Memorials

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Das bri­ti­sche Expe­ri­men­tal-Folk- und Psy­che­de­lic-Rock-Duo Memo­ri­als ver­öf­fent­lichte im Okto­ber 2024 sein Debüt­al­bum über Fire Records und hat den­noch bereits eine über­ra­schend lange musi­ka­li­sche Geschichte. Das Duo aus Can­ter­bury besteht aus Verity Sus­man und Matthew Simms – ers­tere kennt man vor allem von der 1998 gegrün­de­ten All-Female-Band Elect­re­lane, die mit ihrem ver­spon­ne­nen, psy­che­de­li­schen Kraut­rock über­zeugte. Matthew Simms wie­derum ist schon lange in ver­schie­de­nen musi­ka­li­schen For­ma­tio­nen aktiv, vor allem jedoch als Mit­glied der bri­ti­schen Post-Punk-Band Wire, der er seit 2010 ange­hört. Ihre gemein­same Schaf­fens­phase begann 2022 mit der Arbeit an den Sound­tracks zu den Doku­men­tar­fil­men Tramps!“ und Women Against The Bomb“. Aus die­ser Auf­trags­kol­la­bo­ra­tion ent­stand Memo­ri­als – ein Pro­jekt, in dem Verity Sus­mans hyp­no­ti­scher Gesang mal kraft­voll, mal sanft über avant­gar­dis­ti­schen, expe­ri­men­tel­len Klang­land­schaf­ten schwebt und den Stü­cken eine beson­dere Inten­si­tät ver­leiht. Dass hin­ter die­sem dich­ten Sound nur ein Duo steckt, ist oft kaum zu glau­ben. Häu­fig wird Memo­ri­als mit Bands wie Ste­reo­lab, Broad­cast oder Can ver­gli­chen – ein Bezug, den die bei­den nach eige­nem Bekun­den gerne zulassen.

Memorials, Memorial Waterslides

Memorials

Memorial Waterslides

Ver­öf­fent­licht: 4. Okto­ber 2025
Label: Fire Records

Turning back to an imaginary hearse
Two white horses pulling towards the door
You’re too late to write the book!

Text­aus­schnitt aus Accep­ta­ble Experience“

Memo­rial Waters­li­des“ ist ein fas­zi­nie­ren­des Klang­ge­webe aus Kraut­rock, Free Jazz, Avant­garde-Folk und expe­ri­men­tel­ler Elec­tro­nica. Der Sound ist sowohl ver­spielt als auch tief­grün­dig – mal melo­disch und ein­la­dend, dann wie­der for­dernd und chao­tisch – und erin­nert dabei an Bands wie Ste­reo­lab, Broad­cast oder auch Sun Ra. Das Album beginnt in vol­ler Psych-Pop-Pracht: Auf Accep­ta­ble Expe­ri­ence“ groo­ven pochende Tape-Loops mit sich duel­lie­ren­den Bass­li­nes, wäh­rend Sus­mans helle Vocals über schwe­ren Far­fisa-Orgel­riffs schwe­ben – ein leich­tes Ste­reo­lab-Fee­ling macht sich breit. Auch Lamp­ligh­ter“ kom­bi­niert pul­sie­rende Loops mit psy­che­de­li­schen Orgel­sounds und moto­ri­schen Rhyth­men. Cut Like A Dia­mond“ hin­ge­gen ver­bin­det Chaos und Melo­die: Moto­ri­sche Per­cus­sion und krei­schende Saxo­phon­sätze for­men ein stür­mi­sches Arran­ge­ment, zu dem sich Sus­man fragt: Is there an end to loneliness?“

Jede Menge Free-Jazz-Schnipsel

Das fol­gende Name Me“ bie­tet einen sel­te­nen Moment stil­ler Intro­spek­tion. Es beginnt wie ein zar­ter Gitar­ren-Folk-Song und endet in einem Free-Jazz-Kol­laps, der vom avant­gar­dis­ti­schen Herz­stück des Albums, Memo­rial Waters­lide II“, auf­ge­grif­fen und aus­ge­dehnt wird – eine Free-Jazz-Klang­kol­lage, die zwi­schen hyp­no­ti­scher Tex­tur und völ­li­ger Auf­lö­sung pen­delt. Mit Book Stall“ kehrt das Album zurück zu klei­nen Pop-Hym­nen, doch auch hier jam­mert und quält ein unter­drück­tes Saxo­phon im Hin­ter­grund. False Landing“ beginnt wie­der freak-jaz­zig, ent­wi­ckelt sich in sei­ner zwei­ten Hälfte aber zu einer groo­vi­gen, leicht ner­vö­sen Jazz-Num­mer. Es folgt Horse Head Pen­cil“, ein ruhi­ger, kur­zer Folk-Song mit schö­nen Kla­vier­ak­kor­den, auf dem Simms die Lead-Vocals über­nimmt. I Have Been Alive“ ver­eint die bei­den zen­tra­len Facet­ten der Band – ver­spon­ne­nes Expe­ri­men­tie­ren und ein fei­nes Gespür für Pop. Der Song ist ange­spannt, unru­hig, bedroh­lich – doch Sus­man erdet das Chaos mit visio­nä­rem Gesang, bis der Track schließ­lich abrupt in einer Klang­wolke ver­schwin­det. Das Album schließt mit dem melan­cho­li­schen The Poli­tics Of Wha­te­ver“, in dem sich Sus­man nüch­tern von einer Romanze ver­ab­schie­det: Let’s not waste any more time on /​Hearta­che /​We’ve both got much bet­ter things to do now.“

Zwischen Spontanität und Arrangement

Trotz sei­ner expe­ri­men­tel­len Aus­flüge bleibt Memo­rial Waters­li­des“ ein bemer­kens­wert zugäng­li­ches Album. Die fein aus­ge­ar­bei­te­ten Song­struk­tu­ren und die melan­cho­lisch-düs­tere Lyrik ver­lei­hen der Platte eine emo­tio­nale Tiefe, die sich erst nach wie­der­hol­tem Hören voll­stän­dig erschließt. Memo­ri­als bewei­sen, dass sie nicht nur musi­ka­li­sche Viel­sei­tig­keit beherr­schen, son­dern auch in der Lage sind, klang­li­che Visio­nen mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit und künst­le­ri­scher Prä­zi­sion umzu­set­zen. Mit die­sem Debüt set­zen Sus­man und Simms ein star­kes Zei­chen – ein Album, das zwi­schen Spon­ta­ni­tät und aus­ge­klü­gel­tem Arran­ge­ment oszil­liert, zwi­schen Pop-Momen­ten und Sound­ex­pe­ri­men­ten, zwi­schen Nost­al­gie und Avant­garde. Memo­ri­als kre­ieren mit Memo­rial Waters­li­des“ wun­der­schöne Musik – ver­träumt und dis­so­zia­tiv, viel­schich­tig und über­ra­schend – auch wenn nicht alles völ­lig neu­ar­tig klingt.