Beton, Bass und kleine Fluchten

ca. 2 Minu­ten

Harmonious Thelonious
17. Mai 2026 • Schleuse Zwei, Bilker Bunker, Düsseldorf

Als ich im ver­gan­ge­nen Dezem­ber Die Wilde Jagd im Bil­ker Bun­ker gese­hen habe, nahm ich mir fest vor, häu­fi­ger zurück­zu­keh­ren. Denn die Schleuse Zwei – jene Musik­bar im ers­ten Unter­ge­schoss – ist mit ihrem rohen Beton­ge­wand, den nied­ri­gen Decken und dem kal­ten Neon­licht ein nahezu per­fek­ter Ort für kleine Kon­zerte, DJ-Sets und elek­tro­ni­sche Club­nächte. Gedau­ert hat es dann trotz­dem einige Monate. Nun also Har­mo­nious Thelonious.

Nervöse Grooves im Bunkerlicht

Der Düs­sel­dor­fer Musi­ker Ste­fan Sch­wan­der zählt seit den 1990er-Jah­ren zu den prä­gen­den Figu­ren der deut­schen Elek­tro­nik- und Mini­mal-Techno-Szene. Ein Musi­ker seit Jahr­zehn­ten hoch­ge­schätzt, aber nie auf große Ges­ten ange­wie­sen. Tom, der Sch­wan­der per­sön­lich kennt, macht mich auf den Abend auf­merk­sam und war­tet bereits mit einem Bier vor dem Ein­gang des Bun­kers.
Der Reiz die­ses Kon­zerts liegt von Beginn an gerade in sei­ner Unspek­ta­ku­la­ri­tät. Keine große Ankün­di­gung, kein Pathos. Sch­wan­der tritt bei­nahe bei­läu­fig hin­ter sein klei­nes Geräte-Rack und eröff­net den Abend mit And You May Find Yours­elf“, dem Ope­ner sei­nes neuen Albums Grumpy Pie­ces“. Repe­ti­tive Bass­fi­gu­ren, scharf kon­tu­rierte Per­cus­sion und ein Groove, der sich nicht sofort erschließt, son­dern sich lang­sam ent­fal­tet und dabei per­ma­nent unter Span­nung bleibt.

Zwischen Ritual und Clubmusik

Naht­los gehen die Tracks inein­an­der über. Auf mini­ma­lis­ti­sche Struk­tu­ren fol­gen pan­afri­ka­ni­sche und nah­öst­li­che Rhyth­mus­ideen, tro­ckene Drum-Pat­terns ent­wi­ckeln einen eigen­tüm­lich hyp­no­ti­schen Sog. Fast regungs­los, nur beglei­tet von leich­tem Kopf­ni­cken, steu­ert Sch­wan­der durch seine ner­vö­sen, kan­ti­gen und manch­mal ver­spielt schrä­gen Kom­po­si­tio­nen. Tri­ba­lis­ti­sche Rhyth­men tref­fen auf rohe Elek­tro­nik, Noise-Ein­spreng­sel auf trance­ar­tige Wie­der­ho­lun­gen. Har­mo­nious The­lo­nious bewegt sich dabei sou­ve­rän zwi­schen Dance­f­loor, Klang­ex­pe­ri­ment und Ritu­al­mu­sik.
Viel­leicht liegt genau darin aber auch die ein­zige kleine Schwä­che die­ses Abends: So fas­zi­nie­rend die fili­gra­nen Rhyth­mus­struk­tu­ren und ver­schach­tel­ten Groo­ves auch sind, ein wenig mehr Kör­per­lich­keit hätte dem Kon­zert gut­ge­tan. Gerade in der Schleuse Zwei, die­sem Beton­raum vol­ler Reso­nanz­flä­chen, hät­ten die Bässe durch­aus mehr Druck ent­fal­ten dür­fen. Die Tracks blie­ben häu­fig eher im Kopf als im Magen – span­nend und hyp­no­tisch, aber sel­ten wirk­lich phy­sisch.
Höhe­punkt des Abends ist sicher­lich Tro­pi­cal + Elec­tro­ni­cal“. Ein Stück, durch das die gesamte Düs­sel­dor­fer Elek­tronik­ge­schichte hin­durch­zu­schim­mern scheint – von Kraut­rock bis Mini­mal Techno. Orga­nisch, roh und selt­sam warm ent­fal­tet der Track eine krau­tig-hyp­no­ti­sche Wir­kung, die per­fekt zum Beto­n­am­bi­ente der Schleuse Zwei passt.

Der Abend löst sich langsam auf

Das Kon­zert nähert sich dem Ende: Struk­tu­ren zer­fal­len zuneh­mend. Rhyth­men fran­sen aus, Sounds lösen sich auf, zurück bleibt ein flie­ßen­der Klang­tep­pich aus Ambi­ent, Dub und abs­trak­ter Club­mu­sik. Fast etwas ver­le­gen kehrt Sch­wan­der anschlie­ßend noch ein­mal für eine kurze tech­no­ide Zugabe zurück.
Mit Grumpy Pie­ces“ und die­sem kon­zen­trier­ten, unauf­ge­reg­ten Auf­tritt unter­streicht Har­mo­nious The­lo­nious ein­mal mehr, warum Düs­sel­dorf wei­ter­hin zu den span­nends­ten Städ­ten elek­tro­ni­scher Musik gehört.
Doch der Abend endet nicht mit dem Kon­zert. Wir tref­fen noch einige Bekannte, ste­hen mit Bier­glä­sern zwi­schen Neon­licht und Beton und reden über Musik, das Zeit­ge­sche­hen und die klei­nen Sor­gen des All­tags. Genau dafür sind sol­che Orte da. Und ziem­lich sicher war das nicht mein letz­ter Abend in der Schleuse Zwei.