Mandy, Indiana
12. April 2026 • Bumann & Sohn, Köln
Mit „URGH“ veröffentlichten Mandy, Indiana im Februar ein kompromissloses Album, das bei mir erst nach mehreren Durchläufen gezündet hat. Heute zeigt sich im Bumann & Sohn in Köln, ob diese Intensität auch live trägt.
Support: Deliluh
Das Bühnenbild mit gegenüberstehenden Effektkonsolen lässt früh erahnen, wohin die Reise geht. Deliluh – Julius Pedersen und Kyle Knapp – eröffnen den Abend mit einer dichten Mischung aus Punk, Drone und Field Recordings. Tracks wie „Cash Will Follow“ und „TBC“ überzeugen mit tiefen Bässen und rohen Klangflächen. Knapps schleppender Gesang und sein Gang durchs Publikum verstärken die körperliche Wirkung. Es scheppert, rotiert und groovt. Nach knapp vierzig Minuten verlässt der Sänger beim etwas zu lang geratenen Schlusstrack wortlos die Bühne, während Julius Pedersen weiter an Knöpfen und Reglern schraubt. In Lautstärke und Rhythmus ein intensiver, starker Auftakt.
Kontrollverlust
Mandy, Indiana beginnen überraschend zurückhaltend: schwebende Synths, fragile Vocals von Valentine Caulfield. Doch schnell kippt die Stimmung. Live entwickelt der Sound eine enorme physische Wucht. Die Bässe drücken, Schlagzeug und Elektronik verzahnen sich zu einem übersteuerten System. Ihre Konzerte werden oft als „exorzismusartig“ beschrieben, jetzt versteht man, was gemeint ist.
Caulfield im Zentrum
Frontfrau Caulfield verwandelt sich schnell in eine rastlose, körperlich präsente Figur: zuckend, kriechend, taumelnd. Ihre Stimme – meist auf Französisch und oft kaum verständlich – funktioniert weniger als Bedeutungsträger, sondern vielmehr als zusätzliches Instrument. Sie changiert zwischen Flüstern, Kreischen und Beschwörung. Dass man die Texte nicht versteht, ist dabei völlig irrelevant – ich verstehe ohnehin kein Französisch.
Kollektives ADHS
Bei einer der wenigen direkten Publikumsansprachen kündigt sie „I’ll Ask Her“ an, das mit der Zeile endet: „Your friend’s a fucking rapist!“ – dazu ihr trockener Kommentar: „Dead men don’t rape.“ Der Synthesizer heult wie eine Luftschutzsirene, während Alex Macdougall mit seinem physischen, treibenden Schlagzeugspiel die klaustrophobische Intensität im Bumann weiter steigert. Kurz darauf steht Caulfield mitten im Publikum. Gemeinsam zappelt, wippt und tanzt alles wie unter Strom – wie ein kollektiver ADHS-Anfall. Die Grenze zwischen Bühne und Publikum existiert nicht mehr.
Ohne Zugabe
Nach rund einer Stunde ist die Energie erschöpft. Keine Zugabe, stattdessen ein stiller Abgang Richtung Merch. „Bestes Konzert ever“, sagt ein junger Besucher. Eine starke Show war es – aber nicht ganz auf diesem Niveau. Der unterschiedliche Blickwinkel liegt wahrscheinlich am Altersunterschied. Ich vermute, er wird noch einige bessere Konzerte erleben – und hoffe, ich auch.
Starkes Finale
Das eigentliche Finale liefert die Heimfahrt: Auf Byte.fm läuft eine famose wie bizarre Musikauswahl. Curve ist dabei, ebenso Bauhaus, ukrainischer Death Metal, ein großartiges Stück von Scott Walker und schließlich „Wichita Lineman“ in einer Version mit den Vocals von Nick Cave – ein Track von Fleas neuem Album „Honora“. Ich hätte einfach weiterfahren können. Bis Berlin vielleicht. Oder gleich ins Berghain.

