Aldous Harding

ca. 3 Minu­ten

Die neu­see­län­di­sche Sin­ger-Song­wri­te­rin Aldous Har­ding gehört seit Jah­ren zu den fas­zi­nie­rends­ten Außen­sei­te­rin­nen des moder­nen Folk. Es ist der Künst­ler­name von Han­nah Sian Topp (* 1990). Har­ding“ stammt dabei offen­bar vom Nach­na­men ihres Stief­va­ters bzw. ihrer Fami­lie müt­ter­li­cher­seits; ihre Mut­ter ist die Folk­sän­ge­rin Lorina Har­ding. Der Vor­name Aldous“ wirkt dage­gen wie eine bewusste lite­ra­ri­sche oder exzen­tri­sche Set­zung, klingt eher männ­lich, distan­ziert und alt­mo­disch. Genau die­ses Spiel mit Iden­ti­tä­ten zieht sich durch ihre gesamte Kunst. In Inter­views beschreibt Har­ding ihre Songs oft weni­ger als per­sön­li­che Bekennt­nisse, son­dern eher als Rol­len oder Cha­rak­tere, die sie spielt“. Der Künst­ler­name funk­tio­niert des­halb fast wie eine zusätz­li­che Maske oder Büh­nen­fi­gur. Bekannt wurde sie auch durch künst­le­risch eigen­wil­lige Auf­tritte und Musik­vi­deos, die häu­fig exzen­trisch, rät­sel­haft oder ver­stö­rend wir­ken. Ihr frü­hes Werk wurde dem Gothic Folk zuge­rech­net. Spä­tes­tens seit dem Durch­bruch mit Party (2017) bewegt sie sich in einer eige­nen Zwi­schen­welt aus Kamm­er­folk, sur­rea­lem Thea­ter und avant­gar­dis­ti­scher Pop­mu­sik. Gemein­sam mit Pro­du­zent John Parish – bekannt durch seine Arbeit mit PJ Har­vey – ent­wi­ckelte Har­ding einen Stil, der Inti­mi­tät und Distanz zugleich erzeugt: Songs wir­ken wie Geständ­nisse, ver­wei­gern aber kon­se­quent ein­deu­tige Lesarten. 

Aldous Harding, Train On The Island

Aldous Harding

Train On The Island

Ver­öf­fent­licht: 8. Mai 2026
Label: 4AD/​Beggars/​Indigo

I’m gonna write what I know
Things I ain’t known for a long time
I met the real John Cale
He had no words, but I don’t mind

Text­aus­zug aus One Stop”

Aldous Har­dings fünf­tes Album Train on the Island“ klingt melo­di­scher und offe­ner als ihre frü­he­ren, oft karg arran­gier­ten Arbei­ten. Ihre Songs schmie­gen sich zunächst an, nur um kurz dar­auf in selt­same Bil­der, abrupte Stim­mungs­wech­sel und schwer deut­bare Erzäh­lun­gen umzu­schla­gen. Har­ding schreibt Musik, die Nähe simu­liert und sich im sel­ben Moment wie­der ent­zieht.
Schon der Ope­ner I Ate the Most“ zieht den Boden unter den Füßen weg. Über ner­vös klap­pern­der Per­cus­sion und schat­ten­haf­ten Orgel­flä­chen mur­melt Har­ding Zei­len, die gleich­zei­tig wie Kind­heits­er­in­ne­run­gen, Fie­ber­traum und absurde Poe­sie wir­ken. Ihre Stimme bleibt dabei nie sta­bil: Mal klingt sie wie eine erschöpfte Chan­son-Sän­ge­rin, dann wie­der wie ein ver­ängs­tig­tes Kind. Gerade diese stän­dige Ver­wand­lung macht den Song so fas­zi­nie­rend – und so irritierend.

Popmusik, die sich selbst sabotiert

Har­ding klingt auf die­sem Album, als würde sie die Lied­form von Grund auf neu zusam­men­set­zen. Sie beherrscht ein erstaun­li­ches Gleich­ge­wicht aus unter­schied­li­chen Stim­men, Per­spek­ti­ven und melo­di­schen Moti­ven, das zugleich frag­men­tiert und voll­kom­men orga­nisch wirkt. I met the real John Cale/​He didn’t have any words but I don’t mind“, singt sie in One Stop“. In einem Inter­view bezeich­nete sie sich ein­mal als den Jim Carrey der Indie-Welt“ – und tat­säch­lich trägt ihre Musik etwas Schau­spie­le­ri­sches in sich: ver­spielt, gro­tesk, manch­mal fast albern, aber immer durch­zo­gen von tie­fer emo­tio­na­ler Ver­letz­lich­keit.
One Stop“ ist ver­mut­lich der zugäng­lichste Song der Platte – jeden­falls nach Har­ding-Maß­stä­ben. Anfangs scheint er bei­nahe klas­si­scher Indie-Pop zu sein: warme Melo­die, federn­des Piano, ein fast ein­gän­gi­ger Refrain. Doch mit­ten im Stück kippt die Stim­mung. Die Har­mo­nien ver­rut­schen, Har­dings Stimme gerät in eine fra­gile Schräg­lage, und plötz­lich wirkt der Song wie ein emo­tio­na­ler Zusam­men­bruch, der sich hin­ter absur­den Bil­dern versteckt.

Fragmente eines Traums

Ähn­lich funk­tio­niert San Fran­cisco“, eines der gro­ßen High­lights des Albums. Der Song greift Motive aus One Stop“ wie­der auf und erzeugt dadurch das Gefühl eines krei­sen­den Gesamt­werks, in dem Frag­mente immer wie­der auf­tau­chen. Die Zei­len wir­ken wie Nach­rich­ten aus einem Unter­be­wusst­sein, das selbst nicht mehr zwi­schen Erin­ne­rung und Fan­ta­sie unter­schei­den kann. Gleich­zei­tig ent­wi­ckelt der Track einen selt­sam hyp­no­ti­schen Groove irgendwo zwi­schen Folk, Jazz und mor­bi­dem Art-Pop. Gegen Ende ver­än­dert sich plötz­lich die Klang­farbe. Eine akus­ti­sche Gitarre tritt in den Vor­der­grund, wäh­rend Har­ding man­tra­ar­tig wie­der­holt: Why wouldn’t I want to meet you?“ Es ist Musik, in der Momente tie­fer Schön­heit und schein­bar gro­ßer Gefühle immer auch eine Falle verbergen.

Schönheit im Unbehagen

Beson­ders beein­dru­ckend ist Venus in the Zin­nia“. Gemein­sam mit dem wali­si­schen Sin­ger-Song­wri­ter Huw Haw­k­line ent­fal­tet Har­ding hier eine Art gespens­ti­schen Dia­log, der zugleich roman­tisch und voll­kom­men ent­frem­det wirkt. Eine schwe­re­lo­ser Song , in dem sich Stim­men, Har­mo­nien und Bedeu­tun­gen per­ma­nent ver­schie­ben.
Auch mit Riding That Sym­bol“ gelingt Har­ding etwas Sel­te­nes: Sie erzeugt emo­tio­nale Wärme, ohne ihre grund­sätz­li­che Rät­sel­haf­tig­keit auf­zu­ge­ben – ein Song mit einer fast pas­to­ra­len Schön­heit; zer­brech­lich, ohne jemals kit­schig zu wer­den.
Und dann ist da noch der Titel­track selbst: zwei Kla­vier­ak­korde, ein stoi­scher Rhyth­mus, kaum Bewe­gung – und trotz­dem ent­steht dar­aus ein Sog, der tie­fer geht als viele maxi­mal pro­du­zierte Indie-Alben der letz­ten Jahre. Har­ding ver­steht es meis­ter­haft, aus mini­ma­len Mit­teln maxi­male Irri­ta­tion zu erzeugen.

Musik als verschachteltes Labyrinth

Har­ding, die längst vom Geheim­tipp zur gefei­er­ten Aus­nah­me­erschei­nung gewor­den ist, schreibt keine Lie­der, die sich rest­los ent­schlüs­seln las­sen. Statt­des­sen baut sie aus Folk, Pop und arti­fi­zi­el­len Klang­far­ben kleine, ver­schach­telte Laby­rin­the. Pro­du­zent John Parish sorgt erneut für luf­tige, prä­zise Arran­ge­ments. Das Ergeb­nis klingt warm und zugäng­lich, ohne jemals ein­deu­tig zu wer­den. Man kann sich von die­sen Melo­dien sofort mit­neh­men las­sen – und ent­deckt doch stän­dig neue Schat­ten hin­ter der Ober­flä­che.Train on the Island“ zieht einen hin­ein, lässt vie­les offen und ent­fal­tet genau dar­aus seine eigen­tüm­li­che Kraft: wun­der­schön, ver­stö­rend und unmög­lich voll­stän­dig zu erklären.

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