Lee Scratch“ Perry & Mouse on Mars

ca. 3 Minu­ten

Lee Scratch“ Perry wurde am 20. März 1936 in Kendal, Man­ches­ter, Jamaika als Rain­ford Hugh Leeb­urn“ Perry gebo­ren. Der Sohn einer Farm­ar­bei­te­rin und eines Stra­ßen­ar­bei­ters ver­ließ mit 15 die Schule und schlug sich mit Hilfs­ar­bei­ten durch bis er 1959 mit dem Ziel, in der Musik­bran­che zu arbei­ten, nach King­s­ton ging. Hier begann er als Talent-Scout im Stu­dio von Cle­ment Cox­sone“ Dodd. Er pro­du­zierte auch selbst, unter ande­rem das Stück Chi­cken Scratch“, dem er sei­nen Spitz­na­men Scratch“ ver­dankt. 1968 grün­dete er Upset­ter Records und fei­erte mit Peo­ple Funny Boy“ einen frü­hen Erfolg. In sei­nem legen­dä­ren Black Ark Stu­dio in King­s­ton ent­wi­ckelte er ab 1973 einen ein­zig­ar­ti­gen Sound. Hier zer­legte er Reg­gae-Songs in ihre Ein­zel­teile, ließ Echos durch den Raum geis­tern, schich­tete Stim­men über­ein­an­der und erfand dabei prak­tisch neben­bei den Dub. So ent­stan­den ein­fluss­rei­che Auf­nah­men wie Super Ape“, War Ina Baby­lon“ und Police & Thie­ves“. Auch nach dem Brand des Stu­dios 1979 blieb Perry bis zu sei­nem Tod im Jahr 2021 inter­na­tio­nal aktiv, ver­öf­fent­lichte wei­ter Alben und trat bis ins hohe Alter auf. Er war Scha­mane, Pro­vo­ka­teur, Phi­lo­soph und Tricks­ter zugleich. Seine Inter­views schwank­ten oft zwi­schen tief­grün­di­ger Weis­heit und völ­li­ger kos­mi­scher Ver­wir­rung. Genau das machte ihn zu einer der fas­zi­nie­rends­ten Figu­ren der Pop­ge­schichte. Von Punk über Hip-Hop bis Techno reicht sein Ein­fluss bis heute weit über die Gren­zen des Reg­gae hinaus.

Mouse On Mars sind ein deut­sches Pro­du­zen­ten­duo, bestehend aus Andi Toma und Jan St. Wer­ner. Seit Debüt­al­bum Vul­va­land“ aus dem Jahr 1994 gehö­ren die Musi­ker zu den eigen­wil­ligs­ten und ein­fluss­reichs­ten Pro­jek­ten der elek­tro­ni­schen Musik. Glitch, Techno, Kraut­rock, Ambi­ent, Funk, Dub und abs­trakte Geräusch­kunst zuwei­len um orga­ni­sche Instru­men­tie­rung ergänzt ver­schmel­zen bei Mouse on Mars zu etwas, das unver­kenn­bar nach ihnen klingt. Im Laufe ihre musi­ka­li­schen Kar­riere haben sie mit renom­mier­ten Kolleg*innen wie Ste­reo­lab, Mark E. Smith, Jus­tin Ver­non (Bon Iver), Aaron Dess­ner (The Natio­nal), Bei­rut und Lee Scratch“ Perry kol­la­bo­riert. Andi Toma stammt ursprüng­lich aus Düs­sel­dorf und Jan St. Wer­ner aus Köln. Die bei­den sind seit ihrer Kind­heit mit­ein­an­der befreun­det und kamen sogar am sel­ben Tag im sel­ben Kran­ken­haus zur Welt. Nach­dem sie in ihrer Anfangs­zeit vor allem mit Elek­tro­nik expe­ri­men­tiert hat­ten, nahm um das Jahr 2000 herum Live-Instru­men­tie­rung eine immer pro­mi­nen­ter wer­dende Rolle in ihrer Musik ein. Dabei wird das Duo bei den Live-Auf­trit­ten zumeist von dem Schlag­zeu­ger und Sän­ger Dodo Nki­shi unterstützt.

Lee „Scratch“ Perry & Mouse on Mars, Spatial, No Problem

Lee Scratch“ Perry & Mouse on Mars

Spatial, No Problem

Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026
Label: Domino

Der Dub-Pio­nier Lee Scratch“ Perry hatte die Musik­ge­schichte über Jahr­zehnte geprägt, Gene­ra­tio­nen von Künstler*innen beein­flusst. Im Alter von 85 Jah­ren starb am 29. August auf Jamaika starb. Über­ra­schend also, dass fünf Jahre nach sei­nem Tod mit Spa­tial, No Pro­blem“ ein post­hu­mes Album mit den Elek­tro­nik-Exzen­tri­kern Mouse on Mars erscheint. Auf dem Papier wirkt diese Begeg­nung zunächst wie ein Zusam­men­prall zweier völ­lig unter­schied­li­cher Wel­ten. Hier Perry, der Sound-Alche­mist des Dub mit sei­nen psy­che­de­li­schen Klang­räu­men, spi­ri­tu­el­len Visio­nen und unbe­re­chen­ba­ren Ein­fäl­len. Dort Jan St. Wer­ner und Andi Toma, die seit Jahr­zehn­ten unter dem Namen Mouse on Mars an den Gren­zen elek­tro­ni­scher Musik arbei­ten – ver­spielt, expe­ri­men­tell und stets bereit, jede Regel über Bord zu werfen.

Begegnung musikalischer Freigeister

Die Auf­nah­men ent­stan­den Ende 2019 inner­halb weni­ger Tage im Ber­li­ner Para­verse Stu­dio von Mouse on Mars. Dass das Mate­rial erst jetzt ver­öf­fent­licht wird, lag an einer Mischung aus Pan­de­mie, Nach­lass­fra­gen und der schie­ren Fülle der Ses­si­ons.
Der Album­ti­tel geht auf eine jener typi­schen Perry-Geschich­ten zurück, die nur er erzäh­len konnte. Als ihn die Musi­ker frag­ten, ob er mit Spa­tial Audio ver­traut sei, ant­wor­tete er tro­cken: Spa­tial? No pro­blem.“ Ein Album­ti­tel war damit gefun­den.
Bemer­kens­wert ist vor allem, wie wenig die­ses Album nach Archiv­ma­te­rial klingt. Nichts wirkt museal oder ehr­fürch­tig kon­ser­viert. Statt­des­sen sprüht die Platte vor Leben, Neu­gier und Spiel­freude. Hin­ter jeder Ecke war­tet eine neue Idee, ein schrä­ger Ein­fall oder eine über­ra­schende Wen­dung. Perry klingt kei­nes­wegs wie eine Legende im Ruhe­stand, son­dern wie jemand, der noch immer nach neuen Wegen sucht. Zwi­schen Ras­ta­fari-Beschwö­run­gen, hyp­no­ti­schem Chan­ting und dada­is­ti­schem Wort­spiel croont, rappt und dekla­miert er sich durch die Stü­cke – mal Pro­phet, mal Tricks­ter, mal bei­des gleichzeitig.

Dada-Gebrabbel zu Motorik-Groove

Schon der Ope­ner Rock­curry“ macht deut­lich, wohin die Reise geht. Ein rum­peln­der Moto­rik-Groove trifft auf tiefe Dub-Bässe und digi­tale Stör­ge­räu­sche. Die Musik scheint per­ma­nent zwi­schen Ord­nung und Chaos zu pen­deln, wäh­rend Perry über allem schwebt und seine ganz eigene Logik ent­fal­tet.
Mit Hallo Shiva“ gelingt Mouse on Mars sogar etwas, das man bei ihnen nur sel­ten erlebt: ein bei­nahe ein­gän­gi­ger Song, nahezu ein Hit. Ein hyp­no­ti­scher Beat trägt Per­rys Stimme durch eine psy­che­de­li­sche Klang­land­schaft, in der elek­tro­ni­sche Prä­zi­sion und impro­vi­sierte Frei­heit erstaun­lich har­mo­nisch zusam­men­fin­den. Das Stück besitzt enorm viel Witz, Leich­tig­keit und einen Sog, dem man sich nur schwer ent­zie­hen kann.
Im Zen­trum des Albums steht schließ­lich Spa­tia­lee“. Hier wird die Idee des räum­li­chen Hörens beson­ders greif­bar. Klänge tau­chen auf und ver­schwin­den wie­der, Stim­men huschen durch den Mix wie Geis­ter­er­schei­nun­gen. Perry wech­selt dabei mühe­los zwi­schen Kom­men­ta­tor, Scha­mane und Schelm.

Eine letzte Nachricht

Das Finale State of Emer­gency“ wirkt wie eine letzte Nach­richt aus dem Orbit. Düs­ter und schwe­bend, gleich­zei­tig aber von einem selt­sa­men Opti­mis­mus getra­gen. Perry ver­stand es zeit­le­bens, Welt­un­ter­gangs­stim­mung und Humor zusam­men­zu­den­ken – die­ser Song bringt genau diese Fähig­keit noch ein­mal auf den Punkt. Wenn am Ende die Worte This is the End“ erklin­gen und dar­auf ein hei­se­res, bei­nahe asth­ma­ti­sches Lachen folgt, kann man sich ein eige­nes Grin­sen kaum verkneifen.