And Also The Trees ist eine englische Post‑Punk‑Band aus dem Dorf Inkberrow in Worcestershire, gegründet 1979 von den Brüdern Simon und Justin Jones sowie Graham und Nicholas Havas. Früh machten sie im Umfeld von The Cure auf sich aufmerksam, tourten mit ihnen und ließen ihre ersten Veröffentlichungen von Robert Smith und Lol Tolhurst produzieren. Charakteristisch sind das mandolinenartige Gitarrenspiel von Justin Jones, der poetische, oft sprechgesangsartige Vortrag von Sänger Simon Huw Jones und eine stark von ländlicher englischer Landschaft geprägte, melancholische Atmosphäre. Stilistisch entwickelte sich die Band von düster-atmosphärischem Post‑Punk und Gothic Rock hin zu Einflüssen aus Jazz, Blues und Beatmusik, blieb dabei mit ihrer eigenen, fast zeitlosen Klangsprache aber stets eigenständig und unabhängig. Alben wie „Virus Meadow“ (1986) oder „Farewell to the Shade“ (1989) etablierten ihren Ruf als Band jenseits klarer Genregrenzen. Bis heute gelten And Also The Trees als eigenwillige Konstante im unabhängigen Musikuniversum: nie laut im Mainstream, aber über Jahrzehnte hinweg künstlerisch kompromisslos. Mit ihrer Mischung aus literarischer Bildkraft, elegischer Klangarchitektur und beständiger Weiterentwicklung gehören sie zu den langlebigsten und zugleich unterschätztesten Formationen des britischen Post-Punk und verfügen vor allem in Kontinentaleuropa über eine treue Kult‑Fangemeinschaft.
Mit „The Devil’s Door“ präsentieren And Also The Trees (AATT) einen weiteren faszinierenden Meilenstein – ein poetisches, intensives Album mit einer unterschwelligen dunklen Psychedelia. Es vervollständigt die Trilogie der aktuellen Besetzung: „The Bone Carver“, „Mother-of-Pearl Moon“ – und nun dieses Werk, das wie eine Essenz aus beidem wirkt. Hier finden sich die charakteristischen poetischen Texte, die orchestralen Gitarrenlandschaften und jene cineastische Dramaturgie, die seit jeher zum Markenkern der Band gehören. Doch „The Devil’s Door“ öffnet den Klangraum noch weiter. Gastviolinistin Catherine Graindorge – auf deren Album „Songs for the Dead“ wiederum Simon Huw Jones mitwirkte – erweitert das Spektrum um kammermusikalische und avantgardistische Nuancen. Elf Tracks, kein Alterswerk im klassischen Sinne, kein nostalgischer Rückblick. Vielmehr ein weiterer Schritt in jene schattigen Zwischenreiche, die das britische Brüderpaar seit den frühen Achtzigern kartografiert.
Der Schlüssel zum Album
Der Opener „The Silver Key“ beginnt mit mandolinenartigen Gitarrenfiguren, während der Rhythmus in einem hypnotischen Shuffle pulsiert. Darüber legen sich die gereiften, warmen Bariton-Vocals von Simon Huw Jones, die Sprache und Atmosphäre nahezu untrennbar verschmelzen lassen. Der Song steht exemplarisch für den aktuellen Sound der Band: eine subtile Fusion aus Post-Punk, Dark Jazz und psychedelischer Tiefenschärfe. Kein Zufall, dass gerade dieser Track das Tor öffnet – er funktioniert wie eine Einladung, die Schwelle bewusst zu überschreiten.
Kino für die Ohren
Mit „The Crosshair“ und „Rooftop“ verschiebt sich der Fokus ein wenig. Hier inszenieren sich AATT als Komponisten ihres eigenen imaginären Films. Schroffe, jedoch nie brachiale Gitarren treffen auf orchestrale Arrangements, die zwischen asketischem Minimalismus und schwelgerischer Dichte oszillieren. Klarinetten und Oboen sorgen für eine fast kammermusikalische Textur. Der Wechsel zwischen dunklem Gesang und aufblitzenden Bläsermotiven erzeugt eine subtile Spannung – nicht plakativ, sondern kontrolliert. Die Band baut keine Effekte, sie baut Atmosphären. Und sie weiß genau, wann Stille mehr sagt als Pathos. Mit „The Child In You“ folgt einer der berührendsten Momente des Albums. Filigrane Melodielinien und poetische Bilder verleihen dem Stück eine fragile Offenheit. Demgegenüber steht „Return Of The Reapers“, dessen düstere Rhythmik und knisternde Klanglandschaft den fatalistischen Unterton der Platte verdichten. Das folgende „The Trickser“ kommt mit seichten Chanson-Anleihen daher – und bei allem gibt Simon Jones den larmoyanten Crooner. Dieses Wechselspiel zwischen Verletzlichkeit und latenter Bedrohung, zwischen zart und unheilvoll macht „The Devil’s Door“ zu einem faszinierenden Erlebnis.
Sakrale Tiefe statt großer Geste
Im letzten Drittel gewinnt das Album eine beinahe sakrale Gravität. „As I Dive“ entfaltet sich zu einem verträumten, aber niemals sanftmütigen Song. Das instrumentale „Beginning Of The End“ unterstreicht noch einmal die Vorliebe der Band für cineastische Dramaturgie. Keine klassische Songstruktur, sondern Stimmungen, die sich Schicht um Schicht aufbauen. Zum Abschluss beschwört „Shared Fate“ noch einmal die vertraute dunkle Ästhetik: narrative Tiefe, rhythmische Präzision, kontrollierte Intensität. Große Refrains sucht man vergebens. Doch diese Reduktion ist kein Mangel, sondern Methode. „The Devil’s Door“ verweigert bewusst das Spektakel – und gewinnt gerade dadurch an Wucht.
Vertraut, aber nicht bequem
„The Devil’s Door“ verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und Hingabe. Wer sich die Zeit nimmt, entdeckt ein Werk voller feiner Details, Zwischentöne und emotionaler Tiefe. Es mag abgenutzt klingen, aber dieses Album ist wie ein alter, vertrauter Freund, den man nach langer Zeit wieder sieht und bei dem sich sofort die alte Verbundenheit und Vertrautheit einstellt und man denkt, „Mensch, wir sollten uns wieder häufiger treffen“.


