And Also the Trees
27. September 2026 • Zakk, Düsseldorf
Heute geht es zum ersten Mal in den Kulttempel nach Oberhausen. Ich kenne die Venue bisher nicht und bin angenehm überrascht. Der Saal ist liebevoll gestaltet, ein bisschen dunkel, ein bisschen morbide und mit vielen kleinen Details. Genau der richtige Ort also für And Also the Trees. Die Briten habe ich irgendwann ein wenig aus den Augen verloren. Urs und vor allem Klaus haben mich allerdings wieder angefixt. Also machen wir uns mit einer kleinen Delegation aus Düsseldorf auf nach Oberhausen. Vor dem Hauptact steht Catherine Graindorge auf der Bühne. Und die belgische Geigerin macht ziemlich schnell klar, dass der Begriff „Vorprogramm“ heute nicht ganz passt.
Die Shruti Box und die Geige
Die belgische Geigerin beginnt mit einer Shruti Box, einem traditionellen indischen Instrument, das einen warmen, gleichmäßigen, warmen Drone produziert. Darüber legt sie ihre Geige und bearbeitet sie mit Loops, Delays und elektronischen Effekten. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Die Shruti Box brummt stoisch vor sich hin, während Graindorges Geige darüber klagt, kreischt, flüstert oder plötzlich eine zarte Melodie findet. Aus Geige, Elektronik und Stimme entsteht ein düsterer, ziemlich hypnotischer Sound zwischen Ambient, experimentellem Rock und Avantgarde. Irgendwann taucht plötzlich eine bekannte Stimme auf: Iggy Pop. Seine markante Baritonstimme stammt von der gemeinsamen sechzehnminütigen EP The Dictator, aus der Graindorge einen Track spielt. Ein ziemlich guter Moment in einem ohnehin ungewöhnlichen Set.
Dass sie auch auf dem aktuellen Album The Devil’s Door von And Also the Trees zu hören ist, überrascht dann eigentlich nicht mehr. Ihre Musik passt erstaunlich gut in deren dunkle Klangwelt. Eine richtig starke Performance. Faszinierend, eigenwillig und – leider – viel zu kurz.
Simon Jones und seine eigene Welt
Dann And Also the Trees. Und mit ihnen Simon Huw Jones. Der inzwischen 66-jährige Sänger steht elegant und distinguiert auf der Bühne, britisch bis in die Fingerspitzen. Stilvoller Mantel über Weste und dem weißen Hemd verleihen ihm den dekadenten Charme eines längst vergessenen Bohèmes. Dazu sein Bühnenauftritt. Jones bewegt sich nicht einfach, er inszeniert sich. Mal steht er beinahe regungslos da, dann geht er plötzlich nach vorne, macht eine Geste, dreht sich weg, schaut verloren ins Publikum oder irgendwohin, wo vermutlich gerade niemand von uns steht. Zunächst finde ich das ziemlich manieriert. Aber irgendwann merke ich: Der Mann meint das ernst. Jones lebt in diesen Songs. Überraschend auch der Start in das Set: „Rooftop“ kommt überraschend rau und verzerrt daher. Dann „The Crosshair“ ebenfalls vom aktuellen Album The Devil’s Door. So entwickelt sich dieser typische And-Also-the-Trees-Sound: melancholisch, dunkel, fast immer schön – und trotzdem ein bisschen schräg.
Kleiner Durchhänger
Ganz ohne Durchhänger kommt der Abend allerdings nicht aus. „The Trickster“ gehört für mich dazu. Der Song funktioniert auch auf dem Album nicht wirklich für mich. Zu sensibel, zu sehnsüchtig, zu sehr Chanson. Das ist mir dann doch ein bisschen zu viel Bohème. Aber „Rive Droite“ fängt mich anschließend wieder ein. Ein zurückhaltendes Jazz-Fundament, Justin Jones’ perlende E‑Gitarre und diesw intime, beschwörende Stimme. Genau hier zeigt sich, warum diese Band nach all den Jahren noch interessant ist. Eigentlich wäre jetzt Schluss. Aber natürlich gibt es noch ein Encore. Mit „Slow Pulse Boy“, längst eine ihrer langlebigen Hymnen, verabschieden sich And Also the Trees endgültig. Ein starkes Finale, das noch einmal den Bogen zum rauen „Rooftop“ vom Anfang schlägt. Dann kommt Rive Droite – und holt mich wieder zurück. Ein zurückhaltendes Jazz-Fundament, Justin Jones’ perlende E‑Gitarre und die intime, beschwörende Stimme von Simon Jones. Genau diese Mischung funktioniert bei And Also the Trees einfach verdammt gut.
Eigentlich ist damit Schluss. Aber natürlich gibt es noch ein Encore. Mit „Slow Pulse Boy“, längst eine ihrer langlebigen Hymnen, beenden sie den Abend endgültig. Ein starkes Finale, das noch einmal den Bogen zum rauen „Rooftop“ vom Anfang schlägt.
Ein runder Abend
Am Ende passt der Abend ziemlich gut zusammen: der leicht aus der Zeit gefallene Kulttempel, Catherine Graindorge mit ihrer düsteren Geige und And Also the Trees mit ihrem ganz eigenen Mix aus Melancholie, Post-Punk und britischer Theatralik. Vor allem Graindorge bleibt bei mir hängen. Und Simon Jones sowieso – schon allein, weil man heutzutage nicht mehr allzu viele Sänger sieht, die sich so konsequent weigern, einfach nur Sänger zu sein. Wir sind jedenfalls alle happy mit dem Abend. Und weil das Konzert so früh angefangen hat, bleibt sogar noch Zeit, rechtzeitig zu Hause zu sein und das Debakel der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland zu verfolgen. Na ja. Wen interessiert’s. Hauptsache der Konzertabend war gut!




