SML

Durch­schnitt­li­che Lese­dauer 3 Minu­ten

SML ist ein US-ame­ri­ka­ni­sches Quin­tett aus Los Ange­les, bestehend aus der Bas­sis­tin Anna But­terss, dem Syn­the­si­zer­spie­ler Jere­miah Chiu, dem Saxo­pho­nis­ten Josh John­son, dem Schlag­zeu­ger Boo­ker Star­d­rum (sic!) sowie dem Gitar­ris­ten Gre­gory Uhl­mann. Sie sind alle mit­ein­an­der ver­netzt und arbei­ten in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen über Kreuz zusam­men. Ihre unter­schied­li­chen Erfah­run­gen füh­ren auto­ma­tisch zu neuen Ergeb­nis­sen und einer ganz eige­nen Dyna­mik. Die Band arbei­tet mit einem erwei­ter­ten Instru­men­ta­rium aus Blä­sern, Gitarre, Bass, Schlag­zeug und elek­tro­ni­scher Bear­bei­tung – klas­si­sche Rol­len lösen sich dabei zuguns­ten eines kol­lek­ti­ven Klang­ver­ständ­nis­ses auf. Avant-Jazz, elek­tro­ni­sche Musik, Kraut­rock und freie Impro­vi­sa­tion bil­den die Eck­pfei­ler ihres Sounds. Zen­tral ist dabei stets der Live-Moment. Das Buch­sta­ben­kür­zel SML (Small Medium Large) ver­weist einer­seits auf die fle­xi­ble Beset­zung des Ensem­bles, deren Zusam­men­set­zung und Größe je nach Kon­text vari­ie­ren kann. Ande­rer­seits beschreibt der Name die Arbeits­weise der Band: Impro­vi­sierte Live­auf­nah­men wer­den im Stu­dio dekon­stru­iert, neu zusam­men­ge­setzt und zu kohä­ren­ten Alb­um­for­ma­ten ver­dich­tet – aus klei­nen“ Momen­ten ent­steht etwas Grö­ße­res“. So wurde auch das Debüt­al­bum Small Medium Large“ bei den ers­ten Auf­trit­ten der Band in der ehe­ma­li­gen Enfield Ten­nis Aca­demy (ETA) in Los Ange­les Ende 2022 und Anfang 2023 auf­ge­nom­men und im dar­auf­fol­gen­den Jahr post­pro­du­ziert. Die ETA gilt als wich­ti­ger Treff­punkt der loka­len Impro­vi­sa­ti­ons­szene – nicht zuletzt, weil dort auch Gitar­rist Jeff Par­ker regel­mä­ßig auftritt.

SML, How You Been

SML
How You Been

Ver­öf­fent­licht: 07. Novem­ber 2025
Label: Inter­na­tio­nal Anthem 

Auch das zweite Album von SML, How You Been“, ent­stand – wie bereits das Debüt – durch umfang­rei­che Post­pro­duk­tion diver­ser Live-Auf­nah­men. Wäh­rend der Erst­ling Small Medium Large“ noch aus ana­lo­gen Bän­dern weni­ger Shows im legen­dä­ren Ver­an­stal­tungs­ort ETA zusam­men­ge­setzt wurde, konnte die Band dies­mal auf einen deut­lich grö­ße­ren Pool an Quell­ma­te­rial zurück­grei­fen. Mit dem Erfolg des ers­ten Albums wuch­sen Sou­ve­rä­ni­tät und Spiel­witz, und die Shows Ende 2024 und Anfang 2025 wur­den gezielt als krea­tive Gele­gen­heit genutzt, den eige­nen Sound wei­ter zu ver­fei­nern und fest­zu­hal­ten. Jede die­ser Per­for­man­ces begann ohne fest­ge­legte musi­ka­li­sche Rich­tung: impro­vi­siert, intui­tiv, offen. SML sam­mel­ten Auf­nah­men aus Shows in vier Städ­ten, schich­te­ten, bear­bei­te­ten und rekom­bi­nier­ten das Mate­rial zu einem dich­ten, viel­schich­ti­gen Gan­zen. Diese Methode erzeugt eine Klang­welt, die zugleich roh und unmit­tel­bar, aber auch kunst­voll modu­liert wirkt – jedes Stück ent­fal­tet sich wie ein eige­ner Kosmos.

Studio als Instrument

Wäh­rend andere Bands ver­su­chen, mit Live-Mit­schnit­ten den Sound eines Kon­zerts mög­lichst authen­tisch zu doku­men­tie­ren, nut­zen SML ihre Auf­nah­men als Aus­gangs­ma­te­rial für zukünf­tige Musik. Die exzes­sive Nach­be­ar­bei­tung wird selbst zum krea­ti­ven Werk­zeug. Das Ergeb­nis ist ein Sound, der auf Album­länge her­vor­ra­gend funk­tio­niert: orga­nisch und frag­men­tiert zugleich, phy­sisch und abs­trakt. SML ent­wi­ckeln hier eine eigen­stän­dige musi­ka­li­sche Spra­che, die mit der Zeit sicher Nach­ah­mer fin­den wird.

Tracks zwischen Irritation und Sog

Das andert­halb­mi­nü­tige Intro Gut­te­ral Utterance“ fun­giert wie ein Por­tal in ein neues, skur­ri­les Audio-Uni­ver­sum: ver­zerrte Töne, glit­schige Effekte und eine zer­split­terte Bass­struk­tur machen sofort klar, dass es sich hier nicht um ein kon­ven­tio­nel­les Jazz-Album han­delt. Ein irri­tie­ren­der Ein­stieg – doch gerade dadurch sind die Sinne für das Fol­gende geschärft. Der anschlie­ßende Track Chi­cago Four“ fes­selt mit hyp­no­ti­schem Groove, per­kus­si­ven Mus­tern und einer trei­ben­den Bass­li­nie. Gre­gory Uhl­manns Gitar­ren­ge­stot­ter und Josh John­sons ver­zerrte Saxo­fon-Akzente ver­lei­hen dem Stück seine cha­rak­te­ris­ti­sche, fast psy­che­de­li­sche Ener­gie. Auch Taking Out the Trash“ über­zeugt: ein irr­sin­ni­ges Saxo­fon-Solo trifft auf fun­kige Dyna­mik, eine enorm sta­bile rhyth­mi­sche Basis und akzen­tu­ier­tes Drum­ming – extrem leben­dig, roh und mit­rei­ßend. Ein wei­te­res High­light ist Moving Walk­way“: ein Track wie der Sound­track zu einer nächt­li­chen Fahrt durch eine Neon­stadt – krau­tig, schwe­re­los, repe­ti­tiv und gleich­zei­tig über­ra­schend leben­dig. Zum Alb­um­fi­nale tau­chen tat­säch­lich kurz Vocals auf: ein gespro­che­ner Satz am Anfang – Can we dim the lights?“ – und am Ende des Tracks Applaus. Ein dezen­ter, aber wir­kungs­vol­ler Hin­weis dar­auf, dass all diese Klänge aus rea­ler Inter­ak­tion und kon­kre­ten Live-Situa­tio­nen ent­stan­den sind.

Mut zur Offenheit

How You Been“ ver­langt Auf­merk­sam­keit, Neu­gier und Geduld. Wer Gen­re­gren­zen liebt – oder sie hin­ter sich las­sen möchte – und sich auf klang­li­che Expe­ri­mente ein­lässt, fin­det hier eines der span­nends­ten und über­ra­schends­ten Alben sei­ner Art. Die Tracks bewe­gen sich zwi­schen Groove und Abs­trak­tion, zwi­schen phy­si­scher Ener­gie und digi­ta­ler Frag­men­tie­rung. Wäh­rend elek­tro­ni­sche Musik und Jazz oft getrennt von­ein­an­der gedacht wer­den, zei­gen SML, wie bei­des gleich­zei­tig atmen kann: roh, kom­po­si­to­risch mutig und getra­gen von einem kol­lek­ti­ven Bewusst­sein, das weit über übli­che Stil­gren­zen hinausreicht.