Dry Cleaning ist eine britische Post-Punk-Band aus South London, deren Geschichte 2017 in einer Karaoke-Bar beginnt. Dort treffen Bassist Lewis Maynard, Schlagzeuger Nick Buxton und Gitarrist Tom Dowse – langjährige Freunde mit gemeinsamer Bandvergangenheit – auf Florence Shaw. Die aus der bildenden Kunst kommende Unidozentin hatte zuvor nie ernsthaft gesungen, dennoch wird ihre stoische ASMR-Stimme zum prägenden Stil-Merkmal der Band. Mit den EPs „Sweet Princess“ und „Boundary Road Snacks and Drinks“ sorgt die Band 2019 erstmals international für Aufmerksamkeit. Eine geplante Europa- und US-Tour muss 2020 pandemiebedingt ausfallen, doch Dry Cleaning nutzen die Zeit für das Songwriting. Produziert von John Parish erscheint im April 2021 das hochgelobte Debütalbum „New Long Leg“, das bis auf Platz 4 der UK-Charts klettert. Musikalisch verbinden Dry Cleaning treibende Basslinien, nervöse Drums und melodische Gitarren mit Spoken-Word-Texten über Alltagsneurosen, Internet-Absurditäten und die kleinen Merkwürdigkeiten des Lebens – kühl, humorvoll und unverkennbar britisch.
simply must have experiences
(Doo doo, doo doo, doo)
Manipulate me, wiggle my arms
I hit my head in different placesTextausschnitt aus „Hit My Head All Day“
Alltagsabsurdität im Trancezustand
Den Auftakt macht das sechseinhalbminütige „Hit My Head All Day“, ein hypnotischer Track, der mit repetitiven Drums und verzerrten Gitarren eine entrückte, fast tranceartige Atmosphäre erzeugt. Entstanden während der letzten US-Wahl, reflektiert der Song den täglichen Kampf mit Manipulation und Informationsflut. Dem gegenüber steht „Cruise Ship Designer“, dessen lakonische, trockene Ironie über einen schrägen Protagonisten die gewohnt absurden Alltagsbeobachtungen des Quartetts vorführt. „So designing cruise ships is my pastime…“, heißt es da, und man kann sich ein leichtes Schmunzeln kaum verkneifen.
Über Politik, Blut zu Ernährungstipps
Auch wenn sich die Lyrics oft im Skurrilen bewegen, fußen die Botschaften nicht selten in der aktuellen politischen Weltlage. „Blood“ reflektiert die grausame Realität in den Krisenregionen, von denen die Nachrichten voll sind: „Blood on my screen /Blood for breakfast“. Doch selbst hier driftet Shaws Gedankengang ins Belanglose ab, lässt sich ablenken und erzählt plötzlich von den Nachbarn. Selbst die Emotionalsten unter uns können sich entziehen – eine scharfsinnige Kritik am Zeitgeist. „Evil Evil Idiot“ wiederum porträtiert einen Influencer mit kruden Ernährungstipps, für den verbranntes Fleisch der wahre Genuss ist.
Vortrag übers Putzen
Ein besonderes Highlight ist „My Soul /Half Pint“: No-Wave-Kaskaden treffen auf fast fröhliche Piano-Breaks und verleihen Shaws Vortrag einen ungeahnt melodischen Drive. Inhaltlich erklärt sie, warum sie Putzen aus feministischen Gründen ablehnt: „I don’t like to clean, I find cleaning demeaning… I feel resentment in my soul.“ Mit „Let Me Grow and You’ll See the Fruit“ zeigen Dry Cleaning eine verletzlichere Seite: ein pastoral-folklorales Arrangement, getragen von Saxophon, das eine zarte, introspektive Stimmung entfaltet. Den Abschluss bildet „Joy“, ein überraschend eingängiger, optimistischer Song, der Resilienz und Zärtlichkeit in schwierigen Zeiten feiert und ein einfaches Mantra formuliert: „Don’t give up on being sweet.“ Ein schönes Schlussstatement dieser liebevoll verpeilten Post-Punker.
Kunst zum Schluss
Das Artwork des Albums stammt von der in Glasgow lebenden Künstlerin Erica Eyres. Zu sehen ist Florence Shaws Gesicht in Großaufnahme, wie sie sich ein Auge mit Wasser aus einer Plastikflasche ausspült – irritierend, intim und ganz im Geiste von „Secret Love“.


