Die private Dimension der Avantgarde

Durch­schnitt­li­che Lese­dauer 2 Minu­ten

Fünf Freunde. 
John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly

Die Aus­stel­lung Fünf Freunde“ im Köl­ner Museum Lud­wig erzählt keine Geschichte ein­zel­ner Genies, son­dern eine der Nähe. John Cage, Merce Cun­ning­ham, Jas­per Johns, Robert Rau­schen­berg und Cy Twom­bly ver­band nicht nur eine künst­le­ri­sche Vision, son­dern ein gemein­sa­mes Leben jen­seits gesell­schaft­li­cher Nor­men. In einer Zeit, in der Homo­se­xua­li­tät tabui­siert oder kri­mi­na­li­siert wurde, ent­wi­ckel­ten sie Lebens- und Arbeits­for­men, in denen Frei­heit nicht dekla­riert, son­dern prak­ti­ziert wurde. Que­er­ness erscheint hier nicht als poli­ti­sches State­ment, son­dern als ästhe­ti­sche Hal­tung: offen, anti-hier­ar­chisch, dem Zufall und der Ambi­va­lenz verpflichtet.

Stille, Klang und das Weiß der Leinwand

Sym­bo­lisch ver­dich­tet sich diese Hal­tung in John Cages berühm­ter Kom­po­si­tion 4′33″“ (1952). Vier Minu­ten und drei­und­drei­ßig Sekun­den ohne notier­ten Ton ver­la­gern die Auf­merk­sam­keit auf das, was sonst über­hört wird: Hus­ten, Rascheln, ent­fern­ter Stra­ßen­lärm. Stille wird nicht als Leere ver­stan­den, son­dern als Reso­nanz­raum. Was Cage im Klang voll­zieht, fin­det sein visu­el­les Gegen­stück in der Kunst sei­ner Freunde. Die wei­ßen Lein­wände von Rau­schen­berg, Johns oder Twom­bly sind keine neu­tra­len Flä­chen, son­dern offene Fel­der. Beson­ders Rau­schen­bergs White Pain­tings“ reagie­ren unmit­tel­bar auf Cages Den­ken: Sie reflek­tie­ren Licht, Schat­ten und Bewe­gung und wer­den selbst zu Ereig­nis­sen. Cage nannte sie ein­mal Flug­hä­fen für Lich­ter, Schat­ten und Par­ti­kel“ – ein tref­fen­des Bild für diese gegen­sei­tige Durch­drin­gung von Klang und Bild.

Ein Netzwerk aus Beziehungen

Diese Ver­zah­nung bestimmt auch den Auf­bau der Aus­stel­lung. Statt die Künst­ler ein­zeln zu prä­sen­tie­ren, stellt Fünf Freunde“ ihr krea­ti­ves Netz­werk in den Mit­tel­punkt. Par­ti­tu­ren, Male­reien, Büh­nen­bil­der, Foto­gra­fien und Archiv­ma­te­ria­lien tre­ten in einen Dia­log und machen sicht­bar, wie sehr Musik, Tanz und Bil­dende Kunst hier von­ein­an­der geprägt sind. Scores von John Cage ste­hen gleich­be­rech­tigt neben Wer­ken von Jas­per Johns, Büh­nen­bil­der von Rau­schen­berg neben Tanz­do­ku­men­ta­tio­nen von Merce Cun­ning­ham. Die Aus­stel­lung ent­fal­tet so ein sozia­les und ästhe­ti­sches Pan­orama, in dem Ideen zir­ku­lie­ren und sich gegen­sei­tig verstärken.

Queere Moderne als Kontinuität

Fünf Freunde“ zeigt die Moderne nicht als Abfolge von Sti­len, son­dern als Bezie­hungs­ge­flecht – zwi­schen Klang und Farbe, Kör­per und Raum, Begeh­ren und Form. Diese Per­spek­tive ver­bin­det die Köl­ner Schau mit der Düs­sel­dor­fer Aus­stel­lung Que­ere Moderne. 1900–1950“. Dort wird deut­lich, dass die Frei­heit der Nach­kriegs­avant­garde keine plötz­li­che Erfin­dung war, son­dern auf einer quee­ren Vor­ge­schichte beruht. Was zuvor aus Vor­sicht Andeu­tung und Frag­ment blieb, konnte nach 1950 zu Offen­heit und Reso­nanz wer­den. Zwi­schen Düs­sel­dorf und Köln spannt sich so ein Bogen, der die Moderne neu les­bar macht: als Geschichte von Nähe, Aus­tausch – und geleb­ter Freiheit.

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