Motorpsycho
8. September 2026 • Zakk, Düsseldorf
Aus meinen heimischen Boxen tönen sie schon seit Jahren immer mal wieder, live gesehen habe ich Motorpsycho allerdings erst einmal. Am 26. Juli 2018, mitten in einer brutalen Hitzewelle. Damals mit Love Machine aus Düsseldorf im Vorprogramm. Heute sind die Norweger wieder hier – diesmal jedoch ohne Support. Eigentlich ganz gut so. Denn bei Motorpsycho weiß man schließlich nie, wann so ein Abend endet. Pünktlich gegen 20 Uhr steht das Quartett auf der Bühne. Erste Überraschung: Hinter dem Schlagzeug sitzt ein Neuer, Stian Westerhus. Befürchtungen sind allerdings völlig unbegründet. Sein kraftvolles, dynamisches Spiel passt hervorragend zum brachialen Bass von Bent Sæther. Zusammen mit Hans Magnus „Snah“ Ryan und Gast-Gitarrist Reine Fiske entsteht vom ersten Ton an dieser typische Motorpsycho-Sound: schwer, psychedelisch, manchmal völlig entfesselt. Mit „Three Frightened Monkeys“ und „The Magic & The Wonder“ geht es ohne große Ansage direkt los. Verwaschene Projektionen flimmern über die Leinwand, während sich Gitarren, Bass und Schlagzeug langsam zu einer gewaltigen Soundwand auftürmen.
Songs? Eher Vorschläge.
Bei Motorpsycho sind Songs ohnehin eher Vorschläge als fertige Tracks. Ein Riff wird wiederholt, gedehnt, auseinandergebaut und irgendwann wieder zusammengesetzt. Aus fünf Minuten werden zehn. Aus einem Stück eine kleine Reise. Wer hier auf den nächsten Song wartet, könnte ungeduldig werden. Mir gefällt’s. Zumindest meistens. Ruhige, fast schwebende Passagen kippen plötzlich in brachiale Ausbrüche. Folk-Melodien treffen auf Prog-Rock, psychedelische Klangflächen auf minutenlange Gitarrensoli. Und immer wieder dieses Gefühl: Jetzt müsste doch eigentlich mal Schluss sein. Ist es aber nicht. Der Höhepunkt kommt im Mittelteil, hier entfachen die Norweger ein wahres Inferno. „Whip That Ghost“ geht in das jazzig-groovende „Kobaïa“ von Magma über, daraus entwickelt sich „This Otherness“, bevor „Hell Pt. 1–3“ endgültig die Prog-Rock-Hölle öffnet. Auf der Leinwand lodert dazu eine riesige Feuerwalze.
Kommunikation? Überbewertet.
Von großen Ansagen hält die Band wenig. Die eigentliche Kommunikation findet zwischen den Musikern statt. Ein Blick, eine kleine rhythmische Verschiebung – und plötzlich biegt die ganze Band in eine andere Richtung ab. Motorpsycho spielen nicht einfach ihr Programm herunter. Sie improvisieren ausufernd und lassen die Musik rollen. Das kann hypnotisch sein, großartig, aber gelegentlich auch ziemlich anstrengend. Nach knapp zwei Stunden kommt mit „All Is Loneliness“ von Moondog eine weitere Coverversion. Aus dem minimalistischen Original machen Motorpsycho einen düsteren Brocken aus psychedelischem Garagenrock, Krautrock und Melancholie. Jetzt müsste eigentlich Feierabend sein. Denkste.
Noch eine halbe Stunde. Natürlich.
Die Zugabe dauert fast noch einmal eine halbe Stunde. „No Evil“, „Hey, Jane“, „Stanley (Tonight’s the Night)“ – und zum Schluss das Monumentalwerk „The Tower“. Noch einmal alles auf Anschlag. Das Set endet mit den Worten „Love is Pure“. Danach gibt es noch ein letztes hartes Riff. Dann ist tatsächlich endgültig Schluss. Auch mit neuem Mann am Schlagzeug haben Motorpsycho nichts von ihrer Live-Magie verloren. Im Gegenteil: Das Zusammenspiel funktioniert traumwandlerisch gut. Trotzdem muss ich gestehen: Bevor ich mich das nächste Mal wieder für eine solche Prog-Hölle anstelle, darf ruhig wieder ein Jahrzehnt vergehen. Ich bin doch kein Hippie!




