Der Klang der Distanz

Durch­schnitt­li­che Lese­dauer 3 Minu­ten

Father Mother Sister Brother

Regie: Jim Jar­musch
Genre: Komö­die, Drama
Länge: 110 min
Film­start: 26. Janur 2026

Wenn ein neuer Film von Jim Jar­musch erscheint, schaut man nicht nur auf die Bil­der, son­dern auch auf die Geräu­sche dazwi­schen. Jar­musch ist schließ­lich einer der weni­gen Regis­seure, bei denen der Sound­track nie bloß Beglei­tung ist – er ist Atmo­sphäre, Hal­tung, manch­mal sogar eine eigene Figur. In sei­nem aktu­el­len Film Father Mother Sis­ter Brot­her“ setzt er diese Tra­di­tion fort, dies­mal mit einer bemer­kens­wer­ten musi­ka­li­schen Part­ne­rin: der Ber­li­ner Musi­ke­rin Anika.

Der Klang der Distanz

Schon in den ers­ten Minu­ten wird klar, dass Jar­musch hier eine andere Klang­farbe sucht als frü­her. Wo seine Filme oft von lako­ni­schem Indie-Rock oder melan­cho­li­schem Ambi­ent getra­gen wur­den, herrscht nun eine ner­vö­sere, küh­lere Tex­tur. Anikas mini­ma­lis­ti­sche Stü­cke – halbe Songs, halbe Klang­räume – schwe­ben über den Bil­dern wie ein zwei­ter inne­rer Mono­log. Syn­the­si­zer brum­men leise, ein Bass pul­siert lang­sam, ihre Stimme taucht manch­mal nur wie ein Schat­ten auf. Es ist Musik, die nicht illus­triert, son­dern Fra­gen stellt.

Eine Geschichte als Triptychon

Jar­musch struk­tu­riert sei­nen Film als Tri­pty­chon: Drei Geschich­ten, ange­sie­delt in unter­schied­li­chen Län­dern, beleuch­ten Momente der Begeg­nung, des Schwei­gens und der emo­tio­na­len Distanz inner­halb von Fami­lien. Die­ses Kon­zept erin­nert ein wenig an sei­nen Epi­so­den­film Night on Earth“, in dem Taxi­fahr­ten in fünf ver­schie­de­nen Städ­ten im Mit­tel­punkt ste­hen und skur­rile, intime Begeg­nun­gen zwi­schen Fahrer*innen und Fahr­gäs­ten zei­gen. In bei­den Fil­men setzt der Regis­seur weni­ger auf dra­ma­ti­sche Wen­dun­gen als auf kleine, prä­zise beob­ach­tete Situa­tio­nen. In Father Mother Sis­ter Brot­her“ sind das etwa ein unbe­hol­fe­nes Tref­fen zwi­schen Kin­dern (Adam Dri­ver, Mayim Bia­lik) und ihrem zurück­ge­zo­gen leben­den Vater (Tom Waits) oder das ange­spannte Kaf­fee­trin­ken zwi­schen einer Mut­ter (Char­lotte Ram­pling) und ihren bei­den Töch­tern (Cate Blan­chett, Vicky Krieps). Wie so oft bei Jar­musch liegt die Stärke des Films im schein­bar Bana­len. Lange Pau­sen, tro­cke­ner Humor und mini­ma­lis­ti­sche Dia­loge erzeu­gen eine Atmo­sphäre, in der jedes Schwei­gen mehr sagt als viele Worte. Die Figu­ren reden wenig, schauen viel aus Fens­tern und war­ten auf Worte, die nicht kommen.

Anika  & Jim Jarmusch ©Sacred Bones Records
Anika & Jim Jar­musch ©Sacred Bones Records

Jarmuschs musikalische Handschrift

Genau hier greift die Musik ein. Der Sound­track arbei­tet eben­falls mit Wie­der­ho­lung und Leere. Statt emo­tio­na­ler Höhe­punkte gibt es pul­sie­rende Schlei­fen und fra­gile elek­tro­ni­sche Tex­tu­ren. Die Musik wirkt dadurch fast wie ein Echo der Figu­ren: distan­ziert, kon­trol­liert, manch­mal kaum wahr­nehm­bar. Meist sind es kurze, frag­men­ta­ri­sche Instru­men­tals – Gitar­ren-Feed­back und elek­tro­ni­sche Tex­tu­ren erzeu­gen eine leicht ner­vöse Stim­mung und fun­gie­ren als musi­ka­li­sche Zwi­schen­spiele zwi­schen den Sze­nen. Schon immer ver­stand Jar­musch Musik als struk­tu­rel­les Ele­ment sei­nes Kinos. In Dead Man“ etwa trug die legen­däre Gitar­ren­ar­beit von Neil Young den Film wie ein impro­vi­sier­ter Wes­tern-Blues. In Only Lovers Left Alive“ ließ Jar­musch dann seine eigene Band SQÜRL düs­tere Drone-Rock-Flä­chen über die nächt­li­chen Städte legen. Der Unter­schied zum neuen Film ist sub­til, aber spür­bar: Wäh­rend die Musik frü­her oft roman­tisch oder mythisch wirkte, klingt sie hier urba­ner, moder­ner – und zugleich fragmentarischer.

Worte allein reichen nicht aus

Gerade das passt erstaun­lich gut zu Jar­muschs epi­so­dischem Erzäh­len: Die Musik kom­men­tiert nicht, sie hält kurz inne. Ein beson­ders schö­ner Moment ent­steht in der letz­ten Szene, wenn die Geschwis­ter (Indya Moore, Luka Sab­bat) im Auto bei­läu­fig begin­nen, These Days“ zu sin­gen. Der Song taucht zunächst ganz unspek­ta­ku­lär auf – eher gemur­melt als wirk­lich per­formt – und wirkt wie eine Erin­ne­rung an ihre Mut­ter, die plötz­lich zwi­schen den Figu­ren auf­blitzt. Erst im Abspann über­nimmt dann Anika das Lied voll­stän­dig und hebt es aus dem pri­va­ten Moment der Szene in eine melan­cho­li­sche, fast träu­me­ri­sche Dimen­sion. Gerade diese Ver­schie­bung vom bei­läu­fig gesun­ge­nen Lied zur fina­len Cover­ver­sion ver­leiht dem Ende eine leise Reso­nanz. Für einen Film von Jim Jar­musch ist das ein typi­scher Schluss – zurück­hal­tend, musi­ka­lisch gedacht und emo­tio­nal genau dort ange­sie­delt, wo Worte längst nicht mehr ausreichen.

Wiederholung als Struktur

Auf­fäl­lig ist im Film auch Jar­muschs Gespür für kleine, wie­der­keh­rende Motive – visu­ell wie sprach­lich. Immer wie­der tau­chen etwa Ska­ter im Hin­ter­grund auf: Sie glei­ten durch Stra­ßen oder Plätze, meist nur kurz im Bild, fast wie zufäl­lige Pas­san­ten. Doch gerade diese schein­bare Belang­lo­sig­keit ist ein wei­te­res Mar­ken­zei­chen des Fil­me­ma­chers. Die Ska­ter fun­gie­ren als stil­les Leit­mo­tiv: Bewe­gung ohne Ziel, ein rhyth­mi­sches Glei­ten durch urbane Räume – eine visu­elle Ent­spre­chung zur epi­so­dischen Struk­tur des Films. Ähn­lich funk­tio­nie­ren auch die sprach­li­chen Wie­der­ho­lun­gen: bestimmte Rede­wen­dun­gen oder bei­läu­fige Sätze, die in ver­schie­de­nen Epi­so­den leicht vari­iert wie­der auf­tau­chen. Sie wir­ken zunächst wie impro­vi­sierte Dia­log­fet­zen, ent­wi­ckeln im Ver­lauf jedoch eine sub­tile Reso­nanz zwi­schen den Figuren.

Ein Film wie ein Song

Diese Tech­nik erin­nert an frü­here Filme Jar­muschs – etwa Pater­son“ oder Mys­tery Train“ Father Mother Sis­ter Brot­her“ –, in denen all­täg­li­che Ges­ten, Worte oder Begeg­nun­gen durch Wie­der­ho­lung eine fast poe­ti­sche Qua­li­tät gewin­nen. Gerade dadurch ent­steht das Gefühl, dass die getrenn­ten Geschich­ten des Films in einem gemein­sa­men Rhyth­mus exis­tie­ren – wie ein Refrain in einem guten Song. So wirkt Jar­muschs Kino hier wie ein Song, der nie ganz zu Ende gespielt wird – so cool, als wäre nichts tun eine Kunst­form, und so ent­spannt, dass der Film fast in sei­nem eige­nen Zen-Modus ein­schläft… Großartig!

Jarmusch & Anika, Father Mother Sister Brother

Jim Jarmusch & Anika
Father Mother Sister Brother
(Original Music From The Film)

Ver­öf­fent­licht: 14. Novem­ber 2025
Label: Sacred Bones Records

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