SML ist ein US-amerikanisches Quintett aus Los Angeles, bestehend aus der Bassistin Anna Butterss, dem Synthesizerspieler Jeremiah Chiu, dem Saxophonisten Josh Johnson, dem Schlagzeuger Booker Stardrum (sic!) sowie dem Gitarristen Gregory Uhlmann. Sie sind alle miteinander vernetzt und arbeiten in verschiedenen Konstellationen über Kreuz zusammen. Ihre unterschiedlichen Erfahrungen führen automatisch zu neuen Ergebnissen und einer ganz eigenen Dynamik. Die Band arbeitet mit einem erweiterten Instrumentarium aus Bläsern, Gitarre, Bass, Schlagzeug und elektronischer Bearbeitung – klassische Rollen lösen sich dabei zugunsten eines kollektiven Klangverständnisses auf. Avant-Jazz, elektronische Musik, Krautrock und freie Improvisation bilden die Eckpfeiler ihres Sounds. Zentral ist dabei stets der Live-Moment. Das Buchstabenkürzel SML (Small Medium Large) verweist einerseits auf die flexible Besetzung des Ensembles, deren Zusammensetzung und Größe je nach Kontext variieren kann. Andererseits beschreibt der Name die Arbeitsweise der Band: Improvisierte Liveaufnahmen werden im Studio dekonstruiert, neu zusammengesetzt und zu kohärenten Albumformaten verdichtet – aus „kleinen“ Momenten entsteht etwas „Größeres“. So wurde auch das Debütalbum „Small Medium Large“ bei den ersten Auftritten der Band in der ehemaligen Enfield Tennis Academy (ETA) in Los Angeles Ende 2022 und Anfang 2023 aufgenommen und im darauffolgenden Jahr postproduziert. Die ETA gilt als wichtiger Treffpunkt der lokalen Improvisationsszene – nicht zuletzt, weil dort auch Gitarrist Jeff Parker regelmäßig auftritt.
Auch das zweite Album von SML, „How You Been“, entstand – wie bereits das Debüt – durch umfangreiche Postproduktion diverser Live-Aufnahmen. Während der Erstling „Small Medium Large“ noch aus analogen Bändern weniger Shows im legendären Veranstaltungsort ETA zusammengesetzt wurde, konnte die Band diesmal auf einen deutlich größeren Pool an Quellmaterial zurückgreifen. Mit dem Erfolg des ersten Albums wuchsen Souveränität und Spielwitz, und die Shows Ende 2024 und Anfang 2025 wurden gezielt als kreative Gelegenheit genutzt, den eigenen Sound weiter zu verfeinern und festzuhalten. Jede dieser Performances begann ohne festgelegte musikalische Richtung: improvisiert, intuitiv, offen. SML sammelten Aufnahmen aus Shows in vier Städten, schichteten, bearbeiteten und rekombinierten das Material zu einem dichten, vielschichtigen Ganzen. Diese Methode erzeugt eine Klangwelt, die zugleich roh und unmittelbar, aber auch kunstvoll moduliert wirkt – jedes Stück entfaltet sich wie ein eigener Kosmos.
Studio als Instrument
Während andere Bands versuchen, mit Live-Mitschnitten den Sound eines Konzerts möglichst authentisch zu dokumentieren, nutzen SML ihre Aufnahmen als Ausgangsmaterial für zukünftige Musik. Die exzessive Nachbearbeitung wird selbst zum kreativen Werkzeug. Das Ergebnis ist ein Sound, der auf Albumlänge hervorragend funktioniert: organisch und fragmentiert zugleich, physisch und abstrakt. SML entwickeln hier eine eigenständige musikalische Sprache, die mit der Zeit sicher Nachahmer finden wird.
Tracks zwischen Irritation und Sog
Das anderthalbminütige Intro „Gutteral Utterance“ fungiert wie ein Portal in ein neues, skurriles Audio-Universum: verzerrte Töne, glitschige Effekte und eine zersplitterte Bassstruktur machen sofort klar, dass es sich hier nicht um ein konventionelles Jazz-Album handelt. Ein irritierender Einstieg – doch gerade dadurch sind die Sinne für das Folgende geschärft. Der anschließende Track „Chicago Four“ fesselt mit hypnotischem Groove, perkussiven Mustern und einer treibenden Basslinie. Gregory Uhlmanns Gitarrengestotter und Josh Johnsons verzerrte Saxofon-Akzente verleihen dem Stück seine charakteristische, fast psychedelische Energie. Auch „Taking Out the Trash“ überzeugt: ein irrsinniges Saxofon-Solo trifft auf funkige Dynamik, eine enorm stabile rhythmische Basis und akzentuiertes Drumming – extrem lebendig, roh und mitreißend. Ein weiteres Highlight ist „Moving Walkway“: ein Track wie der Soundtrack zu einer nächtlichen Fahrt durch eine Neonstadt – krautig, schwerelos, repetitiv und gleichzeitig überraschend lebendig. Zum Albumfinale tauchen tatsächlich kurz Vocals auf: ein gesprochener Satz am Anfang – „Can we dim the lights?“ – und am Ende des Tracks Applaus. Ein dezenter, aber wirkungsvoller Hinweis darauf, dass all diese Klänge aus realer Interaktion und konkreten Live-Situationen entstanden sind.
Mut zur Offenheit
„How You Been“ verlangt Aufmerksamkeit, Neugier und Geduld. Wer Genregrenzen liebt – oder sie hinter sich lassen möchte – und sich auf klangliche Experimente einlässt, findet hier eines der spannendsten und überraschendsten Alben seiner Art. Die Tracks bewegen sich zwischen Groove und Abstraktion, zwischen physischer Energie und digitaler Fragmentierung. Während elektronische Musik und Jazz oft getrennt voneinander gedacht werden, zeigen SML, wie beides gleichzeitig atmen kann: roh, kompositorisch mutig und getragen von einem kollektiven Bewusstsein, das weit über übliche Stilgrenzen hinausreicht.


