Entschleunigung als Haltung

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Pop-Kultur-Festival
28. August 2025 • Festsaal Kreuzberg, Berlin

Ich freue mich auf Ber­lin: Ich werde mich dort mit alten Freun­den tref­fen und eine gute Zeit haben. Schon bei der Pla­nung ent­de­cke ich, dass gleich zwei Musik­fes­ti­vals ange­kün­digt sind:Ber­lin Ato­nal im Kraft­werk und das sechs­tä­gige Fes­ti­val für Pop­kul­tur, ver­teilt auf meh­rere Loca­ti­ons. Bei mir passt lei­der nur ein Abste­cher in den Fest­saal Kreuz­berg hin­ein, wo auch ein klei­ner Label-Markt statt­fin­det. Das Pro­gramm des Fes­ti­vals klingt ver­lo­ckend: Die Ner­ven, Anika, Die Hei­ter­keit, Efter­klang, Güner Künier, Hen­drik Otremba – alles Namen, die neu­gie­rig machen. Für mich bleibt am Ende nur der Don­ners­tag. Zum Glück: Denn genau da tritt Fast­mu­sic auf, des­sen Debüt­al­bum„I Want To Love, And I Love“ von 2024, das ich schwer gefei­ert habe.

Ein etwas holpriger Start

Klei­ner Mann in gro­ßer Stadt: Auf dem Weg zum Fest­saal Kreuz­berg erwi­sche ich zunächst die fal­sche Bahn – fal­sche Rich­tung. End­lich ange­kom­men, streife ich über den Label-Markt mit sei­nen inter­es­san­ten Aus­stel­lern – und warte auf den Leip­zi­ger Musi­ker Bela Fast, bes­ser bekannt als Fast­mu­sic. Der Name ist Irre­füh­rung und Pro­gramm zugleich. Bela Fast, Leip­zi­ger Musi­ker und Kopf des Pro­jekts, ver­wei­gert sich der nahe­lie­gen­den Asso­zia­tion von Geschwin­dig­keit. Statt Tempo lie­fert er wohl­klin­gen­den, ruhi­gen Mini­ma­lis­mus. Wegen des Wet­ters ver­legt er sein Set vom Bier­gar­ten in den Fest­saal. Als ich das bemerke, ist der erste Song schon vor­bei. Nun aber: Sanfte Drum­com­pu­ter, eine im Blues ver­wur­zelte Gitarre und Fasts äthe­ri­scher Fal­sett­ge­sang ent­fal­ten hyp­no­ti­sche, träu­me­ri­sche Klang­land­schaf­ten im nur mäßig gefüll­ten Saal. Fast­mu­sic setzt ganz auf Reduk­tion. Nicht Laut­stärke, Ver­zer­rung oder Feed­back domi­nie­ren, son­dern feine klang­li­che Details. 

Reduziert auch die Publikumsansprache

Auch seine Büh­nen­prä­senz ist zurück­hal­tend. Fast­mu­sic bewegt sich fast scheu über die Bühne, ver­deckt von Haa­ren, die sein Gesicht unsicht­bar machen. Kom­mu­ni­ka­tion fin­det aus­schließ­lich via Pro­jek­tion statt – kurze Sätze in weiß auf schwarz: omg – ich bin so lang­sam im Tip­pen“. Eine iro­ni­sche Fuß­note, die zugleich prä­zise auf die Ästhe­tik ver­weist: Zurück­hal­tung, Reduk­tion, Verweigerung.

Minimalistischer Pop mit Wüstenblues

Drum­ma­chine, Loops und Gitarre tra­gen die Stü­cke, auch aus­ufernde Soli ent­ste­hen, doch ohne jede Rock­pose. Die Per­for­mance wirkt ent­rückt, ent­schleu­nigt und gerade das macht sie so beson­ders. Wie das Album, dau­ert auch das Kon­zert kaum län­ger als 45 Minu­ten. Nach dem rhyth­misch-melo­di­schen Super­man“ fragt Fast­mu­sic per Bea­mer: Wie­viel Zeit habe ich noch?“ – genug für ein Finale mit Dancing In The Sun“, gekrönt von einem lan­gen, glas­kla­ren Gitarrensolo.

Ein gemischter Abend

Nach kur­zem Umbau folgt die fran­zö­sisch-kuba­ni­sche Neo-Soul-Künst­le­rin Char­lotte Colace mit sechs­köp­fi­ger Band. Ihr Sound ist kraft­voll, groo­vig und per­fekt abge­stimmt – aber der Retro-Soul der 60er liegt mir schlicht nicht. Statt­des­sen gönne ich mir im nahen Frei­schwim­mer einen Hall­o­umi-Bur­ger. Zurück im Fest­saal dann die nächste kleine Ernüch­te­rung: Der ange­kün­digte Auf­tritt von Label­chef und Die-Türen-Musi­ker Mau­rice Sum­men ent­puppt sich als DJ-Set, gemein­sam mit VUT-Geschäfts­füh­rer Jörg Hei­de­mann. Nett, aber nichts, was mich lange hält. Dafür braucht’s Gesell­schaft. Trotz allem: Für Fast­mu­sic hat sich der Abend gelohnt. Das Kon­zert im Fest­saal Kreuz­berg zeigt, wie sehr Reduk­tion zur Hal­tung wer­den kann. Keine Geschwin­dig­keit, kein Spek­ta­kel, kein Über­fluss – statt­des­sen das Ange­bot einer ande­ren Wahr­neh­mung von Zeit. Inmit­ten zweier Fes­ti­vals, die sich im Über­maß defi­nie­ren, ist ein wahr­lich radi­ka­ler Akt.