Tanya Tagaq ist eine kanadische Inuk-Künstlerin, Sängerin, Komponistin und Autorin aus Cambridge Bay im kanadischen Nunavut. Bereits im Alter von 15 Jahren beginnt sie erstmals mit dem Kehlkopfsingen. Im Zuge eines Kunststudiums entwickelt sie eine einzigartige Variante: Aus dem ursprünglich zweistimmigen, perkussiven Inuitgesang entwickelt sie am Nova Scotia College of Art and Design ihre eigene Soloform des Inuit-Halsgesangs. Eine radikale Weiterentwicklung des traditionellen Kehlkopfgesangs katajjaq, den sie mit Elementen aus Avantgarde, Elektronik, Metal und experimenteller Musik verbindet. Bekannt wird sie durch ihren prägenden Beitrag zu Björks stimmbasierten A‑capella-Album „Medúlla“ (2004). Für ihr 2014 erschienenes Album Animism erhielt sie den Polaris Music Prize; seither arbeitet sie regelmäßig mit Künstlern wie Björk, Kronos Quartet und Solomon „Sol“ Lee zusammen. In ihrer Musik verbindet Tagaq persönliche Erfahrungen mit Themen wie indigener Identität, Kolonialismus, Gewalt und der Zerstörung der arktischen Lebenswelt. So positioniert sie sich etwa klar gegen ein generelles Verbot der Robbenjagd auf Jungtiere. Diese Jagd geschehe in Einklang mit der Natur und den jahrtausendealten Inuittraditionen, sagt sie. Die kanadische Regierung habe ebenso wenig ein Recht, sich in diese Lebensweise einzumischen wie Tierrechtler: „PETA can kiss my motherfucking ass!“ Während der Preisverleihung weist die Aktivistin außerdem auf mehr als tausend ungeklärte Fälle von verschwundenen indigenen Frauen hin.
Textausschnitt aus „Foxtrot“Hit and run
Foxtrot Uniform Charlie Kilo Yankee Oscar Uniform
(FUCK YOU)
We don’t wanna go down with your ship
Tanya Tagaq macht auf „Saputjiji“ keine Musik zum Nebenbeihören. Ihr siebtes Album trägt einen Titel aus dem Inuktitut, der sich sinngemäß mit „Beschützer“ oder „Beschützerin“ übersetzen lässt. Mit ihrer Kunst und ihrem traditionellen Kehlkopfgesang setzt sich Tagaq gegen koloniale Unterdrückung, die Zerstörung indigener Lebensräume und den Klimawandel ein. Der Gedanke des Beschützens wird dabei zum Symbol für Widerstand und kulturelle Bewahrung. Daher klingt klingt das Album wie Notruf und Kriegserklärung zugleich. Zwischen Inuit-Kehlkopfgesang, Industrial, Elektronik, Metal und Spoken Word entsteht Musik über Krieg, Gewalt, Kolonialismus und Verlust – brutal und zugleich überraschend verletzlich.
Musik als körperliche Erfahrung
Schon der Opener „Fuck War“ macht klar, dass dies hier kein klassisches Protestalbum ist. Die Botschaft formuliert Tagaq mit einer fast körperlich klingenden Stimme: simpel, direkt und kompromisslos. Der radikale Avantgarde-Track hämmert industriell, während Tagaq ihren charakteristischen gutturalen Kehlgesang wie ein wütendes Mantra immer wieder gegen die Musik stemmt. Dazu kommen Schreie, Atemgeräusche und ein rhythmisches Dröhnen. Dabei ist ihre Stimme nicht einfach Gesang. Sie ist Instrument, Geräusch und körperlicher Widerstand zugleich.
Auch zarte Töne
Umso erstaunlicher ist der Wechsel, den „When They Call“ vollzieht. Streicher und Tagaqs Stimme erzeugen eine beinahe zarte, tieftraurige Atmosphäre. Der Song beschäftigt sich mit der hohen Suizidrate in Inuit-Gemeinschaften – und Tagaq begegnet diesem Thema nicht mit Pathos, sondern mit einer erschütternden Intimität. Vielleicht sind es gerade diese Momente, in denen das Album seine größte Wirkung entfaltet: nicht wenn es am aggressivsten ist, sondern wenn es seine Verletzlichkeit offenlegt.
Wut und Verletzlichkeit
Auch „Exit Wound“ schlägt zunächst einen überraschend sanften Ton an. Elektronische Störungen ziehen durch einen weichen Klangteppich, darüber schwebt Tagaqs Stimme, während sich ein sparsamer Groove langsam durch den Song bewegt. Das Stück wirkt beinahe ätherisch, stellenweise sogar sakral. „Black Boots“ verbindet dagegen schwere Atemgeräusche und tiefe Drones mit einer düsteren, beinahe technoiden Struktur.Tagaq lässt Härte und Zärtlichkeit, Aggression und Trauer nebeneinander stehen. Das macht die Platte nicht leichter zugänglich, aber menschlicher – und letztlich auch eindringlicher.
Poetisch und sinnlich
Viele Texte greifen auf Material aus Tagaqs Buch „Split Tooth“ zurück. Dadurch bekommt das Album eine literarische Ebene, die über den unmittelbaren politischen Kommentar hinausweist. Gewalt, Kolonialismus, Körper, Sexualität, Mutterschaft, Natur und Tod erscheinen nicht als voneinander getrennte Themen, sondern als miteinander verbundene Erfahrungen.
Überwältigender Sound
Musikalisch bleibt „Saputjiji“ dabei ständig in Bewegung. Spoken Word trifft auf elektronische Skizzen, Industrial auf traditionelle Gesangstechniken, aggressive Ausbrüche auf langgezogene, brodelnde Klangflächen. Nicht jede Verbindung funktioniert gleichermaßen überzeugend. Dennoch: Manchmal reicht ein tiefes Dröhnen, ein Atemzug oder eine verzerrte elektronische Struktur, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Und dann ist da diese Stimme. Sie klingt archaisch und futuristisch zugleich. Sie kann schreien, knurren, flüstern, keuchen und singen – und macht aus all diesen Ausdrucksformen eine Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Man muss sich allerdings darauf einlassen, auf die Brüche, die Dunkelheit und die ungewohnten Klangwelten. Tut man das, wird aus dem zunächst überwältigenden Sound eine Musik, die einen nicht in Ruhe lässt.


