Sirāt
Regie: Óliver Laxes
Besetzung: Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid, Stefania Gadda, Joshua L. Henderson, Tonin Janvier, Richard Ballamy
Länge: 115 min
Filmstart: 14. August 2025
Óliver Laxes neuer Film „Sirāt“ (2025) beginnt wie ein Roadmovie, aber schon die ersten Bilder lassen ahnen, dass er in eine andere Sphäre drängt. Luis (Sergi López) und sein zwölfjähriger Sohn Esteban (Bruno Núñez) sind auf der Suche nach Mar, Tochter und Schwester, die spurlos verschwunden ist. Ihre Fahrt durch die marokkanische Wüste ist eine Suche, doch zugleich immer auch ein Abgleiten: hinaus aus der Logik der Welt, hinein in ein Ritual.
Von der Suche zum Ritual
Sie schließen sich einer Gruppe anarchischer Raver an, die mit Lastwagen und Vans das Atlasgebirge durchqueren. Ziel ist ein verbotener Rave an der Südgrenze Marokkos, ein Fest, das Luis und Esteban Hoffnung gibt, Mar dort wiederzusehen. Doch je weiter sie vordringen, desto deutlicher verwandelt sich die Fahrt in einen Weg ins Unbestimmte.
Die Brücke ins Ungewisse
Der Titel selbst ist ein Programm. „Sirāt“ – in der islamischen Eschatologie „die Brücke, die Himmel und Hölle verbindet, so dünn wie ein Haar, so scharf wie ein Messer“, wie der Vorspann aufklärt. Schon diese Metapher legt fest, dass es hier nicht um Realismus geht, sondern um eine Prüfung, einen Übergang, ein Schweben zwischen Welten. Laxe übersetzt das Bild in filmische Bewegung: Die Figuren gehen über eine Schwelle, die sie selbst nicht erkennen können, und das Kino zwingt uns, diesen Gang mitzugehen.
Figuren ohne Maske
Die Reise, die wir sehen, verweigert sich psychologischer Plausibilität. Es gibt keine Rückblenden, keine Erklärungen, keine Motivationen. Der angedeutete Dritte Weltkrieg bleibt Schatten an der Wand. Luis, Esteban, die Raver – sie alle wirken wie Maskenlose, bloße Körper im Raum, die von einer unsichtbaren Schwerkraft geführt werden. Schmerz, Stille, Ekstase – das sind die Register, in denen sich ihre Existenz niederschlägt.
Der Rave als Transzendenz
Laxe benutzt das Rave-Setting nicht als grell schillernde Kulisse, sondern als modernes Ritual. Musik ersetzt nicht einfach eine spirituelle Erfahrung – sie ist diese Erfahrung. Wenn die Beats einsetzen, wenn Wind, Motoren, Stimmen und Fieldrecordings ineinanderlaufen, verwandelt sich die Wüste in einen Resonanzkörper. Die Landschaft hallt, dehnt sich ins Unendliche, wird selbst zum akustischen Ereignis.Die Bilder scheinen vom Sound hervorgebracht, die Musik wirkt wie ein hörbar gewordenes Bild. Das Kino selbst gerät in Trance, als ob es den eigenen Rahmen sprengen müsste.
Klang als Schicksal
Die Musik von Kangding Ray (David Letellier) ist daher nicht Begleitung, sondern Schicksal. Seine kompromisslose Audiogestaltung trägt die Dramaturgie des Films, lässt ihn überhaupt erst entstehen. Es ist nur folgerichtig, dass dieser Score den Cannes Soundtrack Award erhielt – als Anerkennung für eine Arbeit, die weniger unterlegt als vielmehr den Film selbst hervorbringt.
Ein cineastischer Balance-Akt
„Sirāt“ ist weniger Erzählkino als cineastisches Ritual. Wer sich auf den trancehaften Flow von Bild und Ton einlässt, erlebt eine Ausnahmeerfahrung. Wer nach Figuren, Narration oder emotionaler Verbindlichkeit sucht, bleibt außen vor.