Neben meinen ausführlichen Reviews finden hier all jene Veröffentlichungen ihren Platz, die mir im Laufe des aktuellen Monats begegnet und hängenblieben sind. Der August ist in diesem Jahr dabei kein besonders schlechter Monat für neue Musik – hier die Alben, die bei mir hängen geblieben sind. Entweder, weil ich die Künstler schon lange begleite, oder, weil sie mit irgendetwas um die Ecke kommen, das mich neugierig gemacht hat. Und natürlich sind auch diesmal ein paar Alben dabei, bei denen ich nach dem ersten Hören noch nicht so genau weiß, was ich eigentlich davon halten soll. Was ja bekanntlich nicht die schlechteste Voraussetzung für eine spannende Platte ist. Hör einfach mal rein.
Japanische Kampfhörspiele /Acao Dreta
Split
Ein Split-Album ist eigentlich eine ziemlich sympathische Veröffentlichungsform. Zwei Bands teilen sich eine Platte, zeigen, was sie können, und am Ende darf man entscheiden, wer einem besser gefällt. Bei Japanische Kampfhörspiele und Acao Dreta dürfte diese Entscheidung allerdings ziemlich schwerfallen, wenn man gerade keine Lust auf gepflegte Unterhaltung hat. Japanische Kampfhörspiele, eine Deathgrind-Band aus Krefeld, stehen schließlich seit Jahren nicht nur für extrem harten Metal mit heftigen Blastbeats, sondern auch für harsche, bitterböse Gesellschaftskritik, absurden Humor und textlichen Irrsinn – sofern man das Gekreische überhaupt verstehen kann. Dazu treffen mit Acao Dreta spanische Extreme-Metal-Energie und politischer Hardcore auf einen Sound, der ebenfalls wenig Interesse an musikalischer Gemütlichkeit zeigt. Das Ergebnis ist weniger eine gemütliche Split-Platte als ein heftiger akustischer Überfall. Schnell, dreckig, kompromisslos und mit jener angenehmen DIY-Energie, die vielen Hochglanz-Metalproduktionen inzwischen vollkommen fehlt. Wer Grindcore grundsätzlich für Krach hält, wird hier vermutlich bestätigt. Wer Krach mag, wird hier sicherlich hinhören, wenn auch nicht allzu lang.
Label: Bastardized Recordings;
Veröffentlicht: 7. August 2026
Genre: Grindcore, Hardcore, Extreme Metal
Opus Kink
The Sweet Goodbye
Opus Kink haben sich ziemlich viel Zeit für ihr Debüt gelassen. Fast zehn Jahre nach der Bandgründung erscheint mit „The Sweet Goodbye“ nun endlich das erste Album – und tatsächlich klingt es ein wenig so, als hätten die Briten in dieser Zeit möglichst viele musikalische Ideen gesammelt, um sie anschließend alle gleichzeitig loszulassen. Post-Punk, Jazz, Folk, Ska, Cabaret und eine ordentliche Portion schmutziger Rock’n’Roll werden hier durch einen ziemlich dreckigen Fleischwolf gedreht. Im Zentrum stehen die Bläser und Angus Rogers’ zwischen Prediger, Säufer und Theaterdirektor pendelnder Gesang. „Come Over, Do Me Wrong“ eröffnet das Album mit einem kratzigen Groove und dieser wunderbar schmierigen Opus-Kink-Energie, während „I Have To Shine My Sunday Shoes“ plötzlich in Richtung Disco stolpert. Spätestens bei „Crucify!“ ist endgültig klar, dass diese Band keine Lust auf musikalische Ordnung hat. Hier geht herrlich viel durcheinander. Aber: Das Chaos wirkt nie zufällig. In UK gilt die Band als der neue heiße Scheiß. Mal schauen, wie es hierzulande aussieht. Sie sollen eine tolle Live-Band sein. Ich würde sie mir sofort anschauen.
Label: SO Recordings
Veröffentlicht: 07. Juli 2026
Genre: Post-Punk, Jazz, Alternative
The Mountain Goats
Days
John Darnielle kann vermutlich aus nahezu allem einen Song machen. Diesmal sind es die vergangenen Jahrzehnte der Popkultur – von den Siebzigern bis in die Neunziger –, die auf „Days“ zu einer ziemlich eigensinnigen Sammlung von Geschichten werden. Schon die Songtitel lassen ahnen, dass hier jemand seine eigene kleine Parallelwelt gebaut hat: „Charlie Sheen Reaches Out to the Feds“ oder „Hidden Majesty of Later Venom Albums“ sind schließlich keine gewöhnlichen Songtitel. Erinnerungen an Musiker, Konzerte und mit Musik zusammenhängende Erlebnisse sind der Stoff, aus dem die Lyrics diesmal gestrickt sind, und es macht sehr viel Spaß, all den Referenzen zu lauschen. So entstand eine Platte über Erinnerung: darüber, wie sich vergangene Zeiten verändern, wenn man lange genug auf sie zurückblickt. Darnielle verbindet dabei seinen trockenen Humor mit seinen ganz eigenen Beobachtungen. Musikalisch sind die Mountain Goats längst weit vom Lo-Fi-Folk ihrer frühen Jahre entfernt. „Days“ ist sauber produziert, manchmal fast elegant – und gerade dieser Gegensatz zu Darnielle’s oft skurrilen Figuren funktioniert hervorragend. Ich mag diese Fähigkeit, gleichzeitig altklug, komisch und sentimental zu sein, ohne in Kitsch abzurutschen.
Label: Cadmean Dawn
Veröffentlicht: 7. August 2026
Genre: Indie-Rock, Folk
King Gizzard & The Lizard Wizard
Alien Metal
King Gizzard & The Lizard Wizard haben 28 Alben gebraucht und sind immer für einen neuen Move gut. Mit „Alien Metal“ entdecken sie den Rave für sich – mit deutlich weniger Metal, als der Titel vermuten lässt. Stattdessen verwandelt das australische Sextett seine Begeisterung für modulare Synthesizer in acht ziemlich wilde elektronische Tracks. Das Album entstand mit dem modularen Setup, das die Band auch live benutzt und liebevoll „Nathan“ nennt. Die Gitarren sind weitgehend verschwunden, dafür gibt es wummernde Bässe, hektische Sequenzen und Beats, die zwischen Rave, Techno und einer Art futuristischem Krautrock hin- und herschalten. „Level 5“ und der Titelsong zeigen, dass King Gizzard auch dann noch nach King Gizzard klingen können, wenn sie ihre Gitarren zu Hause lassen. Dabei wirkt die Band nicht wie eine Rockband, die jetzt eben auch mal elektronische Musik ausprobieren möchte. Sie klingt wie eine Gruppe von Nerds, die ein neues Spielzeug bekommen hat und unbedingt herausfinden muss, was damit alles möglich ist. „Alien Metal“ kann sicher Spaß machen, ich liebe sie jedoch wegen ihrer Gitarren. Schade. Normalerweise höre ich immer genau hin, wenn die Aussies wieder einmal mit einem neuen Album kommen. Mit „Alien Metal“ kann ich nicht viel anfangen, nicht ganz mein Style, obwohl schön wüst.
Label: p(doom) Records
Veröffentlicht: 14. August 2026
Genre: Elektronik, Experimental, Rave
L’Rain
fata morgana
„fata morgana“ ist das vierte Album des New Yorker Projekts L’Rain alias Taja Cheek und vielleicht deshalb so spannend, weil es sich konsequent jeder eindeutigen Einordnung entzieht. Ist das jetzt R&B? Experimental Pop? Noise? Ambient? Gospel? Shoegaze?
Cheek verbindet Dancehall, Tape-Manipulationen, Slow Jams, Gospel und sogar zerhackte Metal-Elemente. Die Songs wirken dabei manchmal wie Erinnerungsfragmente: etwas taucht auf, bekommt kurz Kontur und verschwindet wieder. „Borderline“ oder „Soulless Cycle“ funktionieren eher wie Zustände als wie klassische Songs. Das Album handelt von Zweifel, Zugehörigkeit und Entfremdung – aber L’Rain erklärt diese Dinge nicht. Die Musik lässt sie lieber körperlich erfahrbar werden. Ein bisschen sperrig, ein bisschen schön und ziemlich schwer zu greifen. Also genau mein Fall.
Label: Mexican Summer
Veröffentlicht: 14. August 2026
Genre: Experimental, Art-Pop, R&B
The Afghan Whigs
Soft Control
Wie die Zeit vergeht: The Afghan Whigs sind inzwischen seit 40 Jahren unterwegs. Das merkt man „Soft Control“ allerdings nicht unbedingt an – zumindest nicht im Sinne von Altersmilde. Aber tatsächlich ist die neue Platte etwas weicher geworden. Mehr Soul, mehr Atmosphäre, weniger rohe Aggression. Greg Dulli’s Stimme hat nicht mehr ganz den Glanz vergangener Zeiten, aber es scheint durchaus auch Absicht zu sein. Sie überzeugt auch in ihrer kratzigeren, raueren Version. „Jungle Roux“ eröffnet das Album noch mit der bekannten Mischung aus Rock, Soul und unterschwelliger Bedrohung. Danach wird es zunehmend melodischer. „Mariah Luster“ bringt sogar Bläser ins Spiel, „Memphis, Texas“ blickt zurück auf ein Amerika, das Dulli offenbar zunehmend als Erinnerung begreift. Das funktioniert erstaunlich gut. Natürlich fehlt gelegentlich die Gefährlichkeit früherer Whigs-Platten. „Gentlemen“ oder „Black Love“ waren musikalische Pulverfässer. „Soft Control“ ist eher eine Platte über das, was passiert, wenn man lange genug gelebt hat, um die eigenen Dämonen zu kennen. Und vielleicht ist das ja auch eine Form von Härte.
Label: Royal Cream /BMG
Veröffentlicht: 20. August 2026
Genre: Alternative Rock, Soul, Rock
The Barbarians Of California
Megatons
The Barbarians Of California machen keinen Hehl daraus, dass sie Spaß an möglichst großen Gitarren haben. Musikalisch fühlt man sich bei Hardcore und Thrash mit einer ordentlichen Portion Westküsten-Irrsinn besonders wohl. „Megatons“ ist mit seinen zwölf Songs und gerade einmal 27 Minuten ziemlich genau das, was der Titel verspricht: kompakt, laut und nicht besonders zimperlich. Die meisten Stücke bleiben unter drei Minuten, dafür wird in dieser kurzen Zeit erstaunlich viel Gitarrenmaterial verbraten. „Back To The Valley“ geht direkt mit einem Riff los, das dem Namen der Band alle Ehre macht. Das Ganze ist erfreulich selbstironisch. Die Band weiß genau, wie absurd die eigene Vorliebe für immer größere Riffs und immer mehr Verzerrung eigentlich ist – und macht einfach weiter. Keine Platte für subtile Kopfhörer-Momente. Aber manchmal braucht man so was. Vielleicht beim Hausputz?
Label: Villains For Good /Two Twenty Five Music
Veröffentlicht: 21. August 2026
Genre: Hardcore, Punk, Thrash
Chelsea Wolfe
The Dark
Chelsea Wolfe hat in den vergangenen Jahren ihre Musik immer weiter aus dem Schatten herausgeholt. Auf „The Dark“ setzt sie diesen Weg konsequent fort. Nach der industriellen Wucht von „She Reaches Out to She Reaches Out to She“ wirkt die neue Platte persönlicher, reduzierter und verletzlicher. Wolfe beschäftigt sich diesmal stärker mit der eigenen Identität und dem Versuch, sich von Erwartungen anderer zu lösen. Das klingt zunächst fast wie eine Abkehr von ihrer bisherigen Ästhetik. Doch unter den ruhigeren Oberflächen bleibt diese besondere Dunkelheit erhalten, die ihre Musik seit Jahren auszeichnet. „Humours“ und „Death Is Not the End“ gehören zu den Momenten, in denen diese alte Intensität wieder durchbricht. Insgesamt ist „The Dark“ weniger ein Album über äußere Bedrohung als über innere Veränderung. Nicht immer so rätselhaft wie frühere Platten – aber auch nicht immer so gut. Ein gutes Album, auch wenn es nicht an frühere Veröffentlichungen heranreicht.
Label: Loma Vista
Veröffentlicht: August 2026 digital /18. September physisch
Genre: Alternative, Dark Folk, Experimental
Weezer
Gold Album
Nach über 20 Alben kehren Weezer dahin zurück, wo alles angefangen hat. „Weezer (Gold Album)“ ist eine ziemlich radikale Entscheidung: Rivers Cuomo und seine Kollegen versuchen diesmal nicht, Weezer neu zu erfinden. Sie kehren zurück zu jener besonderen Mischung aus musikalischem Nerd-Charme, harten Gitarrenwänden und unverschämt eingängigen Pop-Melodien. Produziert von Kenneth Blume und Klas Åhlund, klingt das Album rauer und unmittelbarer als vieles, was Weezer in den vergangenen Jahren veröffentlicht haben. Die Band spielte wieder stärker gemeinsam im Studio, statt Songs am Computer zusammenzusetzen. Dazu kommen große Gitarren, eingängige Melodien und diese Mischung aus pubertärem Humor und mittlerweile unvermeidlicher Altersweisheit. Natürlich bleibt Rivers Cuomo Rivers Cuomo. Selbstmitleid und Jammern sind weiterhin Teil des Programms. Aber zwischen all den kleinen Neurosen finden sich einige richtig gute Songs. „The Show Must Go On“ und „The LA Sound“ zeigen eine Band, die plötzlich wieder Spaß daran hat, eine Band zu sein. Vielleicht ist das Gold Album deshalb gar kein nostalgischer Rückblick, sondern schlicht eine Erinnerung daran, warum Weezer einmal so großartig waren. Und ja, wirklich neu ist das alles nicht. Spaß macht’s trotzdem.
Label: Reprise /Warner
Veröffentlicht: 21. August 2026
Genre: Alternative Rock, Power Pop
Lambchop
Punching The Clown
Kurt Wagner ist inzwischen 66 und denkt offenbar überhaupt nicht daran, musikalisch kürzerzutreten. „Punching The Clown“ ist eine dieser Lambchop-Platten, bei denen man nie genau weiß, ob man gerade einem Country-Song, einem Gospelchor oder einem ziemlich absurden Kunstprojekt zuhört. Und meistens ist es alles gleichzeitig. Produziert wurde gemeinsam mit Ryan Olson, aufgenommen wurde unter anderem in Justin Vernons April Base Studio. Dazu kommen Musiker wie Andrew Broder und Vernon selbst sowie Chöre aus London und Eau Claire. Trotzdem wirkt das Album erstaunlich intim. Die Arrangements lassen wie immer viel Raum für Wagners Stimme und seine Texte, die zwischen lakonischem Humor, Alter, Verlust und ziemlich existenziellen Fragen pendeln. „The New World Wave“ etwa verbindet familiäre und gesellschaftliche Themen mit jener eigentümlichen Mischung aus Ernsthaftigkeit und schrägem Humor, die Lambchop seit Jahren auszeichnet. Ich mag Musik, die sich nicht darum bemüht, cool zu wirken. Lambchop gehören eindeutig dazu.
Label: Merge Records
Veröffentlicht: 21. August 2026
Genre: Alternative Country, Folk, Experimental
Dinosaur Jr.
There Near
Es gibt Bands, bei denen man ziemlich genau weiß, was man bekommt – und sich trotzdem jedes Mal darauf freut. Dinosaur Jr. gehören für mich eindeutig dazu. „There Near“ ist das erste Album des Trios seit „Sweep It Into Space“ von 2021 und bringt J Mascis, Lou Barlow und Murph wieder zusammen. Mascis’ Gitarre klingt dabei einmal mehr so, als hätte jemand einen Verstärker mit zu viel Kaffee gefüttert. Laut, fuzzig, melodisch und gleichzeitig vollkommen unbeeindruckt davon, ob sich irgendjemand über Gitarrenlärm beschwert. Dazu kommen die leicht verschlafenen Vocals und diese rhythmische Wucht, die Dinosaur Jr. seit Jahrzehnten auszeichnet. „Several Got Away“, „No Friends“ und „Blowin’ Up“ zeigen ziemlich schnell, wohin die Reise geht. Die Band erfindet sich nicht neu – warum sollte sie auch? „There Near“ klingt wie Dinosaur Jr. und genau deshalb macht die Platte Spaß. Man könnte auch ältere Alben von ihnen hören, aber es ist doch schön, dass es wieder neue Songs gibt.
Label: Jagjaguwar
Veröffentlicht: 27. August 2026
Genre: Alternative Rock, Noise Rock
Floating Points
Mere Mortals
Der Komponist, Produzent, Musiker und DJ Floating Points, alias Sam Shepherd, präsentiert „Mere Mortals“, seine erste Ballettpartitur in voller Länge. Das mit dem San Francisco Ballet Orchestra für die Deutsche Grammophon aufgenommene Album mit 14 Titeln verbindet klassische, elegische Streicher und opulentes Blech mit Shepherds typischen, pulsierenden Elektronik- und Synthesizer-Klängen. „Mere Mortals“ ist dabei weniger klassisches Ballett als eine groß angelegte Verbindung aus Elektronik, Orchester, Ambient und zeitgenössischer Komposition. Die Musik erzählt die Geschichte einer Pandora, deren Welt durch künstliche Intelligenz verändert wird. Musikalisch spielt Shepherd Elektronik nicht einfach gegen das Orchester aus, sondern verwebt beides zu pulsierenden Klangflächen, rhythmischen Strukturen und orchestralen Bewegungen. Orchesterklänge tauchen aus einem elektronischen Dunst auf und spiegeln die zentrale Frage des Balletts wider: Wo endet der Mensch und wo beginnt die Maschine? Für eine reine Clubplatte ist „Mere Mortals“ natürlich viel zu weitläufig. Wer Floating Points bisher vor allem als Produzenten elektronischer Musik kennt, bekommt hier allerdings einen guten Eindruck davon, wie weit Shepherds musikalische Vorstellungen inzwischen reichen. Ein faszinierendes, facettenreiches Werk.
Label: Deutsche Grammophon
Veröffentlicht: 27. August 2026
Genre: Elektronik, Klassik, Ambient
Interpol
This Mirror Weighs A Ton
Dunkle Gitarren, Paul Banks’ tiefe Stimme, urbane Melancholie – das Grundrezept von Interpol ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bekannt. So ist das achte Album zwar durchweg vom charakteristischen Band-Sound geprägt und enthält eine ganze Reihe typischer Interpol-Songs, bricht aber im Verlauf das bewährte Post-Punk-Fundament durch eine vielschichtige Atmosphäre und ein etwas experimentelleres Sounddesign auf. Inhaltlich kreist das Album um Themen wie Wahrnehmung, Reflexion und emotionale Spannung. So schafft die US-Rockband aus New York City statt eines radikalen Bruchs ein atmosphärisch dichtes Werk, das auch nicht vor Streichern und Bläsern zurückschreckt. Trotzdem bleibt der typische Interpol-Schatten über jedem Song liegen. „Iron City“ beginnt fast unheimlich ruhig, während der Titelsong mit Synthesizern und einer beinahe schwebenden Atmosphäre eine Richtung andeutet, die man von der Band nicht unbedingt erwartet hätte. Dann geht es wieder zurück in vertrautere Gefilde. Und das ist vielleicht das kleine Problem dieser Platte: Interpol zeigen, dass sie sich verändern könnten – entscheiden sich aber meistens dagegen. Wen stört’s? Wenn eine Band ihr eigenes Genre so gut beherrscht, kann man ihr immer wieder aufs Neue dabei zuhören. Das Artwork zeigt übrigens ein Werk der Künstlerin Addie Wagenknecht, das Teil der permanenten Sammlung des Whitney Museum of American Art ist.
Label: Partisan
Veröffentlicht: 27. August 2026
Genre: Post-Punk, Alternative Rock
Ty Segall
Chrome
Ty Segalls „Chrome“ klingt, als würde irgendwo gerade ein Verstärker schmelzen. Gemeinsam mit seiner kompletten Band setzt Segall auf einen schweren, metallischen Sound zwischen Garage, Psychedelic Rock und dreckigem Fuzz. Songs mit gewaltigen Riffs, viel Fuzz- und Distortion-Linien sowie eindringliche Keyboards erzeugen eine präzise, dröhnende Kraft. Auch wenn alle Songs ganz eindeutig nach Ty Segall klingen, merkt man dem Album an, dass er hier mit überaus patenten Mitmusikern arbeitet. Neben Emmett Kelly und Evan Burrows gehören unter anderem Mikal Cronin und Ben Boye zum Line-up. Die Songs sind dadurch weniger das Soloprojekt eines manischen Garage-Rockers und mehr das Ergebnis einer Gruppe, die gemeinsam ziemlich viel Lärm veranstalten möchte. Und ja: Das funktioniert. Aber okay, ich steh’ eh auf solche Sounds.
Label: Drag City
Veröffentlicht: 28. August 2026
Genre: Garage Rock, Psychedelic, Noise Rock
Mike D
Thank You
Zwölf Jahre lang war es still um die Beastie Boys. Nach dem Tod von Adam „MCA“ Yauch im Jahr 2012 hatten Mike D und Ad-Rock beschlossen, die Band nicht ohne ihn weiterzuführen. Jetzt ist Mike D zurück – und „Thank You“ ist tatsächlich das erste neue Album eines Beastie-Boys-Mitglieds seitdem. Und es ist ein erstaunlich unprätentiöses Comeback. Es klingt so locker und angenehm verspielt: Einfallsreiche Post-Electronic-Grooves treffen auf hypnotische Hooks und dazu Mike Ds unverwechselbare Stimme. Er hat die Platte gemeinsam mit seinen Söhnen aufgenommen, und irgendwie glaubt man, diese familiäre DIY-Atmosphäre zu hören. Breakbeats, elektronische Spielereien, Lo-Fi-Synthesizer, Punk und Hip-Hop stolpern hier ziemlich unbekümmert durcheinander. „Switch Up“, „That’s Right“ und „Crypto“ klingen ein bisschen wie Beastie Boys, allerdings ohne die zwingenden Killer-Reime. Aber schließlich ist Mike D auch schon über 60 und besingt Verlust, Erinnerung und das Älterwerden. Man könnte sagen: Musikalisch noch einmal Teenager, textlich deutlich erwachsener.
Label: Capitol Records
Veröffentlicht: 28. August 2026
Genre: Hip-Hop, Electro, Punk

