,

The Drin

ca. 3 Minu­ten

The Drin stam­men aus Cin­cin­nati, Ohio, und ent­stan­den 2020 zunächst als Solo­pro­jekt von Dylan McCart­ney. Allein der Name des Band­grün­ders ist schon eine hüb­sche Laune der Pop­ge­schichte: Dylan McCart­ney – zwei groß­ar­tige Musi­ker in einer Per­son, zumin­dest dem Namen nach. Aus den frü­hen, im hei­mi­schen Dach­bo­den zusam­men­ge­bau­ten Auf­nah­men ent­wi­ckelte sich schnell eine feste Band mit sechs Mit­glie­dern, zu denen auch Musi­ker der Band The Serfs gehö­ren. Seit ​„Far Out Kicking“ (2020) haben The Drin ihren Sound kon­ti­nu­ier­lich erwei­tert. Was zunächst stark nach schrä­gem Mid­west-Post-Punk klang, ist inzwi­schen ein eigen­wil­li­ger Klang­kos­mos aus Post-Punk, Kraut­rock, Garage, Psy­che­de­lia, Gothic und Dub. Saxo­fon, Syn­the­si­zer, Bouz­ouki und kan­tige Gitar­ren gehö­ren ebenso dazu wie die leicht ver­rot­tete Atmo­sphäre, die ihre Musik so unver­wech­sel­bar macht. Mit ​„Today My Fri­end You Drunk the Venom“ (2023), ​„Elude the Torch“ (2024) und nun ​„I Lost My Way For Cen­tu­ries“ haben The Drin diese musi­ka­li­sche Welt immer wei­ter geöff­net, ohne dabei ihren ver­schro­be­nen Under­ground-Charme einzubüßen.

The Drin, I Lost My Way For Centuries

The Drin

I lost my Way for Centuries

Ver­öf­fent­licht: 18. Sep­tem­ber 2026 
Label: Feel It Records

„It’s not a mistake/​I was born too late/It’s just my fate“

Text­aus­schnitt aus ​„Pro­phets of Doom“

Mit 23 Songs und rund 75 Minu­ten hat ​„I Lost My Way For Cen­tu­ries“ eigent­lich genug Mate­rial für zwei Alben. Statt­des­sen packen The Drin gefühlt ein hal­bes Jahr­hun­dert Musik­ge­schichte in eine ein­zige Ver­öf­fent­li­chung: Post-Punk, Kraut­rock, Psych, Dub, Garage, Folk und ein biss­chen Gothic-Ame­ri­cana fin­den hier zusam­men. Und für ein der­art breit gefä­cher­tes Album gibt es bemer­kens­wert wenig Über­flüs­si­ges. Das Ergeb­nis klingt ent­spre­chend eigen­wil­lig – und ver­dammt gut.

Kein Stillstand, nur Abzweigungen

Auf aus­ge­dehnte Noise-Expe­ri­mente oder freie Jams ver­zich­ten The Drin weit­ge­hend. Statt­des­sen kon­zen­trie­ren sie sich stär­ker auf kom­pakte Pop­songs, behal­ten dabei aber den impro­vi­sa­to­ri­schen und wan­dern­den Geist der Band bei. Ein Teil des Geheim­nis­ses ist die größ­ten­teils orga­ni­sche Instru­men­tie­rung: Gitar­ren, Schlag­zeug, Blech­blä­ser, Shaker und gele­gent­lich Bouz­ouki. Der andere ist Dylan McCart­neys Stimme. Kein gro­ßer Sän­ger im klas­si­schen Sinne, eher ein ver­schro­be­ner Erzäh­ler, der seine Geschich­ten irgendwo zwi­schen Sprech­ge­sang, gelang­weil­tem Nuscheln und plötz­lich auf­bre­chen­dem Rock’n’Roll vor­trägt. Das passt per­fekt zu die­ser Musik. Mal schleppt sich ein Song wie ein ange­schla­ge­ner Blues durch die Gegend, dann setzt ein moto­ri­scher Beat ein oder das Saxo­fon über­nimmt und zieht alles in eine völ­lig andere Rich­tung. The Drin sprin­gen stän­dig zwi­schen Zei­ten und Sti­len hin und her – und genau des­halb passt der Titel des Albums so gut.

Verirrt durch die Musikgeschichte

Hier wird keine bestimmte Ver­gan­gen­heit mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu nach­ge­baut. Die Musik klingt eher wie die Erin­ne­rung an Musik, deren Her­kunft man nicht mehr genau bestim­men kann. Musi­ka­li­sche Fund­stü­cke aus ver­schie­de­nen Epo­chen tref­fen auf ein zeit­ge­nös­si­sches Gefühl von Unbe­ha­gen. The Drin haben sich ver­irrt – durch Jahr­zehnte Musik­ge­schichte, durch Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. Und man lässt sich nur zu gerne mit hin­ein­zie­hen. Man lässt sich vom stoi­schen Groove von ​„Can­nery Action“ trei­ben, träumt zum kaput­ten Folk von ​„Moths to the Light“ oder sin­niert zum krau­ti­gen Space-Rocker ​„The Cell“.

Zwischen Erschöpfung und Aufbruch

The­ma­tisch bleibt es dun­kel. Ver­fall, Ent­frem­dung, Doom­scrol­ling und das Gefühl, in einer ziem­lich merk­wür­di­gen Gegen­wart fest­zu­ste­cken, zie­hen sich durch die Platte. Aller­dings haben The Drin ihre Depres­sion offen­bar mit etwas Humor ange­rei­chert. ​„Spent“ ver­wan­delt totale Erschöp­fung in einen läs­si­gen Dub-Groove, ​„Bozo Theatre“ kommt trotz sei­ner melan­cho­li­schen Grund­stim­mung fast schon ver­spielt daher. The Drin kön­nen über Unter­gang und Ver­lo­ren­heit sin­gen und dabei trotz­dem einen ver­dammt guten Song schrei­ben.
Beson­ders schön wird das auf ​„I’m Not the Door“. Psy­che­de­li­sche Gitar­ren und ver­träumte Melo­dien ver­bin­den sich hier zu einem bei­nahe schwe­ben­den Stück Musik. Für eine Band, die einst ziem­lich tief im Post-Punk-Sumpf steckte, ist das eine erstaun­li­che Öff­nung des eige­nen Klang­bilds. Einen gro­ßen Anteil daran hat das sub­tile und ver­füh­re­ri­sche Saxo­fon von Eric Diet­rich. Er schafft es, die Stim­mung eines Songs all­mäh­lich zu ver­än­dern, ohne dass dafür gleich das kom­plette Arran­ge­ment auf links gedreht wer­den muss.

„In hard times, I will create“, heißt es in ​„Come and See V3“. Viel bes­ser lässt sich das Prin­zip von The Drin kaum zusam­men­fas­sen. Ich ver­liere mich jeden­falls ziem­lich gerne in die­ser fas­zi­nie­ren­den Mischung aus kaput­tem Post-Punk, psy­che­de­li­schem Rock, Folk und Kraut. Musik für Men­schen, die sich gerne ver­ir­ren – und dabei nicht auf den Weg­wei­ser achten.