Ohne uns seid ihr nichts“

ca. 2 Minu­ten

Für sein Lebenswerk erhielt Tom Yorke die Fellowship der The Ivors Academy. Doch statt Rückschau und Selbstbeweihräucherung gab es eine Grundsatzrede über Kreativität, Risiko und die Zukunft der Musik.

Bei den dies­jäh­ri­gen Ivor Novello Awards nutzte Thom Yorke eine der höchs­ten Ehrun­gen des bri­ti­schen Song­wri­tings nicht für eine gewöhn­li­che Dan­kes­rede. Statt­des­sen hielt der Radio­head-Front­mann eine lei­den­schaft­li­che Abrech­nung mit einer Musik­in­dus­trie, die sei­ner Ansicht nach zuneh­mend den Blick für ihre wich­tigste Res­source ver­liert: Künstler.

Das pochende Herz der Musik“

Schon zu Beginn machte Yorke deut­lich, worum es ihm geht. Jede Gene­ra­tion habe das Recht, gegen das Busi­ness zu rebel­lie­ren und ihm die Nase zu zei­gen“. Junge Musi­ker soll­ten allen bewei­sen, dass sie (das Musik-Biz) falsch lie­gen“ und sti­lis­tisch dort­hin gehen, wo zum Teu­fel sie wol­len“. Für Yorke liegt genau in der reb­llion gegen das Estab­lish­ment die Kraft der Musik: Das ist das pochende Herz der Musik.“ Künst­le­ri­sche Frei­heit sei kein Luxus, son­dern die Vor­aus­set­zung dafür, dass Musik rele­vant bleibt.
Gleich­zei­tig erin­nerte er daran, dass krea­tive Ent­wick­lung Zeit und Unter­stüt­zung benö­tigt. Künst­ler seien oft ver­letz­lich, meis­tens irgend­wie kaputt, so wie ich“. Des­halb brau­che es eine Bran­che, die bereit ist, Risi­ken ein­zu­ge­hen und Talente wach­sen zu las­sen. Das ist buch­stäb­lich ihr Job“, erklärte Yorke.

Die Lehre von Radiohead

Als Bei­spiel ver­wies er auf die frü­hen Jahre von Radio­head. Rück­bli­ckend sei ihm bewusst, wie viel Glück wir in unse­ren prä­gen­den Jah­ren hat­ten“. Mana­ger und Label hät­ten der Band den nöti­gen Frei­raum gege­ben und hart für uns gekämpft“. Gerade diese Geduld habe es ermög­licht, dass sich Radio­head künst­le­risch ent­wi­ckeln konnte. Eine Chance, die viele junge Künst­ler heute kaum noch erhielten.

Kritik an Streaming und Katalog-Milliarden

Der eigent­li­che Adres­sat sei­ner Rede war jedoch die Gegen­wart. Yorke kri­ti­sierte eine Bran­che, die immer stär­ker von Finanz­lo­gik geprägt sei. Wäh­rend Strea­ming-Unter­neh­men an der Börse gefei­ert wür­den und Mil­li­ar­den in die Über­nahme alter Musik­ka­ta­loge flös­sen, fehle es an Inves­ti­tio­nen in neue Künst­ler. Sein Vor­wurf: Das Geld kon­zen­triere sich auf bestehende Werte, wäh­rend für die nächste Gene­ra­tion kaum etwas übrig bleibe. Ich frage mich, warum nie­mand die­sen irr­sin­ni­gen Geld­fluss nach oben hin­ter­fragt, der für neue Künst­ler nichts als Staub übrig lässt.“ Auch die oft beschwo­rene Sicht­bar­keit neuer Musik auf Strea­ming-Platt­for­men ließ er nicht gel­ten. Hin­ter selbst­ge­fäl­li­gen Play­lists“ ver­berge sich häu­fig mehr Mar­ke­ting als echte För­de­rung. Gleich­zei­tig fehle vie­len Musi­kern jede Aus­sicht auf ein nach­hal­ti­ges Einkommen.

Diese Industrie wird sterben“

Zum Ende wurde Yorke noch deut­li­cher. An die Chef­eta­gen der Bran­che und die Strea­ming­dienste gerich­tet fragte er pro­vo­kant: Wo wollt ihr eure nächs­ten saf­ti­gen Back­ka­ta­loge her­be­kom­men?“ Seine War­nung ist ebenso sim­pel wie unbe­quem: Wer heute nicht in neue Künst­ler inves­tiert, gefähr­det die kul­tu­relle und wirt­schaft­li­che Zukunft der Musik selbst. Der musi­ka­li­sche Brun­nen wird aus­trock­nen“, sagte Yorke. Mit sei­nem Schluss­satz lie­ferte er schließ­lich die Zeile, die welt­weit für Schlag­zei­len sorgte: Diese Indus­trie wird ster­ben, wenn ihr alles tut, um die nächste Gene­ra­tion von Künst­lern und ihre Fans abzu­wer­ten. Denkt daran: Ohne uns seid ihr nichts.“ Yor­kes Rede war damit weit mehr als ein Wut­aus­bruch. Sie for­mu­liert einen Kon­flikt, der das Musik­ge­schäft seit Jah­ren beglei­tet: den Gegen­satz zwi­schen der Ver­wer­tung bestehen­der Erfolge und der För­de­rung neuer Ideen. Seine Bot­schaft ist klar: Die gro­ßen Kata­loge von mor­gen ent­ste­hen nur, wenn heute jemand bereit ist, an Künst­ler zu glauben.

Hier die gesamte Dan­kes­rede von Tom Yorke.
Zunächst folgt das bekannte Ritual jeder Preis­ver­lei­hung: Dank­sa­gun­gen, Lob für Weg­ge­fähr­ten und das obli­ga­to­ri­sche Danke“ an Frau und Kin­der. Doch ab Minute 2:40 ver­lässt Tom Yorke diese ver­trau­ten Pfade und for­mu­liert seine deut­li­che Kritik.

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