Neuerscheinungen August 2026

ca. 10 Minu­ten

Neben mei­nen aus­führ­li­chen Reviews fin­den hier all jene Ver­öf­fent­li­chun­gen ihren Platz, die mir im Laufe des aktu­el­len Monats begeg­net und hän­gen­blie­ben sind. Der August ist in die­sem Jahr dabei kein beson­ders schlech­ter Monat für neue Musik – hier die Alben, die bei mir hän­gen geblie­ben sind. Ent­we­der, weil ich die Künst­ler schon lange begleite, oder, weil sie mit irgend­et­was um die Ecke kom­men, das mich neu­gie­rig gemacht hat. Und natür­lich sind auch dies­mal ein paar Alben dabei, bei denen ich nach dem ers­ten Hören noch nicht so genau weiß, was ich eigent­lich davon hal­ten soll. Was ja bekannt­lich nicht die schlech­teste Vor­aus­set­zung für eine span­nende Platte ist. Hör ein­fach mal rein.


Japanische Kampfhörspiele /​Acao Dreta

Split

Ein Split-Album ist eigent­lich eine ziem­lich sym­pa­thi­sche Ver­öf­fent­li­chungs­form. Zwei Bands tei­len sich eine Platte, zei­gen, was sie kön­nen, und am Ende darf man ent­schei­den, wer einem bes­ser gefällt. Bei Japa­ni­sche Kampf­hör­spiele und Acao Dreta dürfte diese Ent­schei­dung aller­dings ziem­lich schwer­fal­len, wenn man gerade keine Lust auf gepflegte Unter­hal­tung hat. Japa­ni­sche Kampf­hör­spiele, eine Death­grind-Band aus Kre­feld, ste­hen schließ­lich seit Jah­ren nicht nur für extrem har­ten Metal mit hef­ti­gen Blast­beats, son­dern auch für har­sche, bit­ter­böse Gesell­schafts­kri­tik, absur­den Humor und text­li­chen Irr­sinn – sofern man das Gekrei­sche über­haupt ver­ste­hen kann. Dazu tref­fen mit Acao Dreta spa­ni­sche Extreme-Metal-Ener­gie und poli­ti­scher Hard­core auf einen Sound, der eben­falls wenig Inter­esse an musi­ka­li­scher Gemüt­lich­keit zeigt. Das Ergeb­nis ist weni­ger eine gemüt­li­che Split-Platte als ein hef­ti­ger akus­ti­scher Über­fall. Schnell, dre­ckig, kom­pro­miss­los und mit jener ange­neh­men DIY-Ener­gie, die vie­len Hoch­glanz-Metal­pro­duk­tio­nen inzwi­schen voll­kom­men fehlt. Wer Grind­core grund­sätz­lich für Krach hält, wird hier ver­mut­lich bestä­tigt. Wer Krach mag, wird hier sicher­lich hin­hö­ren, wenn auch nicht allzu lang.
Label: Bas­tar­di­zed Recor­dings;
Ver­öf­fent­licht: 7. August 2026
Genre: Grind­core, Hard­core, Extreme Metal

Opus Kink

The Sweet Goodbye

Opus Kink haben sich ziem­lich viel Zeit für ihr Debüt gelas­sen. Fast zehn Jahre nach der Band­grün­dung erscheint mit The Sweet Good­bye“ nun end­lich das erste Album – und tat­säch­lich klingt es ein wenig so, als hät­ten die Bri­ten in die­ser Zeit mög­lichst viele musi­ka­li­sche Ideen gesam­melt, um sie anschlie­ßend alle gleich­zei­tig los­zu­las­sen. Post-Punk, Jazz, Folk, Ska, Caba­ret und eine ordent­li­che Por­tion schmut­zi­ger Rock’n’Roll wer­den hier durch einen ziem­lich dre­cki­gen Fleisch­wolf gedreht. Im Zen­trum ste­hen die Blä­ser und Angus Rogers’ zwi­schen Pre­di­ger, Säu­fer und Thea­ter­di­rek­tor pen­deln­der Gesang. Come Over, Do Me Wrong“ eröff­net das Album mit einem krat­zi­gen Groove und die­ser wun­der­bar schmie­ri­gen Opus-Kink-Ener­gie, wäh­rend I Have To Shine My Sun­day Shoes“ plötz­lich in Rich­tung Disco stol­pert. Spä­tes­tens bei Cru­cify!“ ist end­gül­tig klar, dass diese Band keine Lust auf musi­ka­li­sche Ord­nung hat. Hier geht herr­lich viel durch­ein­an­der. Aber: Das Chaos wirkt nie zufäl­lig. In UK gilt die Band als der neue heiße Scheiß. Mal schauen, wie es hier­zu­lande aus­sieht. Sie sol­len eine tolle Live-Band sein. Ich würde sie mir sofort anschauen.
Label: SO Recor­dings
Ver­öf­fent­licht: 07. Juli 2026
Genre: Post-Punk, Jazz, Alternative

The Mountain Goats

Days

John Dar­ni­elle kann ver­mut­lich aus nahezu allem einen Song machen. Dies­mal sind es die ver­gan­ge­nen Jahr­zehnte der Pop­kul­tur – von den Sieb­zi­gern bis in die Neun­zi­ger –, die auf Days“ zu einer ziem­lich eigen­sin­ni­gen Samm­lung von Geschich­ten wer­den. Schon die Song­ti­tel las­sen ahnen, dass hier jemand seine eigene kleine Par­al­lel­welt gebaut hat: Char­lie Sheen Rea­ches Out to the Feds“ oder Hid­den Majesty of Later Venom Albums“ sind schließ­lich keine gewöhn­li­chen Song­ti­tel. Erin­ne­run­gen an Musi­ker, Kon­zerte und mit Musik zusam­men­hän­gende Erleb­nisse sind der Stoff, aus dem die Lyrics dies­mal gestrickt sind, und es macht sehr viel Spaß, all den Refe­ren­zen zu lau­schen. So ent­stand eine Platte über Erin­ne­rung: dar­über, wie sich ver­gan­gene Zei­ten ver­än­dern, wenn man lange genug auf sie zurück­blickt. Dar­ni­elle ver­bin­det dabei sei­nen tro­cke­nen Humor mit sei­nen ganz eige­nen Beob­ach­tun­gen. Musi­ka­lisch sind die Moun­tain Goats längst weit vom Lo-Fi-Folk ihrer frü­hen Jahre ent­fernt. Days“ ist sau­ber pro­du­ziert, manch­mal fast ele­gant – und gerade die­ser Gegen­satz zu Darnielle’s oft skur­ri­len Figu­ren funk­tio­niert her­vor­ra­gend. Ich mag diese Fähig­keit, gleich­zei­tig alt­klug, komisch und sen­ti­men­tal zu sein, ohne in Kitsch abzu­rut­schen.
Label: Cad­mean Dawn
Ver­öf­fent­licht: 7. August 2026
Genre: Indie-Rock, Folk

King Gizzard & The Lizard Wizard

Alien Metal

King Giz­zard & The Lizard Wizard haben 28 Alben gebraucht und sind immer für einen neuen Move gut. Mit Alien Metal“ ent­de­cken sie den Rave für sich – mit deut­lich weni­ger Metal, als der Titel ver­mu­ten lässt. Statt­des­sen ver­wan­delt das aus­tra­li­sche Sex­tett seine Begeis­te­rung für modu­lare Syn­the­si­zer in acht ziem­lich wilde elek­tro­ni­sche Tracks. Das Album ent­stand mit dem modu­la­ren Setup, das die Band auch live benutzt und lie­be­voll Nathan“ nennt. Die Gitar­ren sind weit­ge­hend ver­schwun­den, dafür gibt es wum­mernde Bässe, hek­ti­sche Sequen­zen und Beats, die zwi­schen Rave, Techno und einer Art futu­ris­ti­schem Kraut­rock hin- und her­schal­ten. Level 5“ und der Titel­song zei­gen, dass King Giz­zard auch dann noch nach King Giz­zard klin­gen kön­nen, wenn sie ihre Gitar­ren zu Hause las­sen. Dabei wirkt die Band nicht wie eine Rock­band, die jetzt eben auch mal elek­tro­ni­sche Musik aus­pro­bie­ren möchte. Sie klingt wie eine Gruppe von Nerds, die ein neues Spiel­zeug bekom­men hat und unbe­dingt her­aus­fin­den muss, was damit alles mög­lich ist. Alien Metal“ kann sicher Spaß machen, ich liebe sie jedoch wegen ihrer Gitar­ren. Schade. Nor­ma­ler­weise höre ich immer genau hin, wenn die Aus­sies wie­der ein­mal mit einem neuen Album kom­men. Mit Alien Metal“ kann ich nicht viel anfan­gen, nicht ganz mein Style, obwohl schön wüst.
Label: p(doom) Records
Ver­öf­fent­licht: 14. August 2026
Genre: Elek­tro­nik, Expe­ri­men­tal, Rave

L’Rain
fata morgana

fata mor­gana“ ist das vierte Album des New Yor­ker Pro­jekts L’Rain alias Taja Cheek und viel­leicht des­halb so span­nend, weil es sich kon­se­quent jeder ein­deu­ti­gen Ein­ord­nung ent­zieht. Ist das jetzt R&B? Expe­ri­men­tal Pop? Noise? Ambi­ent? Gos­pel? Shoe­gaze?
Cheek ver­bin­det Dance­hall, Tape-Mani­pu­la­tio­nen, Slow Jams, Gos­pel und sogar zer­hackte Metal-Ele­mente. Die Songs wir­ken dabei manch­mal wie Erin­ne­rungs­frag­mente: etwas taucht auf, bekommt kurz Kon­tur und ver­schwin­det wie­der. Bor­der­line“ oder Soul­less Cycle“ funk­tio­nie­ren eher wie Zustände als wie klas­si­sche Songs. Das Album han­delt von Zwei­fel, Zuge­hö­rig­keit und Ent­frem­dung – aber L’Rain erklärt diese Dinge nicht. Die Musik lässt sie lie­ber kör­per­lich erfahr­bar wer­den. Ein biss­chen sper­rig, ein biss­chen schön und ziem­lich schwer zu grei­fen. Also genau mein Fall.
Label: Mexi­can Sum­mer
Ver­öf­fent­licht: 14. August 2026
Genre: Expe­ri­men­tal, Art-Pop, R&B

The Afghan Whigs

Soft Control

Wie die Zeit ver­geht: The Afghan Whigs sind inzwi­schen seit 40 Jah­ren unter­wegs. Das merkt man Soft Con­trol“ aller­dings nicht unbe­dingt an – zumin­dest nicht im Sinne von Alters­milde. Aber tat­säch­lich ist die neue Platte etwas wei­cher gewor­den. Mehr Soul, mehr Atmo­sphäre, weni­ger rohe Aggres­sion. Greg Dulli’s Stimme hat nicht mehr ganz den Glanz ver­gan­ge­ner Zei­ten, aber es scheint durch­aus auch Absicht zu sein. Sie über­zeugt auch in ihrer krat­zi­ge­ren, raue­ren Ver­sion. Jungle Roux“ eröff­net das Album noch mit der bekann­ten Mischung aus Rock, Soul und unter­schwel­li­ger Bedro­hung. Danach wird es zuneh­mend melo­di­scher. Mariah Lus­ter“ bringt sogar Blä­ser ins Spiel, Mem­phis, Texas“ blickt zurück auf ein Ame­rika, das Dulli offen­bar zuneh­mend als Erin­ne­rung begreift. Das funk­tio­niert erstaun­lich gut. Natür­lich fehlt gele­gent­lich die Gefähr­lich­keit frü­he­rer Whigs-Plat­ten. Gen­tle­men“ oder Black Love“ waren musi­ka­li­sche Pul­ver­fäs­ser. Soft Con­trol“ ist eher eine Platte über das, was pas­siert, wenn man lange genug gelebt hat, um die eige­nen Dämo­nen zu ken­nen. Und viel­leicht ist das ja auch eine Form von Härte.
Label: Royal Cream /​BMG
Ver­öf­fent­licht: 20. August 2026
Genre: Alter­na­tive Rock, Soul, Rock

The Barbarians Of California

Megatons

The Bar­ba­ri­ans Of Cali­for­nia machen kei­nen Hehl dar­aus, dass sie Spaß an mög­lichst gro­ßen Gitar­ren haben. Musi­ka­lisch fühlt man sich bei Hard­core und Thrash mit einer ordent­li­chen Por­tion West­küs­ten-Irr­sinn beson­ders wohl. Mega­tons“ ist mit sei­nen zwölf Songs und gerade ein­mal 27 Minu­ten ziem­lich genau das, was der Titel ver­spricht: kom­pakt, laut und nicht beson­ders zim­per­lich. Die meis­ten Stü­cke blei­ben unter drei Minu­ten, dafür wird in die­ser kur­zen Zeit erstaun­lich viel Gitar­ren­ma­te­rial ver­bra­ten. Back To The Val­ley“ geht direkt mit einem Riff los, das dem Namen der Band alle Ehre macht. Das Ganze ist erfreu­lich selbst­iro­nisch. Die Band weiß genau, wie absurd die eigene Vor­liebe für immer grö­ßere Riffs und immer mehr Ver­zer­rung eigent­lich ist – und macht ein­fach wei­ter. Keine Platte für sub­tile Kopf­hö­rer-Momente. Aber manch­mal braucht man so was. Viel­leicht beim Haus­putz?
Label: Vil­lains For Good /​Two Twenty Five Music
Ver­öf­fent­licht: 21. August 2026
Genre: Hard­core, Punk, Thrash

Chelsea Wolfe

The Dark

Chel­sea Wolfe hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ihre Musik immer wei­ter aus dem Schat­ten her­aus­ge­holt. Auf The Dark“ setzt sie die­sen Weg kon­se­quent fort. Nach der indus­tri­el­len Wucht von She Rea­ches Out to She Rea­ches Out to She“ wirkt die neue Platte per­sön­li­cher, redu­zier­ter und ver­letz­li­cher. Wolfe beschäf­tigt sich dies­mal stär­ker mit der eige­nen Iden­ti­tät und dem Ver­such, sich von Erwar­tun­gen ande­rer zu lösen. Das klingt zunächst fast wie eine Abkehr von ihrer bis­he­ri­gen Ästhe­tik. Doch unter den ruhi­ge­ren Ober­flä­chen bleibt diese beson­dere Dun­kel­heit erhal­ten, die ihre Musik seit Jah­ren aus­zeich­net. Humours“ und Death Is Not the End“ gehö­ren zu den Momen­ten, in denen diese alte Inten­si­tät wie­der durch­bricht. Ins­ge­samt ist The Dark“ weni­ger ein Album über äußere Bedro­hung als über innere Ver­än­de­rung. Nicht immer so rät­sel­haft wie frü­here Plat­ten – aber auch nicht immer so gut. Ein gutes Album, auch wenn es nicht an frü­here Ver­öf­fent­li­chun­gen her­an­reicht.
Label: Loma Vista
Ver­öf­fent­licht: August 2026 digi­tal /​18. Sep­tem­ber phy­sisch
Genre: Alter­na­tive, Dark Folk, Experimental


Weezer
Gold Album

Nach über 20 Alben keh­ren Weezer dahin zurück, wo alles ange­fan­gen hat. Weezer (Gold Album)“ ist eine ziem­lich radi­kale Ent­schei­dung: Rivers Cuomo und seine Kol­le­gen ver­su­chen dies­mal nicht, Weezer neu zu erfin­den. Sie keh­ren zurück zu jener beson­de­ren Mischung aus musi­ka­li­schem Nerd-Charme, har­ten Gitar­ren­wän­den und unver­schämt ein­gän­gi­gen Pop-Melo­dien. Pro­du­ziert von Ken­neth Blume und Klas Åhlund, klingt das Album rauer und unmit­tel­ba­rer als vie­les, was Weezer in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­öf­fent­licht haben. Die Band spielte wie­der stär­ker gemein­sam im Stu­dio, statt Songs am Com­pu­ter zusam­men­zu­set­zen. Dazu kom­men große Gitar­ren, ein­gän­gige Melo­dien und diese Mischung aus puber­tä­rem Humor und mitt­ler­weile unver­meid­li­cher Alters­weis­heit. Natür­lich bleibt Rivers Cuomo Rivers Cuomo. Selbst­mit­leid und Jam­mern sind wei­ter­hin Teil des Pro­gramms. Aber zwi­schen all den klei­nen Neu­ro­sen fin­den sich einige rich­tig gute Songs. The Show Must Go On“ und The LA Sound“ zei­gen eine Band, die plötz­lich wie­der Spaß daran hat, eine Band zu sein. Viel­leicht ist das Gold Album des­halb gar kein nost­al­gi­scher Rück­blick, son­dern schlicht eine Erin­ne­rung daran, warum Weezer ein­mal so groß­ar­tig waren. Und ja, wirk­lich neu ist das alles nicht. Spaß macht’s trotz­dem.
Label: Reprise /​War­ner
Ver­öf­fent­licht: 21. August 2026
Genre: Alter­na­tive Rock, Power Pop

Lambchop

Punching The Clown

Kurt Wag­ner ist inzwi­schen 66 und denkt offen­bar über­haupt nicht daran, musi­ka­lisch kürz­er­zu­tre­ten. Pun­ching The Clown“ ist eine die­ser Lamb­chop-Plat­ten, bei denen man nie genau weiß, ob man gerade einem Coun­try-Song, einem Gos­pel­chor oder einem ziem­lich absur­den Kunst­pro­jekt zuhört. Und meis­tens ist es alles gleich­zei­tig. Pro­du­ziert wurde gemein­sam mit Ryan Olson, auf­ge­nom­men wurde unter ande­rem in Jus­tin Ver­nons April Base Stu­dio. Dazu kom­men Musi­ker wie Andrew Bro­der und Ver­non selbst sowie Chöre aus Lon­don und Eau Claire. Trotz­dem wirkt das Album erstaun­lich intim. Die Arran­ge­ments las­sen wie immer viel Raum für Wag­ners Stimme und seine Texte, die zwi­schen lako­ni­schem Humor, Alter, Ver­lust und ziem­lich exis­ten­zi­el­len Fra­gen pen­deln. The New World Wave“ etwa ver­bin­det fami­liäre und gesell­schaft­li­che The­men mit jener eigen­tüm­li­chen Mischung aus Ernst­haf­tig­keit und schrä­gem Humor, die Lamb­chop seit Jah­ren aus­zeich­net. Ich mag Musik, die sich nicht darum bemüht, cool zu wir­ken. Lamb­chop gehö­ren ein­deu­tig dazu.
Label: Merge Records
Ver­öf­fent­licht: 21. August 2026
Genre: Alter­na­tive Coun­try, Folk, Experimental

Dinosaur Jr.
There Near

Es gibt Bands, bei denen man ziem­lich genau weiß, was man bekommt – und sich trotz­dem jedes Mal dar­auf freut. Dino­saur Jr. gehö­ren für mich ein­deu­tig dazu. There Near“ ist das erste Album des Trios seit Sweep It Into Space“ von 2021 und bringt J Mascis, Lou Bar­low und Murph wie­der zusam­men. Mascis’ Gitarre klingt dabei ein­mal mehr so, als hätte jemand einen Ver­stär­ker mit zu viel Kaf­fee gefüt­tert. Laut, fuz­zig, melo­disch und gleich­zei­tig voll­kom­men unbe­ein­druckt davon, ob sich irgend­je­mand über Gitar­ren­lärm beschwert. Dazu kom­men die leicht ver­schla­fe­nen Vocals und diese rhyth­mi­sche Wucht, die Dino­saur Jr. seit Jahr­zehn­ten aus­zeich­net. Seve­ral Got Away“, No Fri­ends“ und Blo­win’ Up“ zei­gen ziem­lich schnell, wohin die Reise geht. Die Band erfin­det sich nicht neu – warum sollte sie auch? There Near“ klingt wie Dino­saur Jr. und genau des­halb macht die Platte Spaß. Man könnte auch ältere Alben von ihnen hören, aber es ist doch schön, dass es wie­der neue Songs gibt.
Label: Jag­ja­gu­war
Ver­öf­fent­licht: 27. August 2026
Genre: Alter­na­tive Rock, Noise Rock


Floating Points
Mere Mortals

Der Kom­po­nist, Pro­du­zent, Musi­ker und DJ Floa­ting Points, alias Sam She­p­herd, prä­sen­tiert Mere Mor­tals“, seine erste Bal­lett­par­ti­tur in vol­ler Länge. Das mit dem San Fran­cisco Bal­let Orches­tra für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­mene Album mit 14 Titeln ver­bin­det klas­si­sche, ele­gi­sche Strei­cher und opu­len­tes Blech mit She­p­herds typi­schen, pul­sie­ren­den Elek­tro­nik- und Syn­the­si­zer-Klän­gen. Mere Mor­tals“ ist dabei weni­ger klas­si­sches Bal­lett als eine groß ange­legte Ver­bin­dung aus Elek­tro­nik, Orches­ter, Ambi­ent und zeit­ge­nös­si­scher Kom­po­si­tion. Die Musik erzählt die Geschichte einer Pan­dora, deren Welt durch künst­li­che Intel­li­genz ver­än­dert wird. Musi­ka­lisch spielt She­p­herd Elek­tro­nik nicht ein­fach gegen das Orches­ter aus, son­dern ver­webt bei­des zu pul­sie­ren­den Klang­flä­chen, rhyth­mi­schen Struk­tu­ren und orches­tra­len Bewe­gun­gen. Orches­ter­klänge tau­chen aus einem elek­tro­ni­schen Dunst auf und spie­geln die zen­trale Frage des Bal­letts wider: Wo endet der Mensch und wo beginnt die Maschine? Für eine reine Club­platte ist Mere Mor­tals“ natür­lich viel zu weit­läu­fig. Wer Floa­ting Points bis­her vor allem als Pro­du­zen­ten elek­tro­ni­scher Musik kennt, bekommt hier aller­dings einen guten Ein­druck davon, wie weit She­p­herds musi­ka­li­sche Vor­stel­lun­gen inzwi­schen rei­chen. Ein fas­zi­nie­ren­des, facet­ten­rei­ches Werk.
Label: Deut­sche Gram­mo­phon
Ver­öf­fent­licht: 27. August 2026
Genre: Elek­tro­nik, Klas­sik, Ambient

Interpol
This Mirror Weighs A Ton

Dunkle Gitar­ren, Paul Banks’ tiefe Stimme, urbane Melan­cho­lie – das Grund­re­zept von Inter­pol ist seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten bekannt. So ist das achte Album zwar durch­weg vom cha­rak­te­ris­ti­schen Band-Sound geprägt und ent­hält eine ganze Reihe typi­scher Inter­pol-Songs, bricht aber im Ver­lauf das bewährte Post-Punk-Fun­da­ment durch eine viel­schich­tige Atmo­sphäre und ein etwas expe­ri­men­tel­le­res Sound­de­sign auf. Inhalt­lich kreist das Album um The­men wie Wahr­neh­mung, Refle­xion und emo­tio­nale Span­nung. So schafft die US-Rock­band aus New York City statt eines radi­ka­len Bruchs ein atmo­sphä­risch dich­tes Werk, das auch nicht vor Strei­chern und Blä­sern zurück­schreckt. Trotz­dem bleibt der typi­sche Inter­pol-Schat­ten über jedem Song lie­gen. Iron City“ beginnt fast unheim­lich ruhig, wäh­rend der Titel­song mit Syn­the­si­zern und einer bei­nahe schwe­ben­den Atmo­sphäre eine Rich­tung andeu­tet, die man von der Band nicht unbe­dingt erwar­tet hätte. Dann geht es wie­der zurück in ver­trau­tere Gefilde. Und das ist viel­leicht das kleine Pro­blem die­ser Platte: Inter­pol zei­gen, dass sie sich ver­än­dern könn­ten – ent­schei­den sich aber meis­tens dage­gen. Wen stört’s? Wenn eine Band ihr eige­nes Genre so gut beherrscht, kann man ihr immer wie­der aufs Neue dabei zuhö­ren. Das Art­work zeigt übri­gens ein Werk der Künst­le­rin Addie Wagen­knecht, das Teil der per­ma­nen­ten Samm­lung des Whit­ney Museum of Ame­ri­can Art ist.
Label: Par­ti­san
Ver­öf­fent­licht: 27. August 2026
Genre: Post-Punk, Alter­na­tive Rock

Ty Segall
Chrome

Ty Segalls Chrome“ klingt, als würde irgendwo gerade ein Ver­stär­ker schmel­zen. Gemein­sam mit sei­ner kom­plet­ten Band setzt Segall auf einen schwe­ren, metal­li­schen Sound zwi­schen Garage, Psy­che­de­lic Rock und dre­cki­gem Fuzz. Songs mit gewal­ti­gen Riffs, viel Fuzz- und Dis­tor­tion-Linien sowie ein­dring­li­che Key­boards erzeu­gen eine prä­zise, dröh­nende Kraft. Auch wenn alle Songs ganz ein­deu­tig nach Ty Segall klin­gen, merkt man dem Album an, dass er hier mit über­aus paten­ten Mit­mu­si­kern arbei­tet. Neben Emmett Kelly und Evan Bur­rows gehö­ren unter ande­rem Mikal Cro­nin und Ben Boye zum Line-up. Die Songs sind dadurch weni­ger das Solo­pro­jekt eines mani­schen Garage-Rockers und mehr das Ergeb­nis einer Gruppe, die gemein­sam ziem­lich viel Lärm ver­an­stal­ten möchte. Und ja: Das funk­tio­niert. Aber okay, ich steh’ eh auf sol­che Sounds.
Label: Drag City
Ver­öf­fent­licht: 28. August 2026
Genre: Garage Rock, Psy­che­de­lic, Noise Rock

Mike D
Thank You

Zwölf Jahre lang war es still um die Beas­tie Boys. Nach dem Tod von Adam MCA“ Yauch im Jahr 2012 hat­ten Mike D und Ad-Rock beschlos­sen, die Band nicht ohne ihn wei­ter­zu­füh­ren. Jetzt ist Mike D zurück – und Thank You“ ist tat­säch­lich das erste neue Album eines Beas­tie-Boys-Mit­glieds seit­dem. Und es ist ein erstaun­lich unprä­ten­tiö­ses Come­back. Es klingt so locker und ange­nehm ver­spielt: Ein­falls­rei­che Post-Elec­tro­nic-Groo­ves tref­fen auf hyp­no­ti­sche Hooks und dazu Mike Ds unver­wech­sel­bare Stimme. Er hat die Platte gemein­sam mit sei­nen Söh­nen auf­ge­nom­men, und irgend­wie glaubt man, diese fami­liäre DIY-Atmo­sphäre zu hören. Break­beats, elek­tro­ni­sche Spie­le­reien, Lo-Fi-Syn­the­si­zer, Punk und Hip-Hop stol­pern hier ziem­lich unbe­küm­mert durch­ein­an­der. Switch Up“, That’s Right“ und Crypto“ klin­gen ein biss­chen wie Beas­tie Boys, aller­dings ohne die zwin­gen­den Kil­ler-Reime. Aber schließ­lich ist Mike D auch schon über 60 und besingt Ver­lust, Erin­ne­rung und das Älter­wer­den. Man könnte sagen: Musi­ka­lisch noch ein­mal Teen­ager, text­lich deut­lich erwach­se­ner.
Label: Capi­tol Records
Ver­öf­fent­licht: 28. August 2026
Genre: Hip-Hop, Elec­tro, Punk