Kevin Morby wurde 1988 in Kansas City, Missouri, geboren und gehört zu jener Generation amerikanischer Indie-Musiker, die Folk, Garage Rock und klassische Songwriter-Traditionen selbstverständlich miteinander verbinden. Schon früh zog es ihn aus dem Mittleren Westen nach New York, wo er zunächst als Bassist der Indie-Folk-Band Woods bekannt wurde. Später gründete er gemeinsam mit Cassie Ramone von den Vivian Girls die Band The Babies. Seit Beginn seiner Solokarriere Anfang der 2010er-Jahre entwickelte sich Morby zu einer der prägenden Stimmen des modernen Americana- und Indie-Folk. Alben wie „Singing Saw“, „Oh My God“ oder „This Is A Photograph“ machten ihn endgültig zum Kritikerliebling. Gemeinsam mit seiner Partnerin Waxahatchee alias Katie Crutchfield gehört er heute zu den wichtigsten Stimmen eines modernen, introspektiven Americana-Sounds.
I’m gonn’Cause prairies, they wildfire
Textauszug aus „Natural Desaster”
Seas hurricane
The hills, they all landslide
Tornados strip the plains
And my whole earth quakes
Mit jedem neuen Album schien sich Kevin Morby bislang ein wenig weiter in den amerikanischen Mythos hineinzuschreiben: staubige Highways, Motellichter, Flüsse, Kirchen, Geisterstädte. In seinem achten Album „Little Wide Open“ wirkt seßhafter, es ist ein Werk über das Älterwerden, über Verwurzelung, Liebe und die leise Angst davor, dass selbst die weiteste Landschaft irgendwann zu eng werden könnte. Vielleicht liegt es an der bevorstehenden Vaterschaft.
Große Namen
Produziert von Aaron Dessner, Gründungsmitglied von The National, wirken die Songs klarer und unmittelbarer, ohne dabei ihre raue Intimität zu verlieren. Sie sind voll warmer Details, aber nie überinszeniert. Dessner selbst sitzt auch an den Instrumenten, neben vielen anderen illustren Gäste wie Amelia Meath, Andrew Barr, Justin Vernon (ja, der von Bon Iver), Katie Gavin, Lucinda Williams und Meg Duffy.
Kein Pathos stattdessen kleine Gesten
Schon der Opener „Badlands“ macht klar, wohin die Reise geht. Gitarren ziehen wie endlose Straßenlinien durch die Arrangements, während Morby mit dieser halb gesprochenen, halb gesungenen Stimme Bilder von religiösen Werbetafeln, Tornados und Einsamkeit zeichnet. Es ist Musik für lange, nächtliche Zugfahrten. „Die Young“ klingt mit seinen zarten Streichern fast leichtfüßig, beinahe euphorisch, bis der Text seine melancholischen Risse offenbart. Morby war schon immer gut darin, große Gefühle beiläufig wirken zu lassen. Statt Pathos gibt es kleine Gesten, kurze Bilder, halbfertige Gedanken – und gerade deshalb treffen die Songs oft unerwartet hart.
Bestechende Americana
Der vielleicht beeindruckendste Song des Albums ist „Javelin“, die vorab veröffentlichte Single. Gemeinsam mit den schwebenden Background-Vocals von Amelia Meath entfaltet der Track eine hypnotische Weite. Auch „Natural Disaster“ gehört zu den emotionalen Höhepunkten. Der über sieben Minuten lange Song entfaltet sich langsam eine fast spirituelle Gravitation. Wenn Lucinda Williams auftaucht, gewinnt der Track zusätzlich an Sogkraft. Das Stück klingt wie ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die längst akzeptiert haben, dass sich manche Wunden nie vollständig schließen.
Der Titelsong „Little Wide Open“ wiederum wirkt wie das emotionale Zentrum der Platte. Acht Minuten lang lässt Morby den Song atmen, statt ihn auf einen klassischen Höhepunkt zuzuschneiden. Pedal-Steel, Streicher und dezente Folk-Elemente öffnen Räume, ohne je kitschig zu werden. Gerade diese Geduld macht das Album so stark: Es will nichts beweisen. Es vertraut darauf, dass die Songs ihre Wirkung entfalten, wenn man ihnen Zeit gibt.
Referenzen – natürlich
Natürlich werden im Zusammenhang mit diesem Sound Referenzen genannt: Bob Dylan, ein wenig Leonard Cohen, hier und da Bruce Springsteen. Aber Morby wirkt nie wie ein bloßer Kurator musikalischer Traditionen. Dafür sind seine Songs zu persönlich, zu fragmentarisch und zu gegenwärtig. Das Album überzeugt mit diesem warmen, organischen Klang, der gleichzeitig modern und zeitlos wirkt. Gerade deshalb funktioniert es auch über die klassische Indie-Folk-Zielgruppe hinaus. Man muss kein Americana-Nerd sein, um diesen Sound zu schätzen. Und obwohl die Platte fast eine Stunde dauert, fließt sie bemerkenswert leicht vorbei. Manche Tracks bleiben zunächst eher Stimmung als konkrete Melodie. Kevin Morby hat viele gute Alben veröffentlicht. Aber selten klang er so angekommen wie hier. Oder wie die Schriftstellerin Rachel Kushner in ihrem Begleittext zum Album über Morby schreibt: „Er hat akzeptiert, dass die Zeit unaufhörlich fließt und man sie nicht aufhalten kann. Stattdessen hat er das Gefühl, dass er auf ihr reitet. Er ist Passagier der Zeit.”


