des ame­ri­ka­ni­schen Punk­rocks. Die Geschichte des Gen­res ist hier prak­tisch in die Wände ein­ge­schrie­ben – und genau dort ver­or­ten sich auch Dead Pioneers.

Wut als treibende Kraft

Schon der Ope­ner Tired“ macht unmiss­ver­ständ­lich klar, worum es geht. Über ein Fun­da­ment aus knall­har­ten Gitar­ren­riffs und trei­ben­den Drums schleu­dert Deal sei­nem Publi­kum die Zeile Ame­rica is a pyra­mid scheme and you ain’t at the top“ ent­ge­gen. Es ist eine Eröff­nung, die keine Miss­ver­ständ­nisse zulässt: Hier wird nicht ana­ly­siert, hier wird ange­klagt.
Auch We Were Punk First“ gehört zu den zen­tra­len Stü­cken des Albums. Der Song ver­bin­det kul­tu­relle Selbst­be­haup­tung mit einer scharf­zün­gi­gen Kri­tik an Aneig­nung und Gen­tri­fi­zie­rung. Wenn Deal singt We were punk first“, geht es nicht nur um Musik. Die Aus­sage ist grö­ßer: Die indi­gene Bevöl­ke­rung Nord­ame­ri­kas hat Wider­stand geleis­tet, lange bevor Punk über­haupt als kul­tu­relle Bewe­gung exis­tierte. Der Song funk­tio­niert dadurch glei­cher­ma­ßen als Pro­vo­ka­tion, his­to­ri­sche Ein­ord­nung und Identitätsbekundung.

Zwischen Spoken Word und Hardcore

Musi­ka­lisch bewe­gen sich Dead Pio­neers auf einem schma­len Grat zwi­schen klas­si­schem Hard­core-Punk, Post-Punk und Spo­ken Word. Immer wie­der tritt die Musik einen Schritt zurück, damit Deals Texte ihre volle Wir­kung ent­fal­ten kön­nen. Das erin­nert stel­len­weise an die Minu­temen, ins­be­son­dere an deren Fähig­keit, poli­ti­sche Inhalte ohne erho­be­nen Zei­ge­fin­ger zu ver­mit­teln. Gleich­zei­tig schwebt der Geist von Rage Against the Machine über vie­len Songs. Nicht unbe­dingt musi­ka­lisch, son­dern in der Art, wie per­sön­li­che Erfah­run­gen, gesell­schaft­li­che Ana­lyse und poli­ti­sche Wut mit­ein­an­der ver­schmel­zen. Aller­dings ver­zich­ten Dead Pio­neers auf große Rock-Ges­ten. Die Songs sind kurz, direkt und kon­zen­triert. Rein, Aus­sage tref­fen, raus – so geht klas­si­scher Punk.

Das Herzstück des Albums

Mit knapp vier Minu­ten ist Poli­ti­cal Song“ der längste Track der Platte und gleich­zei­tig ihr inhalt­li­cher Mit­tel­punkt. Über einen hyp­no­tisch trei­ben­den Rhyth­mus zählt Deal auf, wel­che Kör­per, Iden­ti­tä­ten und Lebens­rea­li­tä­ten gesell­schaft­lich per­ma­nent poli­ti­siert wer­den. Frauen, Schwarze Men­schen, indi­gene Gemein­schaf­ten, que­ere Per­so­nen – sie alle ste­hen im Zen­trum sei­ner Beob­ach­tun­gen.
Beson­ders stark wird der Song durch seine Iro­nie. Nach­dem Deal eine beein­dru­ckende Liste gesell­schaft­li­cher Miss­stände auf­ge­zählt hat, folgt die tro­ckene Fest­stel­lung: By the way, this is not a poli­ti­cal song.“ Ein Satz, der deut­lich macht, worum es Dead Pio­neers eigent­lich geht: Nicht sie machen das Leben poli­tisch. Die Gesell­schaft tut es bereits.

Mehr als reine Protestmusik

Trotz aller Wut wäre es ein Feh­ler, das Album auf seine poli­ti­schen Bot­schaf­ten zu redu­zie­ren. Die große Stärke von Dead Pio­neers liegt darin, dass die Songs nie wie bloße Paro­len wir­ken. Hin­ter jeder Anklage steckt per­sön­li­che Erfah­rung, hin­ter jeder Zuspit­zung eine kon­krete Lebens­rea­li­tät.
Gerade des­halb bleibt die Platte auch nach meh­re­ren Durch­läu­fen span­nend. Zwi­schen den aggres­si­ven Aus­brü­chen fin­den sich immer wie­der Momente von schwar­zem Humor, Selbst­re­fle­xion und kul­tu­rel­ler Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Das ver­leiht dem Album eine Tiefe, die vie­len poli­ti­schen Punk­plat­ten fehlt.
Die Band ver­bin­det klas­si­schen Hard­core-Punk mit Spo­ken Word, Akti­vis­mus und indi­ge­ner Per­spek­tive zu einer eige­nen musi­ka­li­schen Spra­che. Die Wut ist all­ge­gen­wär­tig, aber sie dient nie als Selbst­zweck. Wer Punk nicht nur als Sound ver­steht, son­dern als Hal­tung begreift, fin­det hier eines der span­nends­ten und wich­tigs­ten Debüts der letz­ten Jahre.