Yoko Onos „Grapefruit“ ist eine Sammlung poetischer Anweisungen, die zur Imagination einladen, aber selten in Klang übersetzt wurden. Nun wagt sich der britische Komponist Robin McGinley gemeinsam mit dem Great Learning Orchestra an eine musikalische Interpretation dieses visionären Werks.
1964 veröffentlichte Yoko Ono als Künstleredition ein ungewöhnliches Werk. In einer Auflage von nur 500 Stück erschienen darin poetische Performance-Anleitungen, sogenannte „event scores“ – Textpartituren in Haiku-Form. Diese enthielten keine festen Kompositionen, sondern vielmehr Anweisungen zur Imagination. Ein Beispiel ist das „Wall Piece for Orchestra“ (1962), das lediglich fordert: „Hit a wall with your head“. Oder das „Disappearing Piece“, das nur aus der schlichten Anweisung „Boil Water“ besteht. Viele dieser Partituren wurden nie aufgeführt oder aufgenommen, da sie eher als gedankliche Experimente denn als traditionelle Musikstücke konzipiert waren. So stellt sich die Frage, wie eine musikalische Umsetzung von „Count all the stars of that night by heart. The piece ends when all the orchestra members finish counting their stars or when it dawns. This can be done with windows instead of stars.“ klingen würde.
Robin McGinley wagt sich an eine klangliche Interpretation
Der britische Komponist und Soundart-Kurator Robin McGinley, der an der Universität Stockholm unterrichtet, hat sich dennoch an eine klangliche Interpretation von Onos Werk gewagt. In Absprache mit Yoko Onos Studio in New York stellte er eine Auswahl ihrer Partituren zusammen und nahm sie auf. Für dieses Projekt konnte er das Stockholmer Kollektiv The Great Learning Orchestra (TGLO) gewinnen – eine Gruppe von rund 100 experimentellen Musiker*innen und Klangkünstler*innen, die sich dem tiefen Zuhören, strukturierten Zufall und klanglichen Erkundungen widmen. Inspiriert von dem Werk The Great Learning des britischen Komponisten und Improvisationsmusikers Cornelius Cardews, interpretiert das Ensemble Fluxus-Kompositionen und avantgardistische Stücke in wechselnden Besetzungen. Über ein Jahr hinweg realisierten McGinley und das TGLO eine Auswahl aus Grapefruit an verschiedenen Orten. Die einzige Vorgabe: die Spielanweisungen von Ono selbst.
Zwischen Klangexperiment und Feldaufnahme
Das Ergebnis ist die 85-minütige Sammlung „Selected Recordings From Grapefruit“. Sie vereint Klangexperimente, Umweltaufnahmen und performative Darbietungen. Einige Stücke bestehen aus flüchtigen Geräuschen – ein einzelner gehaltener Ton, ein fernes Brummen –, andere erinnern an die Klangwelten von Fluxus, Cornelius Cardew oder Pauline Oliveros. So fordert „Tape Piece II“, das Ono dem Fluxus-Künstler George Brecht widmete, dazu auf, das „Atmen eines Raumes“ zu verschiedenen Tageszeiten aufzunehmen. McGinley tat dies in seinem Büro an der Universität Stockholm – über 24 Stunden hinweg mit offenen Fenstern. Zu hören sind Motorräder, Vogelgezwitscher, Kinderstimmen und nächtliche Stille. Für „Voice Piece for Soprano“ (1961) gibt es die Anweisung: „Scream 1. against the wind /2. against the wall /3. against the sky“. McGinleys Version entstand in Palermo mit der Opernsopranistin Picci Ferrari unter freiem Himmel. Eine frühere Aufnahme dieses Werks stammt von Sonic Youth für ihr Album Goodbye 20th Century (1999). Während deren Interpretation 17 Sekunden dauerte, bringt es McGinleys Fassung auf 25 Sekunden. Und „Water Piece“ lädt dazu ein, dem Klang von Wasser zu lauschen. Über mehrere Minuten ist das Geräusch des unterirdisch sprudelnden Wassers der Therme in Cefalù zu hören. „City Piece“ (1961) ist die akustische Umsetzung, einen leeren Kinderwagen durch eine Stadt zu schieben. Die Umsetzung auf dem Album enthält Field Recordings aus Madrid.
Eine klangliche Reflexion statt strikter Interpretation
Onos Textpartituren spiegeln ihre eigene Verlorenheit und Aggression wider, die sie in Interviews oft thematisierte. McGinley hingegen betrachtet sie als akustische Experimente. Er sagt, er habe Grapefruit als musikalische Komposition aus der Perspektive der postexperimentellen Musik und der Post-Sound-Art des 21. Jahrhunderts untersucht. Das Album endet mit „Disappearing Piece“ (1966), das aus einer erweiterten Ausgabe von Grapefruit aus dem Jahr 1970 stammt. Die Anweisung lautet schlicht: „Boil water.“ Zu hören ist das Geräusch von kochendem Wasser – bis es vollständig verdampft ist. Was bleibt, ist Klang als Möglichkeitsraum und soziale Praxis. „Selected Recordings From Grapefruit“ versteht sich nicht als exakte Interpretation, sondern als klangliche Reflexion eines Werks, das immer offenbleibt. Mit Archivmaterial und seltenen Partituren setzt das Album Onos Arbeit zudem in ihren historischen Kontext.

Yoko Ono /The Great Learning Orchestra
Selected Recordings From „Grapefruit“
Veröffentlicht: 25.04 2025
Label: Karl
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