Mutiny in Heaven: The Birthday Party
Regie: Ian White
Genre: Dokumentarfilm
Länge: 99 min
Filmstart: 6. Februar 2025
Mit „Mutiny in Heaven: The Birthday Party“ versucht Regisseur Ian White, das exzessive und radikal ungestüme Wesen einer der berüchtigtsten Post-Punk-Bands der 1980er Jahre in 90 Minuten zu fassen. The Birthday Party, hervorgegangen aus den australischen The Boys Next Door, brachten mit ihrem Sound und vor allem ihrer fast selbstzerstörerischen Bühnenpräsenz Chaos und Konfrontation auf ein neues Level. Ihr wütender, unkontrollierter Stil – eine Mischung aus krachenden Gitarren, treibendem Bass und Nick Caves bösartigem Gebrüll – war keine bloße Rebellion als Show, sondern eine bewusste Attacke auf Konventionen und Regeln.
Nick the Stripper
Die Dokumentation zeigt eindrucksvoll, wie sich The Birthday Party in nur wenigen Jahren von Melbourne aus aufmachten, um die Musikwelt in ihren Grundfesten zu erschüttern – und dabei in einem Strudel aus kreativer Anarchie, Armut und Drogen unterzugehen drohten. Regisseur Ian White greift für seine lebendige Erzählung auf umfangreiches Archivmaterial und Live-Mitschnitte zurück. Ergänzt wird dies durch Interviewausschnitte mit den Bandmitgliedern – allen voran Nick Cave, Mick Harvey und dem unvergessenen Rowland S. Howard –, die meist als Voice-over eingebunden sind. Ihre sarkastischen und ehrlichen Rückblicke lassen die Zeiten des Exzesses wiederaufleben, während animierte Sequenzen von Reinhard Kleist Szenen visualisieren, zu denen kein authentisches Material existiert. Einige Zeitgenossen wie Lydia Lunch und Thurston Moore kommen ebenfalls kurz zu Wort. Ein zentrales Element der Doku ist das surreale, verstörende Musikvideo zu „Nick the Stripper“, das den nihilistischen Geist der Band perfekt einfängt. Paul Goldman drehte das Video 1981 auf einer Müllkippe außerhalb von Melbourne – Caves einzige ästhetische Vorgabe: Es sollte sich an der Bildsprache Hieronymus Boschs orientieren. Entsprechend wirkt das Video wie ein fieberhafter Albtraum, eine Mischung aus surrealistischem Horrorfilm und apokalyptischer Vision. Nick Cave, damals noch weit entfernt von seiner heutigen Eleganz, stolpert halb nackt und mit groteskem Make-up durch eine Szenerie voller bizarrer Gestalten. Dieses Video ist ein Paradebeispiel für den künstlerischen Ansatz von The Birthday Party, die sich stets gegen jegliche Konventionen stellten und eine Ästhetik des Verfalls kultivierten. Heute ist es ein legendäres Stück Post-Punk-Geschichte, das eindrucksvoll zeigt, warum The Birthday Party einst als eine der furchteinflößendsten Bands ihrer Zeit galten – einer Zeit, die „Mutiny in Heaven“ perfekt einfängt.
Keine lineare Rock-Doku
White gelingt es über weite Strecken, die explosive Energie der Band auf die Leinwand zu bringen, auch wenn die dokumentarische Struktur mitunter fragmentarisch wirkt. Wer mit The Birthday Party und dem Werk Nick Caves vertraut ist, wird diese Dokumentation begeistert aufsaugen – für Neulinge könnte der Film jedoch eine Herausforderung sein. „Mutiny in Heaven“ ist eben keine klassische Rock-Doku, sondern eine raue Hommage an eine Band, die Musikgeschichte geschrieben hat. Es ist eine mitreißende Erzählung über Aufstieg und Zerfall, die Themen wie Kreativität, Sucht, Ruhm und zwischenmenschliche Konflikte eindrucksvoll einfängt – und dabei viel über den damaligen Zeitgeist verrät. Produziert wurde der Film übrigens von Mick Harvey und Wim Wenders, der als langjähriger Wegbegleiter der Band gilt.