Die lange Suche zu sich selbst

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Mit Ein Leben lang gesucht“ legt Kae Tempest seinen bislang persönlichsten Roman vor. Wie schon in seinen Gedichten, Theaterstücken und Alben kreist Tempest um Einsamkeit, Identität, Liebe, Klasse und Spiritualität. 

Nicht oft lie­gen Leben und Kunst so nah bei­ein­an­der. Ein Leben lang gesucht“ ist in inten­si­ver Roman über die Suche nach dem eige­nen Platz in der Welt – und über die befrei­ende Kraft, sich selbst end­lich anzu­neh­men. Tem­pest hat alle Sta­tio­nen der Selbst­fin­dung duch­lit­ten: Zunächst iden­ti­fi­zierte sich Tem­pest im Jahr 2019 als queer. Wenig spä­ter trägt Tem­pest den Namen Kae und ver­wen­det für sich statt des bis­he­ri­gen weib­li­chen Pro­no­men she/​her („sie/​ihr“) das geschlechts­neu­trale they (deutsch gele­gent­lich: dey/​dem) zu. Ende April 2025 gab Tem­pest bekannt, ein nicht­bi­nä­rer Trans­mann zu sein, und kün­digte an, die Pro­no­men he/​him („er/​ihn“) für sich zu nut­zen. Dem Coming-out sei eine sehr schwie­rige Zeit vor­aus­ge­gan­gen, Panik­at­ta­cken und die absurde Angst, alles zu ver­lie­ren, wenn er sich die lan­gen rot­blon­den Locken abschnei­den würde, konnte man auf sei­nem Face­book-Account ent­neh­men. Die Tran­si­tion sei eine Reise, deren Ziel man nicht kennt, sagt er. In sei­nem neuen Roman Ein Leben lang gesucht“ geht es um diese schmerz­hafte Reise zu selbst. Doch ist der Roman weit mehr als ein ver­schlüs­sel­ter auto­bio­gra­fi­scher Bericht. Tem­pest nutzt per­sön­li­che Erfah­run­gen als Aus­gangs­punkt, um von etwas Grö­ße­rem zu erzählen.

Ich bin ein Mann.“

Im Mit­tel­punkt der Geschichte steht Molly Tay­lor, genannt Rothko. Die que­ere Haupt­fi­gur ringt über weite Stre­cken des Romans mit der eige­nen Geschlechts­iden­ti­tät. Erst gegen Ende steht die befrei­ende Erkennt­nis: Ich bin ein Mann.“ Um die­sen inne­ren Kon­flikt sicht­bar zu machen, ver­wen­det Tem­pest zunächst kon­se­quent gen­der­neu­trale Neo­pro­no­men. Es dau­ert einige Sei­ten, bis sich diese sprach­li­che Ent­schei­dung in den Lese­fluss ein­fügt, zumal die die deut­sche Über­set­zung dey/​dem zunächst sehr irri­tiert. Aber gerade dadurch wird sie zu einem wir­kungs­vol­len Aus­druck von Roth­kos Zer­ris­sen­heit und Unsi­cher­heit. Die Spra­che macht spür­bar, wie schmerz­haft und kräf­te­zeh­rend die Suche nach dem eige­nen Selbst sein kann. Roth­kos Geschichte han­delt nicht nur von Geschlecht und Iden­ti­tät, son­dern auch von Scham, Erin­ne­rung, Gewalt, Ver­ge­bung und der Mög­lich­keit eines Neuanfangs.

Geerdet durch die Härte des Lebens

Gele­gent­lich droht der Roman ange­sichts sei­ner gro­ßen Gefühle ins Pathe­ti­sche abzu­rut­schen. Doch Tem­pest ver­hin­dert dies durch die scho­nungs­lose Härte der Hand­lung. Dro­gen­ab­hän­gig­keit, Gefäng­nis­auf­ent­halte, Ver­wahr­lo­sung und Selbst­hass sor­gen dafür, dass die Geschichte stets geer­det bleibt. Dabei nimmt Tem­pest jede sei­ner Figu­ren ernst. Selbst die Neben­fi­gu­ren sind kom­plexe Men­schen mit eige­nen Ver­let­zun­gen, Hoff­nun­gen und Wider­sprü­chen. Der gesamte Roman glüht vor Empa­thie und Liebe.

Sich die eigene Wahrheit stellen

Ein Leben lang gesucht“ wirkt wie die kon­se­quente Fort­set­zung eines Gesamt­werks, das sich seit Jahr­zehn­ten mit einer zen­tra­len Frage beschäf­tigt: Wie kön­nen Men­schen trotz aller Brü­che mit ande­ren und mit sich selbst ver­bun­den blei­ben? Tem­pests Ant­wort fällt weder ein­fach noch tröst­lich aus. Sie ist jedoch von gro­ßer Auf­rich­tig­keit geprägt. Das Buch stammt von einem Autor, der schon immer über Iden­ti­tät geschrie­ben hat und inzwi­schen weiß, dass die größte Her­aus­for­de­rung darin besteht, die eigene Wahr­heit aus­zu­hal­ten. Der Roman zeigt, dass Leid und Schmerz letzt­lich zur Ver­söh­nung füh­ren – mit sich selbst aber auch den anderen.

Kae Tempest, Ein Leben lang gesucht

Kae Tem­pest
Aus dem Eng­li­schen von Conny Lösch
Ein Leben lang gesucht
391 Sei­ten
Ver­lag: Suhr­kamp, Ber­lin 2026

Andere Meinungen:

So wie Tem­pest schreibt, ist Lite­ra­tur eine Erin­ne­rung daran, wie viel die Men­schen gemein­sam haben. Das zu lesen, tut gut.

Karin Jan­ker, Süd­deut­sche, 6. März 2026

Ein Leben lang gesucht“ ist die Geschichte eines Über­gangs von einem Geschlecht in ein neues. Wie Rothko das durch­lebt, ist berau­schend und schmerz­haft zu lesen. Es ist ein Buch weit jen­seits der Sehn­sucht, immer am Rand.

Peter Hel­ling, NDR, 6. März 2026