Idles

Sän­ger Joe Tal­bot und Bas­sist Adam Devon­shire ler­nen sich am Col­lege in Exe­ter ken­nen. Sie zie­hen nach Bris­tol, um an der Uni­ver­si­tät zu stu­die­ren und eröff­nen hier den Nacht­club Bat­cave. Spä­ter gesel­len sich die bei­den Gitar­ris­ten Mark Bowen und Lee Kier­nan sowie Schlag­zeu­ger Jon Bea­vis dazu. Und irgend­wie scheint eine Menge Wut in ihnen zu ste­cken. Auf jeden Fall dre­schen sie ganz ordent­lich auf ihre Instru­mente ein — und Joe Tal­bot lässt mit sei­nem sto­isch-kei­fen­den Sprech­ge­sang ordent­lich Frust ab… „Bru­ta­lism” nennt die Band ihr ers­tes Album – und es ist roh und unge­schlif­fen. Tal­bots Mut­ter stirbt nach lan­ger Krank­heit wäh­rend der Auf­nah­men — das Cover zeigt ein Bild von ihr. Das zweite Album „Joy As An Act Of Resis­tance“ erscheint 2018 – ein sehr emo­tio­na­les, wüten­des Album (siehe unten). Zwei Jahre spä­ter erscheint „Ultra Mono“, das klang­li­che Spek­trum der Band ver­än­dert sich. Es wird zugäng­li­cher, ohne an Kraft zu ver­lie­ren und steckt vol­ler poli­ti­scher Wut. An dem Album sind unter ande­rem War­ren Ellis von den Bad Seeds sowie Jamie Cul­lum, David Yow und wei­tere Gastmusiker*innen betei­ligt. Noch deut­li­cher schim­mert der gefühl­volle Pop-Appeal auf ihrer vier­ten Platte „Craw­ler“ durch. Aggres­sion und Sen­ti­men­ta­li­tät for­dern ein­mal mehr zum Tan­zen und Hüp­fen auf. Mit sei­nem fünf­ten Album „Tangk“ erwei­tert das Quin­tett ein wei­te­res Mal sei­nen Sound und über­rascht mit wei­chen Kla­vier­ak­kor­den und war­men Streichern.

Idels, Tangk

Idles

Tangk

Ver­öf­fent­licht: 16. Februar 2024
Label: Par­ti­san Records

Tangk • Album-Review


Hold the phone
Hip to hip, cheek to cheek
Push me away like I’m Lucifer
So to speak

Text­aus­schnitt aus „Dance”

Der Musik­kos­mos der Idles besteht aus Wut, Härte und extrem wüs­ten Live-Shows, in denen sich Musi­ker und Publi­kum geme auch mal ver­mi­schen. Nun ent­de­cken die wil­den Her­ren ihre wei­chere, pop­pi­gere Seite und zei­gen, dass sie auch zu ech­ten Lie­bes­lie­der fähig sind, auch wenn Tal­bot dabei immer noch den rohen, schrei­en­den Ber­ser­ker gibt, den­noch Liebe und Empa­thie bestim­men die­ses Album. Schließ­lich möchte Joe Tal­bot in einer „sehr unzi­vi­li­sier­ten Welt“ sicher­stel­len, „nicht Teil die­ses Pro­blems“ zu sein. „Ich möchte, dass unsere Musik ein Gedicht ist, und ich möchte, dass sie ein schö­nes Gemälde ist, und ich möchte das Leben genie­ßen und ich möchte die Liebe genie­ßen, also tue ich das,“ so Joe Tal­bot in einem State­ment zu die­sem Album. Die neue Pop-Sen­si­bi­li­tät mag auch ein wenig auf Radio­head-Pro­du­zent Nigel God­rich zurück­zu­füh­ren sein, mit dem Tal­bot fast alle Songs im Stu­dio nahezu spon­tan ein­ge­sun­gen. Tal­bots Bot­schaft: „All is Love and Love is All“ wie es im Track „Gift Horse“ heißt. In „Roy“ singt er von der Ver­letz­lich­keit, die durch wahre Liebe ent­ste­hen kann. „Babe / Baby / I’m a smart man / But I’m dumb for you“, greint Tal­bot zu einem rum­peln­den Wal­zer-Rhyth­mus. Die Lead-Sin­gle „Dancer“, bei der Genre-Exper­ten James Mur­phy und Nancy Whang von LCD Sound­sys­tem als Back­ground-Gesang fun­gie­ren, hul­digt das Gefühl, sich einem engen Tanz mit aller Kör­per­lich­keit hin­zu­ge­ben: „Dancing cheek to cheek / Dance, oh dance, god­damn dance“. „POP POP POP“ fei­ert fast schon fröh­lich die Lebens­lust und ent­hält die spa­ßige, deut­sche Wort­schöp­fung „Freu­den­freude / Joy On Joy / Cheer­lea­der / Happy Boy“. In „Grace“ wird es dann fast kit­schig, wenn Tal­bot zart flüs­tert: „No god, no king / I said, love is the thing“. Schon im März ste­hen Idles in Deutsch­land wie­der auf der Bühne und dann wer­den sich die Jungs sicher wie­der von ihrer wil­den Seite zei­gen. Gern wäre ich wie­der dabei, aber zu spät. Das Kon­zert in mei­ner Nähe (21.03.24, Pal­la­dium, Köln) ist ausverkauft. 

Alle Kon­zert­te­mine:
15.03.24 Ber­lin, Max-Schme­ling-Halle
16.03.24 Ham­burg, Sport­halle
21.03.24 Köln, Pal­la­dium – aus­ver­kauft
22.03.24 Mün­chen, Zenith
23.03.24 Frank­furt, Jahrhunderthalle

Idles, Joy as an Act of Resistance

Idles

Joy as an Act of Resistance

Ver­öf­fent­licht: 31. August 2018
Label: Par­ti­san Records

Joy as an Act of Resis­tance • Album-Review


My best friend is an alien
(I know him, and he is)
My best friend is a citizen
He’s strong, he’s earnest, he’s innocent

Text­aus­schnitt aus „Danny Nedelko”

Bru­ta­lism (2017) heißt das erste Album der (Post-) Punk­band aus Bris­tol, und es so klingt es auch: bru­tal, hart und laut. Nur andert­halb Jahre spä­ter erscheint nun der Nach­fol­ger „Joy as an Act of Resis­tance“ und hat eben­falls eine gewal­tige Schlag­kraft. Schon bei dem ers­ten Idles-Album lie­ßen die Texte Tal­bots auf­hor­chen, so auch bei dem jetzt bei dem Fol­ge­al­bum. Es sind teil­weise Slo­gans für die Ewig­keit. In sei­ner herz­er­grei­fen­den, sen­si­blen Bal­lade „June“ trau­ert er um seine tot-gebo­rene Toch­ter, indem er Heming­way zitiert. In dem gewal­ti­gen „Never Fight A Man With A Perm“ reißt er sein Gegen­über lyrisch aus­ein­an­der. „Danny Nedelko“ ist einem Freund und Ein­wan­de­rer aus der Ukraine gewid­met und ein inni­ger Appell zu mehr Soli­da­ri­tät gegen­über Immi­gran­ten. „Sama­ri­tans“ räumt mit der falsch­ver­stan­de­nen Männ­lich­keit auf und zeigt Emo­tio­nen — da wird dann auch kur­zer­hand eine Katy Perry Hit-Zeile umfor­mu­liert: „I kissed a boy and I liked it“. Dabei ver­sucht Tal­bot nicht, die Welt zu repa­rie­ren: „Ich spre­che nur dar­über, wie ich meine repa­riere.“ Alles abso­lut cor­rect also bei den Idles und das gerne ein­ge­bet­tet in ein herr­li­ches Post-Punk-Gewit­ter. Ein­gän­gige Melo­dien, Rotz­ge­sang und wund­ba­res Punk­rock-Gerum­pel, die Gitar­ren sägen, der Bass treibt nach vorne und das Schlag­zeug bret­tert einen kla­ren Beat – da kann man auch schon mal herr­lich mit­grö­len und ‑hüp­fen. Auf der Bühne geht es dann auch ent­spre­chend rau, ver­schwitzt, laut und wütend zu — und alles ist in Bewe­gung. Live sind sie ein ech­tes Ver­gnü­gen — und man sollte sie mal gese­hen haben!