Kevin Morby

ca. 3 Minu­ten

Kevin Morby wurde 1988 in Kan­sas City, Mis­souri, gebo­ren und gehört zu jener Gene­ra­tion ame­ri­ka­ni­scher Indie-Musi­ker, die Folk, Garage Rock und klas­si­sche Song­wri­ter-Tra­di­tio­nen selbst­ver­ständ­lich mit­ein­an­der ver­bin­den. Schon früh zog es ihn aus dem Mitt­le­ren Wes­ten nach New York, wo er zunächst als Bas­sist der Indie-Folk-Band Woods bekannt wurde. Spä­ter grün­dete er gemein­sam mit Cas­sie Ramone von den Vivian Girls die Band The Babies. Seit Beginn sei­ner Solo­kar­riere Anfang der 2010er-Jahre ent­wi­ckelte sich Morby zu einer der prä­gen­den Stim­men des moder­nen Ame­ri­cana- und Indie-Folk. Alben wie Sin­ging Saw“, Oh My God“ oder This Is A Pho­to­graph“ mach­ten ihn end­gül­tig zum Kri­ti­ker­lieb­ling. Gemein­sam mit sei­ner Part­ne­rin Waxa­hat­chee alias Katie Crutch­field gehört er heute zu den wich­tigs­ten Stim­men eines moder­nen, intro­spek­ti­ven Americana-Sounds.

Kevin Morby, Little Wide Open

Kevin Morby

Little Wide Open

Ver­öf­fent­licht: 15. Mai 2026
Label: Dead Oce­ans

I’m gonn’Cause prairies, they wildfire
Seas hurricane
The hills, they all landslide
Tornados strip the plains
And my whole earth quakes

Text­aus­zug aus Natu­ral Desaster”

Mit jedem neuen Album schien sich Kevin Morby bis­lang ein wenig wei­ter in den ame­ri­ka­ni­schen Mythos hin­ein­zu­schrei­ben: stau­bige High­ways, Motel­lich­ter, Flüsse, Kir­chen, Geis­ter­städte. In sei­nem ach­ten Album Little Wide Open“ wirkt seß­haf­ter, es ist ein Werk über das Älter­wer­den, über Ver­wur­ze­lung, Liebe und die leise Angst davor, dass selbst die wei­teste Land­schaft irgend­wann zu eng wer­den könnte. Viel­leicht liegt es an der bevor­ste­hen­den Vaterschaft. 

Große Namen

Pro­du­ziert von Aaron Dess­ner, Grün­dungs­mit­glied von The Natio­nal, wir­ken die Songs kla­rer und unmit­tel­ba­rer, ohne dabei ihre raue Inti­mi­tät zu ver­lie­ren. Sie sind voll war­mer Details, aber nie über­in­sze­niert. Dess­ner selbst sitzt auch an den Instru­men­ten, neben vie­len ande­ren illus­tren Gäste wie Ame­lia Meath, Andrew Barr, Jus­tin Ver­non (ja, der von Bon Iver), Katie Gavin, Luc­inda Wil­liams und Meg Duffy.

Kein Pathos stattdessen kleine Gesten

Schon der Ope­ner Bad­lands“ macht klar, wohin die Reise geht. Gitar­ren zie­hen wie end­lose Stra­ßen­li­nien durch die Arran­ge­ments, wäh­rend Morby mit die­ser halb gespro­che­nen, halb gesun­ge­nen Stimme Bil­der von reli­giö­sen Wer­be­ta­feln, Tor­na­dos und Ein­sam­keit zeich­net. Es ist Musik für lange, nächt­li­che Zug­fahr­ten. Die Young“ klingt mit sei­nen zar­ten Strei­chern fast leicht­fü­ßig, bei­nahe eupho­risch, bis der Text seine melan­cho­li­schen Risse offen­bart. Morby war schon immer gut darin, große Gefühle bei­läu­fig wir­ken zu las­sen. Statt Pathos gibt es kleine Ges­ten, kurze Bil­der, halb­fer­tige Gedan­ken – und gerade des­halb tref­fen die Songs oft uner­war­tet hart.

Bestechende Americana

Der viel­leicht beein­dru­ckendste Song des Albums ist Jave­lin“, die vorab ver­öf­fent­lichte Sin­gle. Gemein­sam mit den schwe­ben­den Back­ground-Vocals von Ame­lia Meath ent­fal­tet der Track eine hyp­no­ti­sche Weite. Auch Natu­ral Dis­as­ter“ gehört zu den emo­tio­na­len Höhe­punk­ten. Der über sie­ben Minu­ten lange Song ent­fal­tet sich lang­sam eine fast spi­ri­tu­elle Gra­vi­ta­tion. Wenn Luc­inda Wil­liams auf­taucht, gewinnt der Track zusätz­lich an Sog­kraft. Das Stück klingt wie ein Gespräch zwi­schen zwei Men­schen, die längst akzep­tiert haben, dass sich man­che Wun­den nie voll­stän­dig schlie­ßen. 
Der Titel­song Little Wide Open“ wie­derum wirkt wie das emo­tio­nale Zen­trum der Platte. Acht Minu­ten lang lässt Morby den Song atmen, statt ihn auf einen klas­si­schen Höhe­punkt zuzu­schnei­den. Pedal-Steel, Strei­cher und dezente Folk-Ele­mente öff­nen Räume, ohne je kit­schig zu wer­den. Gerade diese Geduld macht das Album so stark: Es will nichts bewei­sen. Es ver­traut dar­auf, dass die Songs ihre Wir­kung ent­fal­ten, wenn man ihnen Zeit gibt.

Referenzen – natürlich

Natür­lich wer­den im Zusam­men­hang mit die­sem Sound Refe­ren­zen genannt: Bob Dylan, ein wenig Leo­nard Cohen, hier und da Bruce Springsteen. Aber Morby wirkt nie wie ein blo­ßer Kura­tor musi­ka­li­scher Tra­di­tio­nen. Dafür sind seine Songs zu per­sön­lich, zu frag­men­ta­risch und zu gegen­wär­tig. Das Album über­zeugt mit die­sem war­men, orga­ni­schen Klang, der gleich­zei­tig modern und zeit­los wirkt. Gerade des­halb funk­tio­niert es auch über die klas­si­sche Indie-Folk-Ziel­gruppe hin­aus. Man muss kein Ame­ri­cana-Nerd sein, um die­sen Sound zu schät­zen. Und obwohl die Platte fast eine Stunde dau­ert, fließt sie bemer­kens­wert leicht vor­bei. Man­che Tracks blei­ben zunächst eher Stim­mung als kon­krete Melo­die. Kevin Morby hat viele gute Alben ver­öf­fent­licht. Aber sel­ten klang er so ange­kom­men wie hier. Oder wie die Schrift­stel­le­rin Rachel Kush­ner in ihrem Begleit­text zum Album über Morby schreibt: Er hat akzep­tiert, dass die Zeit unauf­hör­lich fließt und man sie nicht auf­hal­ten kann. Statt­des­sen hat er das Gefühl, dass er auf ihr rei­tet. Er ist Pas­sa­gier der Zeit.”