Alter Fall, neue Fragen

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Eine alte Debatte flammt wieder auf: War Kurt Cobains Tod tatsächlich ein Suizid — oder wurde er ermordet?

Ver­schwö­rungs­theo­rien gehö­ren seit Jahr­zehn­ten zur Pop­kul­tur. Mit Tik­Tok und Insta­gram haben sie jedoch einen neuen Reso­nanz­raum gefun­den, in dem sich Unter­hal­tung und Miss­trauen mühe­los ver­mi­schen. Stars wer­den zu Pro­jek­ti­ons­flä­chen kol­lek­ti­ver Ängste: Elvis Pres­ley soll noch leben, Paul McCart­ney sei einst durch einen Dop­pel­gän­ger ersetzt wor­den. Wer Hotel Cali­for­nia“ von Eagles oder Stair­way to Hea­ven“ von Led Zep­pe­lin rück­wärts hört, stößt angeb­lich auf sata­ni­sche Botschaften.

Pop, Paranoia, Projektion

Auch der Tod von Kurt Cobain wird bis heute ange­zwei­felt. Die These: Mit einer hohen Dosis Heroin im Blut sei er phy­sisch nicht in der Lage gewe­sen, sich selbst mit einer Schrot­flinte zu töten. Schnell rich­tet sich der Ver­dacht gegen seine Frau, Court­ney Love. Sogar der Tod von Kris­ten Pfaff zwei Monate spä­ter wird in die­sem Zusam­men­hang spe­ku­la­tiv gedeu­tet. Fak­ten und Fik­tion ver­schwim­men, Mythen entstehen.

Die offiziellen Befunde

Am 8. April 1994 wurde Cobain tot in sei­nem Haus in Seat­tle gefun­den. Die Behör­den stuf­ten den Tod als Sui­zid durch eine Schuss­ver­let­zung ein – gestützt auf einen Abschieds­brief und eine hohe Hero­in­kon­zen­tra­tion im Blut. Der Fall wurde geschlos­sen; spä­tere Über­prü­fun­gen bestä­tig­ten das Ergeb­nis. Doch Pod­casts, True-Crime-For­mate und soziale Medien haben die Dis­kus­sion neu ent­facht. Alte Unge­reimt­hei­ten kur­sie­ren wie­der, Ermitt­lungs­de­tails wer­den infrage gestellt.

Neue forensische Zweifel

Ein pri­va­tes Ermitt­ler­team um Michelle Wil­kins und Brian Bur­nett sich­tete vor­han­dene Akten, dar­un­ter Aut­op­sie­be­richte und Tat­ort­fo­tos. Ihre Ana­lyse, zur Ver­öf­fent­li­chung im Inter­na­tio­nal Jour­nal of Foren­sic Sci­ence“ ange­nom­men, benennt mög­li­che Unstim­mig­kei­ten: Fra­gen zur Posi­tion einer Patro­nen­hülse, zur Blut­spu­ren­lage an der Waffe sowie zur Hand­schrift im Abschieds­brief. Zudem stel­len sie die These auf, Cobain könne vor dem töd­li­chen Schuss eine Über­do­sis – womög­lich unter Zwang – erhal­ten haben. Kon­krete neue Beweise legen sie aller­dings nicht vor; ihre Argu­men­ta­tion basiert auf einer Neu­be­wer­tung vor­han­de­ner Dokumente.

Die Reaktion der Behörden

Das King County Medi­cal Examiner’s Office und die Seat­tle Police Depart­ment sehen kei­nen Anlass, den Fall neu auf­zu­rol­len. Man habe umfas­send ermit­telt und keine Hin­weise auf Fremd­ver­schul­den gefun­den. Für belast­bare neue Beweise sei man offen – bis­lang lägen diese jedoch nicht vor.

Mythos, Medien, Markt

Zwei­fel am offi­zi­el­len Bericht sind kein neues Phä­no­men. Der Pri­vat­de­tek­tiv Tom Grant äußert seit den 1990ern Ver­dachts­mo­mente; die Doku Soa­ked in Bleach“ griff diese 2015 auf. Der Abschieds­brief wurde unzäh­lige Male gra­fo­lo­gisch ana­ly­siert, Cobains letzte Tage immer wie­der rekon­stru­iert. Dass die Debatte nicht ver­stummt, liegt auch an Cobains kul­tu­rel­ler Auf­la­dung. Mit Never­mind“ schrieb er Musik­ge­schichte. Sein Tod mit 27 speist zudem den Mythos des Club 27“, Hole-Bas­sis­tin Kris­ten Pfaff starb eben­falls mit 27 – ein Nar­ra­tiv, das Spe­ku­la­tio­nen fast zwangs­läu­fig befeuert.

Warum wir nicht loslassen

Viel­leicht sagt die wie­der­keh­rende Mord­these weni­ger über neue Fak­ten aus als über unser Bedürf­nis, Iko­nen nicht gehen zu las­sen. Cobains Tod steht sym­bo­lisch für Ruhm, Druck und die Des­il­lu­sio­nie­rung der 1990er. Und solange Pop­kul­tur Pro­jek­ti­ons­flä­che bleibt, wer­den sich Legen­den hal­ten. Mag ja auch sein, dass Elvis noch lebt.

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