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Medieval Found Footage

ca. 3 Minu­ten

Medieval Found Foo­tage stam­men aus Lon­don (Onta­rio, Kanada) und spie­len eine inten­sive Mischung aus Noise Rock, Post-Hard­core, Math Rock und Post-Punk. Die Band besteht aus Kadin Fehr (Gesang, Gitarre), Oli­ver Clarke (Gitarre), Brooke Sand­with (Bass) und JJ Soren­sen (Schlag­zeug). Ihr Debüt­al­bum Aba­g­nale“ erschien im Juni 2026 und ver­bin­det sper­rige Song­struk­tu­ren mit emo­tio­na­ler Wucht und beein­dru­cken­der Dyna­mik. Trotz der bei­den Gitar­ren klingt ihr Sound sehr dif­fe­ren­ziert klingt. Häu­fig über­nimmt eine Gitarre kan­tige, repe­ti­tive Math-Rock-Figu­ren, wäh­rend die zweite mit Noise-Flä­chen, Feed­back oder melo­di­schen Gegen­li­nien arbei­tet. Kadin Fehrs Gesang bewegt sich zwi­schen gespro­che­nen Pas­sa­gen, gequäl­tem Sprech­ge­sang und erup­ti­vem Schreien – ein Stil, der per­fekt zu den emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Tex­ten passt.

Medieval Found Footage, Abagnale

Medieval Found Footage

Abagnale

Ver­öf­fent­licht: 5. Juni 2026 
Label: Self-released

Family is in the process of being notified
that the city workers have found their little girl
And sadly, it’s been so hot this summer
that much of it is likely scattered along the bayside

Text­aus­schnitt aus Spo­kane, WA” 

Aba­g­nale“ ist das Debüt der kana­di­schen Band Medieval Found Foo­tage. Sie­ben Tracks umfasst das Album – weni­ger Songs als emo­tio­nale Aus­nah­me­zu­stände. Sper­rig, chao­tisch, dis­so­nant und doch von fas­zi­nie­ren­der Schönheit.

Schroffer Noise-Rock

Schon der monu­men­tale Ope­ner Diluted“ macht klar, dass Medieval Found Foo­tage kei­ner­lei Inter­esse an klas­si­schen Song­struk­tu­ren haben. Aus dis­so­nan­ten Gitar­ren­fi­gu­ren, ner­vös zucken­den Rhyth­men und abrup­ten Dyna­mik­wech­seln ent­wi­ckelt sich ein Stru­del aus Noise Rock, Post-Hard­core, Math Rock und Post-Punk. Sän­ger Kadin Fehr klingt dabei nicht wie jemand, der singt, son­dern wie jemand, der ver­zwei­felt ver­sucht, seine Gedan­ken zu ord­nen, wäh­rend sie ihm bereits ent­glei­ten.
Die Band ver­steht es meis­ter­haft, Span­nung auf­zu­bauen. Immer wie­der ent­ste­hen kurze Momente schein­ba­rer Ruhe, die im nächs­ten Augen­blick von einer Wand aus Feed­back, ver­zerr­ten Gitar­ren und schrof­fen Rhyth­mus­wech­seln zer­schla­gen wer­den. Das erin­nert stel­len­weise an die kom­pro­miss­lose Inten­si­tät der ganz frü­hen Black Coun­try, New Road.

Keine Verschnaufpause

Die meist aus­la­den­den Kom­po­si­tio­nen ver­än­dern stän­dig ihre Gestalt und pen­deln zwi­schen ner­vö­sem Geflüs­ter und erup­ti­ver Gewalt. Gree­ter“ ver­bin­det kan­tige Math-Rock-Figu­ren mit einer bei­nahe para­no­iden Grund­span­nung, wäh­rend Song for a Siren“ über­ra­schend melo­di­sche Momente zulässt, ohne seine emo­tio­nale Schwere abzu­le­gen. Der mit knapp zwei­drei­vier­tel Minu­ten kür­zeste Track, Spo­kane, WA“, gehört zu den ein­dring­lichs­ten Stü­cken der Platte. Mini­ma­lis­tisch auf­ge­baut, ent­fal­tet er eine beklem­mende Atmo­sphäre. Gegen Ende wächst Two Lefts“ zu einem hyp­no­ti­schen Cre­scendo an und bringt die emo­tio­nale Wucht des Albums noch ein­mal auf den Punkt.

Keine Erlösung

Das eigent­li­che Finale ist jedoch das über 13 Minu­ten lange Shark /​Eats /​Man“. Im Gegen­satz zu den vor­he­ri­gen Songs, die oft abrupt zwi­schen Laut und Leise wech­seln, ent­wi­ckelt sich das Stück bei­nahe wie eine Suite. Zunächst domi­niert ein redu­zier­tes Gitar­ren­mo­tiv. Schlag­zeug und Bass blei­ben zurück­hal­tend und geben Kadin Fehrs Stimme viel Raum. Erst nach und nach ver­dich­tet sich das Arran­ge­ment. Die Gitar­ren wer­den dis­so­nan­ter, die Rhyth­mus­gruppe drän­gen­der und der Gesang zuneh­mend unkon­trol­lier­ter. Statt auf einen klas­si­schen Höhe­punkt zuzu­steu­ern, baut die Band über viele Minu­ten eine ste­tig wach­sende Span­nung auf, die sich schließ­lich in einem fast man­tra­ar­ti­gen Finale ent­lädt.
Lyrisch ent­wirft der Song eine Kette aus Ursa­che und Wir­kung: Man kills whale and shark eats man.“ Nie­mand ist wirk­lich unschul­dig, jede Hand­lung zieht neue Kon­se­quen­zen nach sich. Das Bild erin­nert an ein gestör­tes Öko­sys­tem, funk­tio­niert aber vor allem als Meta­pher für zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen. Es ist das per­fekte Finale: Nach all den Aus­brü­chen der ers­ten Stü­cke folgt keine Erlö­sung. Zurück bleibt allein die Erkennt­nis, dass man sich den eige­nen Feh­lern stel­len muss. Iden­ti­täts­krise, Scham, Ver­lust und Selbst­an­klage ver­dich­ten sich hier zu einer aus­ufern­den Kathar­sis – für mich der emo­tio­nal stärkste Moment des Albums.

Anstrengend, aber emotional

Aba­g­nale“ ist ein Debüt, das sich kom­pro­miss­los jeder Hör­ge­wohn­heit ver­wei­gert. Die Pro­duk­tion hält dabei erstaun­lich sou­ve­rän die Balance zwi­schen kon­trol­lier­tem Chaos und Trans­pa­renz. Trotz aller Dis­so­nan­zen bleibt jedes Instru­ment greif­bar, jede Erup­tion besitzt Gewicht. So schaf­fen Medieval Found Foo­tage etwas, woran viele Bands schei­tern: Sie klin­gen extrem, ohne bloß laut sein zu wol­len. Hin­ter der lär­men­den Ober­flä­che steckt eine bemer­kens­werte Ver­letz­lich­keit, die das Album weit über eine bloße Noise-Rock-Demons­tra­tion hin­aus­hebt. Man ver­lässt die­ses Album erschöpft – aber auch mit dem Gefühl, etwas Außer­ge­wöhn­li­ches gehört zu haben.